13:45:27 | Sonntag, 20. Dezember 2009
Wenn Kardinal Joachim Meisner sich in Rom aufhält, fragen ihn Kardinäle aus aller Welt: „Was ist denn mit Euch Deutschen los?“

Der Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner
© Pressefoto Erzbistum Köln(kreuz.net, Köln) Die Familie ist Vater, Mutter, Kinder. Diese Binsenwahrheit gab der Kölner Erzbischof,
Joachim Kardinal Meisner, im Interview mit dem Radiosender ‘Deutschlandfunk’ zum besten.
Die Familie
entspreche dem trinitarischen Gott, der die Menschen als Ebenbilder erschaffen hat – erklärt der Erzbischof
und wiederholt umstrittene theologische Spekulationen von Johannes Paul II. († 2005):
„Ich kenne eine
berühmte Ikone, die zeigt oben am Bildrand Gottvater, darunter die Geisttaube und da drunter den Jesusknaben.
Im Hintergrund steht der Schriftzug »Sanctissima trinitas increata« – die ungeschaffene Dreifaltigkeit.
Und unten stehen neben dem Jesuskind Maria und Josef, und auf dieser horizontalen Linie steht »Sanctissima
trinitas creata« – die geschaffene Dreifaltigkeit.“
Es ist unklar, welche „berühmte Ikone“ der Kardinal
meint.
Es fehlen die Heiligen der GegenwartIm Interview erklärte der Kardinal, daß er eine christliche
Partei für mehrheitsfähig hält. Sie müßte versuchen, privat und offiziell nach den Maximen des Evangeliums
zu leben.
In der Politik und auch in der Kirche mangle es an „Bekennermut“: „Hier würde ich mir manchmal
auch bei Bischöfen und auch bei manchen Priestern ein offeneres Wort der Kritik wünschen, aber immer
in dem Bewußtsein: Wer stehe, sehe zu, daß er nicht falle.“
Kardinal Meisner erinnert an die Bedeutung
von Vorbildern. „Was hat mir schon als Priester der Kardinal [Karol] Woytila bedeutet oder mein Heimatbischof
[Hugo] Aufderbeck († 1981).
Oder was hat mir meine arme Mutter bedeutet, die uns vier Jungens ohne Vater
nach dem Krieg durchbringen mußte? Das prägt mich bis heute, von diesem Kapital lebe ich bis heute.“
Solche Vorbilder sucht der Kardinal bei den gegenwärtigen Leuten bis jetzt vergebens.
Was ist bloß
in Deutschland losWenn der Kirchenfürst nach Rom reist – „das geschieht oft“ – fragen ihn die Kardinäle
aus aller Welt: „Was ist denn mit Euch Deutschen los?“
Kardinal Meisner muß die Erfahrung machen: „Der
Papst wird hoch geachtet und geliebt in aller Welt. Und in Deutschland? Ich schäme mich oft.“
Der Kirchenfürst
hat den „berechtigten Verdacht“, daß jene Kreise – die dem Papst schon als Präfekt der Glaubenskongregation
widersprochen haben – hervorgekommen sind und auf den Papst einschlagen.
Im Volk Gottes sei die Sympathie
für den Papst noch groß: „Nur – die äußern sich zu wenig.“
Das Kriterium, woran Kardinal Meisner
die Sympathie mißt, sind die wachsenden Pilgerzahlen aus Deutschland nach Rom.
Der Kardinal zitiert
ein Wort, das er selber „nicht so ganz mag“: „Zu Johannes Paul II. ist man gekommen, um ihn zu sehen.
Zu Benedikt XVI kommt man, um ihn zu hören.“
Das Problem sind die lauen KatholikenZum Islam sagte
Kardinal Meisner, daß er seine Stärke nicht fürchte, sondern die Schwäche der Christen.
Der Kardinal
steht hinter der Religionsfreiheit. Muselmanen hätten ein Recht, ihre Religion zu leben bis hin zum Moscheenbau:
„Aber wenn gleichzeitig in Europa verboten wird oder geboten wird, daß wir die Kreuze abnehmen – Europäischer
Gerichtshof [für Menschenrechte] –, und ein deutsches Gericht verfügt, daß in einer deutschen Schule
ein Zimmer für muslimische Schüler zum Gebet freigemacht werden muß, dann ist das so eine Asymmetrie,
daß die Leute sagen, hier stimmt doch was nicht.“
Aus dieser Asymmetrie kommt „die ganze Aversion gegen
unsere muslimischen Mitbürger“.
Wenn in Deutschland wie in der Schweiz eine Abstimmung wäre über ein
Minarettverbot, würde es nach der Meinung des Kardinals wie in der Schweiz positiv ausfallen: „Das müssen
die Politiker ins Kalkül ziehen.“
Kardinal Meisner fordert für Christen in muselmanischen Staaten dieselben
Rechte wie sie Muslime in Europa besitzen.
Er erinnert an einen Kirchenbau vor fünf Jahren in Katar,
einem Emirat mit 900.000 Einwohnern und 100.000 christlichen Gastarbeitern.
Diese Kirche mußte per Gesetz
ohne Turm, ohne Glocke und ohne Kreuz errichtet werden.
Ohne Gott verdreckt EuropaZur Frage, wo die
christliche Seele Europas geblieben sei, sagte Kardinal Meisner, daß er sich das selber frage:
„Sehen
Sie mal, wenn Sie den Rhein von seiner Quelle trennen, dann läuft das Wasser ab und es bleibt nur Schlick
und Dreck übrig.
Das passiert uns auch in der europäischen Kultur, wenn wir uns vom Ursprung, von der
Quelle Europas lösen.“
Die Gesellschaft möchte Kardinal Meisner nach den Maßstäben bemessen, wie
sie ihre Kinder, von den Ungeborenen bis zu den Sterbenden, umsorgt und für sie eintritt.
Sein persönliches
Glück hängt „nicht ab von meinem Kontostand, sondern von meiner Freude an Gott, von dem ich mich getragen
und geliebt weiß.“
Die HölleAbschließend erzählte Kardinal Meisner eine Anekdote, als er in der
DDR als Patient über ein halbes Jahr im Krankenhaus liegen mußte.
Sein Zimmerkollege war Atheist und
fragte den späteren Kardinal nach seinem Glauben.
Darauf stellte er zwei Fragen: „Möchtest du ungeliebt
sein? Glaubst du, daß ein Mensch den Satz über die Lippen bringt, ich möchte niemand haben, der mich
liebt.“
Der Atheist stöhnte und sagte: „Das wäre ja die Hölle“.
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