16:35:27 | Dienstag, 17. November 2009
„Wer das Tao hat, spricht nicht darüber, und wer darüber spricht, der hat es nicht“. Eine Rezension von Rudolf Steinmetz.

Das Buch ‘Weisheit. Über das, was uns fehlt’ von Gert Scobel
(kreuz.net) Der deutsche Kulturjournalist und Zeitdieb bei ‘3Sat’, Gert Scobel (50), hat seine Scobeleien
in ein Buch verpackt.
Scobel ist ein deutscher Fernsehmoderator, der in der Vergangenheit katholische
Theologie studiert hat.
Über 130 Quadratmeter bestes Papier, makellos gebunden – was hätte man Wunderbares
darauf drucken können!
Statt dessen erschien letztes Jahr seine 480seitige Zumutung unter dem Titel
„Weisheit. Über das, was uns fehlt“.
Wer Masochist ist, und zuviel Zeit hat, mag sein Buch ganz lesen.
Gefolterte NaturDas Werk erinnert an die Gestalt von Father Joseph, dem der britische Schriftsteller
Aldous Huxley († 1963) in seinem Essay ‘Grey Eminence’ im Jahr 1941 ein literarisches Denkmal gesetzt
hat.
Father Joseph ist ein ebenfalls blitzgescheiter und gefürchteter Helfershelfer von Kardinal Richelieu.
Er will sein Wirken in der Politik für Frankreich – unter anderem die Anfachung des Dreißigjährigen
Krieges – durch Meditationen über das Kreuz heiligen.
Scobels Krieg richtet sich gegen die Natur, deren
Geheimnisse ihr gemäß dem englischen Empiristen Francis Bacon († 1626) durch Folter entrissen werden
sollen.
In dieser Folterwerkstatt kennt sich Scobel aus. Er war selber Max-Planck-Stipendiat und hat
Umgang mit Nobelpreisträgern.
Wie für Father Joseph ist auch für Scobel alles gut und schön, was
dem „Fortschritt“ dient. Auch er möchte das wie Pater Joseph durch Meditation und Weisheit heiligen.
Pater Joseph endete allerdings in Verzweiflung und schrie auf dem Totenbett nach der Generalbeichte.
Der schlaue Scobel möchte diesem Schicksal durch das Heraufbeschwören buddhistischer Einsichten entkommen.
Von der Religion zum Religiönchen„Wer das Tao hat, spricht nicht darüber, und wer darüber spricht,
hat es nicht“, lautet eine fernöstliche Maxime.
Doch Scobel spricht unentwegt. Er versucht, Hirnforschung,
Chaostheorie und komplexe Systeme in seinen Hut zu stopfen. Das kommt dem Versuch nahe, den Ozean mit
einem Eimer auszuleeren.
Darum ist Scobel gezwungen, das Meer des höheren Wissens auf eine Pfütze zu
reduzieren, die in seine kleine Welt hineinpaßt.
Sein fundamentaler Denkfehler besteht darin, rationales
mit spirituellem Wissen zu identifizieren. Dafür ruft er die Philosophen Immanuel Kant († 1804) und Georg
Wilhelm Friedrich Hegel († 1831) als Zeugen auf.
Daß er den großen Platon in die Pfanne haut, zeugt
von seiner profunden Unkenntnis der inneren Kohärenz der Weisheitstraditionen.
Scobel ist auch gegen
jene Torheit nicht gefeit, die auf die Religion verzichtet und sich statt dessen aus diversen Versatzstücken
ein Privat-Religiönchen zusammenschustert.
Da kann man nur sagen: Gott bewahre! Denn das rationale Wissen
ist immanent, das spirituelle transzendent.
Um von hier nach dort zu kommen, bedarf es Schritte und Voraussetzungen,
die im „Buddhismus-Light“ von Scobel nicht vorhanden sind.
Wie lesen?Meditation alleine genügt nicht.
Denn schon die Wüstenväter wußten, daß sich auch der Teufel – als verkleideter Engel – in das Herz
des Frommen schleicht.
Aber bei Scobel gibt es kein Herz. Sein Zentralorgan ist das Gehirn mit dem Meterstab.
Dabei macht Scobel einen Denkfehler. Er glaubt, daß die islamischen Philosophen ihre Wissenschaft so
betrieben, wie die angeblich aufgeklärten Denker des Abendlandes – im Widerspruch zum Glauben.
Doch
diesen Fehler haben bedeutende Leute wie Averroes († 1198) oder Avicenna († 1037) nie gemacht. Für sie
war die Wissenschaft ein Lesen im Buche der göttlichen Zeichen.
Um dieses Zeichen richtig zu verstehen,
ist das tägliche Gebet unerläßlich – und zwar unter Aufsicht eines Autorisierten. Erst dann öffnen
sich die Pforten der Wahrnehmung.
Darüber wurde für Uneingeweihte wie Scobel nichts geschrieben. Denn
wer das Tao hat, spricht nicht darüber.
Gert Scobel, „Weisheit, Über das, was uns fehlt“, DuMont Verlag,
Köln 2008, ISBN-13 97838 32180164, Gebunden, 480 Seiten, Euro 24,90.
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