Wo die Heiligen vorüberzieh’n
Seele, wie verhältst du dich in dieser papstlosen Zeit? Lies, was der heilige Bischof Alphons Maria von Liguori zu diesem Thema schreibt. Er schickte einem Mitbruder im bischöflichen Amt zum Anlaß einer Sedisvakanz den folgenden Brief: „Alle menschliche Wissenschaft und Klugheit dieser Welt kann die Kirche nicht aus ihrem gegenwärtigen Zustand der Erschlaffung und Verwirrung befreien, in der sich alle Glieder der Kirche befinden.“
Hochgelobt seien Jesus, Maria und Joseph.Arienzo, 24. Oktober 1774
Sehr geehrte Exzellenz,
mein lieber Freund und Herr!
Was meine Meinung zur gegenwärtigen Lage der Kirche und der Wahl des neuen Papstes betrifft: Welches Gewicht kann das Urteil eines erbärmlichen, ungebildeten und erdhaften Menschen, wie ich einer bin, haben? Jetzt braucht es Gebet und noch einmal Gebet.
Alle menschliche Wissenschaft und Klugheit dieser Welt kann die Kirche nicht aus ihrem gegenwärtigen Zustand der Erschlaffung und Verwirrung befreien, in der sich alle Glieder der Kirche befinden. Der allmächtige Arm Gottes ist notwendig.
Was die Bischöfe betrifft: Nur sehr wenige von ihnen besitzen einen echten Eifer für die Seelen. Fast alle religiösen Gemeinschaften – man könnte das „fast“ streichen – sind lau. Als Folge der allgemeinen Verwirrung ist die Befolgung der Ordensregeln zusammengebrochen. Der Gehorsam ist ein Relikt der Vergangenheit. Der Zustand des Weltklerus ist noch schlimmer.
In einem Wort: Wir brauchen eine Reform der Kleriker und Ordensleute, wenn die gegenwärtige Verdorbenheit unter den Laien geheilt werden soll.
Deshalb müssen wir zu Jesus Christus beten, daß er uns jemanden als seinen Stellvertreter schicke, der mehr vom Eifer für die Ehre Gottes beseelt ist, als von der menschlichen Klugheit und persönlichen Neigungen. Er sollte zu keiner Partei gehören und vom Verlangen nach menschlicher Ehre frei sein. Sollten wir einen Papst bekommen, der die Ehre Gottes nicht als sein einziges Ziel verfolgt – das wäre zu unserem großen Unglück – , wird Christus ihm nicht sonderlich beistehen. Die gegenwärtigen Zustände werden sich dann vom Schlimmen zum Schlimmeren entwickeln.
Doch das Gebet ist ein Heilmittel für viele Krankheiten. Es wird den Heiland bewegen, den gegenwärtigen Zustand zu heilen. Deshalb habe ich alle Häuser meiner demütigen Redemptoristen-Kongregation angewiesen, inbrünstiger als je zuvor für die Wahl des neuen Pontifex zu beten. Auch die Priester meiner Diözese – Weltpriester und Ordensmänner – habe ich aufgetragen, in jeder Messe das Gebet pro electione Pontificis zu rezitieren.
Ich hoffe, der Heiland erleuchtet das Heilige Kardinalskollegium, die päpstlichen Nuntien weltweit anzuweisen, Sorge zu tragen, daß dieses Gebet von jedem Priester bei jeder Messe gesprochen wird. Dies ist der erste Ratschlag, den ein erbärmlicher alter Mann wie ich geben kann.
Ich werde es nicht versäumen, mehrmals pro Tag für die Wahl des neuen Papstes zu beten. Welchen Nutzen werden meine erkalteten Gebete haben? Trotzdem. Ich vertraue auf die Verdienste Jesu Christi und Unserer lieben Frau, daß der Heiland mir – vor meinem Tod, der angesichts meines Alters bald bevorsteht – die Tröstung gewähren wird, die Kirche erneuert zu sehen. [Anm.: Der Heilige wird noch weitere 13 Jahre leben]
Ich versichere euch, daß es mein größter Wunsch ist, Heilmittel für die gegenwärtige betrübliche Lage der Kirche zu finden. In meinem Kopf geistern tausend Gedanken herum, die ich allen erzählen möchte. Aber, ich weiß um meine Unwürdigkeit. Ich besitze nicht die Keckheit, meine Gedanken zu veröffentlichen. Auch sollte ich mir nicht wünschen, die ganze Welt zu verändern. So teile ich diese Gedanken nur Ihnen mit, nicht aus Stolz, sondern um meines Seelenfriedens willen.
Da es zur Zeit viele unbesetzte Kardinalsposten gibt, hoffe ich zuerst, daß der neue Papst unter den vorgeschlagenen Kandidaten nur die Gebildetsten und um das Wohl der Kirche Bemühtesten auswählen wird. Im ersten Schreiben, das die Wahl des neuen Papstes mitteilt, soll er den Prinzen der verschiedenen Länder mitteilen, daß sie, sofern sie Kandidaten für die Kardinalswürde nominieren wollen, nur jene Kandidaten vorschlagen sollen, deren Frömmigkeit gewiß ist. Andernfalls könnte er sie nicht mit gutem Gewissen ernennen.
Ich wünsche mir, daß der nächste Papst denen, die bereits über ein ausreichendes Einkommen verfügen, keine weiteren Gunsterweise gewährt. In dieser Sache würde ich gerne sehen, daß der Heilige Vater allen entgegengesetzen Bemühungen zum Trotz unverrückbar feststeht.
Weiter wünsche ich mir, daß der neue Papst die Geldverschwendung der Prälaten im Auge behält. Er sollte exakt vorschreiben, was für die jeweilige Gruppe von Prälaten angemessen ist: So viele Diener und keinen mehr, so viele Pferde und keines mehr, so viele Reisen und keine mehr, etc. Das wird sicherstellen, daß die Feinde der Kirche keine Nahrung für ihre Kritik finden.
Der neue Papst sollte wachsam sein und nur denen Wohltaten erweisen, die der Kirche und nicht sonst jemandem dienen. Er sollte die Bischöfe mit besonderer Sorgfalt auswählen, denn ihnen ist der Gottesdienst und die Heiligung der Seelen anvertraut. Er sollte sich selbst mit großer Achtsamkeit im voraus über deren moralischen Wandel und ihre persönlichen Neigungen informieren. Beide üben einen großen Einfluß auf die Leitung einer Diözese aus.
Über jene Bischöfe, die bereits im Amt sind, soll sich der Papst im Geheimen – bei den Metropoliten oder anderen – über deren Lebenswandel informieren. So kann er herausfinden, falls sie die Sorge um das Wohl ihrer Herde vernachlässigen.
Zudem wünschte ich, daß der Papst jeden einzelnen Bischof, der seine Pflichten vernachlässigt, sich in der Sorge um seinen Palast verliert und im Luxus versündigt, für Möbel, Lebensstil und ähnliche Dinge einen unangemessenen Aufwand treibt, von seinem Amt suspendiert oder durch die Ernennung apostolischer Vikare ersetzt wird. Dadurch kann die Lage zum Besseren gewendet werden.
Hin und wieder ist es wichtig, ein Exempel zu statuieren. Warnende Beispiele dieser Art werden andere Bischöfe ermuntern, sich in ihrer Extravaganz zu mäßigen.
Ich hoffe, daß der nächste Papst mit Privilegien, welche die Disziplin und das geistliche Leben schwächen, sehr sparsam umgehen wird. Solche Privilegien sind, wenn zum Beispiel kontemplativen Schwestern erlaubt wird, ihre Klausur aus bloßer Neugier zu verlassen, um sich die Dinge dieser Welt anzuschauen. Die Nonnen leichtfertig von ihren Gelübden zu dispensieren und ihnen zu erlauben, in die Welt zurückzukehren, ist eine Praxis, die Anlaß für viele Ärgernisse ist.
Ganz besonders hoffe ich, daß der Papst fähig sein wird, die Ordensleute zu ihrer ursprünglichen Observanz zurückzuführen – zumindest in den allerwichtigsten Bereichen.
Für den Augenblick ist genug gesagt. Ich wünsche nicht, Sie noch länger zu langweilen. Wir können nicht mehr tun, als zum Herrn zu beten, daß er uns einen Hirten gebe, der vom Heiligen Geist erfüllt ist – ein Hirt, der mit den von mir angesprochenen Themen umzugehen weiß und alles zur Ehre Jesu Christi tut.
Empfangen Sie, Exzellenz, meine tiefste Verehrung, während ich mich als ihr ergebener und demütiger Diener verneige.
+ Alphonso Maria, Bischof von Sant’Agata de Goti
Alphons Maria von Liguori (1696-1787) gründete den Orden der Redemptoristen, der sich vor allem um die Volksmission kümmert. 1762 wurde Alphons im hohen Alter von 66 Jahren zum Bischof von S. Agatha dei Goti bei Neapel ernannt. Dieses Bistum hatte jemand einen „Sack mit unreinen Viechern“ genannt. In den letzten Lebensjahren war der Heilige so geschwächt, daß er sich mit einem Strohhalm ernähren mußte und die Messe nur noch sitzend lesen konnte. Er starb zurückgezogen im Mutterhaus seines Ordens. 1816 wurde Alphons selig-, 1839 heiliggesprochen. 1871 erhob Papst Pius IX. den „hervorragendsten und mildesten unter den Moraltheologen“ zum Kirchenlehrer. 1950 wurde er zum Patron der Beichtväter und Sittenlehrer erklärt.
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Donnerstag, 14. April 2005 07:33
Konrad: Danke für den Text
Vielen Dank für diese guten Worte des hl. Alfons. Er zeigt, dass die Probleme, die manche einseitig dem II.Vatikanum zuschreiben, schon immer – leider!! – in der Kirche existierten. Könnten Sie bitte den Text des Gebetes „pro electione Pontificis“ herausfinden und publizieren?
Mittwoch, 13. April 2005 18:26
Ireneus: Der „gegenwärtigen Zustand
der Erschlaffung und Verwirrung“ bestand bereits als der Papst lebte (und er lebt jetzt intensiver und
überlegener als je zuvor)
Aber gerade die Körperschaften, die heute die papstlose Zeit bejammern, beleidigten Papstamt wie Kirchführung vordem als Erste.
Sie werden die Ersten sein, die den neuen Papst bekriteln.
Überdies ist die Fragestellung
„Seele, wie verhältst du dich in dieser papstlosen Zeit?“
bizarr.
Fragte die Seele vorher in ihrem Verhältnis zu Jesus Christus den Papst?
Ireneus
Aber gerade die Körperschaften, die heute die papstlose Zeit bejammern, beleidigten Papstamt wie Kirchführung vordem als Erste.
Sie werden die Ersten sein, die den neuen Papst bekriteln.
Überdies ist die Fragestellung
„Seele, wie verhältst du dich in dieser papstlosen Zeit?“
bizarr.
Fragte die Seele vorher in ihrem Verhältnis zu Jesus Christus den Papst?
Ireneus
Mittwoch, 13. April 2005 18:13
Marcel: Wunderschöne Worte
… dieses Heiligen. Und so aktuell wie eh und je. Zeitlos, wie die Kirche.
Mögen auch wir so einen Papst von Gott geschenkt bekommen, wie dieser Heilige erbat.
Und diesen Satz muß ich mir übers Bett hängen, wenn mir wieder einmal die Zweifel ob meiner armseligen Gebete überkommen drohen: „Welchen Nutzen werden meine erkalteten Gebete haben? Trotzdem. Ich vertraue auf die Verdienste Jesu Christi und Unserer lieben Frau, daß der Heiland mir (…) die Tröstung gewähren wird, die Kirche erneuert zu sehen.“
Amen.
Mögen auch wir so einen Papst von Gott geschenkt bekommen, wie dieser Heilige erbat.
Und diesen Satz muß ich mir übers Bett hängen, wenn mir wieder einmal die Zweifel ob meiner armseligen Gebete überkommen drohen: „Welchen Nutzen werden meine erkalteten Gebete haben? Trotzdem. Ich vertraue auf die Verdienste Jesu Christi und Unserer lieben Frau, daß der Heiland mir (…) die Tröstung gewähren wird, die Kirche erneuert zu sehen.“
Amen.
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