16:07:31 | Donnerstag, 24. Dezember 2009
Die Verwandlung der weihnachtlichen Botschaft vom Erlöser in ein menschliches Erlösungsprojekt macht gute Fortschritte. Von Hubert Hecker.

Weihnachten nach Fra Angelico († 1455)
(kreuz.net) Immer weniger Christen wissen um den Inhalt des Weihnachtsfestes – so die Umfragen.
Im öffentlichen
Raum fördern
Jahresendzeitfiguren wie Weihnachtsmann oder Werbeengel den Konsumrausch zum Wohle der Einzelhandelsbilanzen.
Die Geschäftswelt hat mit dem Xmas-Fest eine Kaufreizsaison geschaffen, die mit dem christlichen Weihnachtsfest
nur noch einige Äußerlichkeiten gemein hat.
Das braucht man den Marketingleuten nicht zum Vorwurf machen.
„Nicht mehr vermittelbar“Bei der Kirche liegt es im argen, wenn den Katholiken der Sinn für Advent
und die Botschaft von der Ankunft des Erlösers nicht mehr erklärt wird.
In den hessischen Lehrplänen
für katholische Religionslehre sind Advent, Weihnachten und die Geburt des Erlösers kein Thema.
Die
vielen Engelauftritte im Kindheitsevangelium von Matthäus und Lukas sowie die Jungfrauengeburt seien
den Schülern der Moderne nicht mehr vermittelbar – heißt es.
Gelegentlich wird die weihnachtliche Hirtengeschichte –
natürlich ohne das Engels-Gloria – mit dem sozialpädagogischen Lernziel behandelt, daß man sozial ausgegrenzte
Gruppen wie die Hirten heute besser integrieren sollte.
Das Fleisch im Fleische zu befrei’n

Vom französischen
Maler William Bouguereau († 1905)
Klassischer Realismus

Vom italienischen Maler Lorenzo Monaco († 1425)
Gotik

Vom italienischen Maler Giotto di Bondone († 1337)
Wegbereiter der Renaissance

Vom spanischen Maler
Bartolomé Esteban Murillo († 1682)
Barock

Vom italienischen Maler Federigo Barocci († 1612)
Beginn des
Barock

Vom britischen Maler Edward Coley Burne-Jones († 1898)

Vom niederländischen Maler Gerard David († 1523)
Renaissance

Vom italienischen Maler Orazio Gentileschi († 1639)
Barock
Kaplan mit EinkaufswagenAuch in
den Gottesdiensten werden die Advents- und Weihnachtsmysterien vielfach zu Regeln der Alltagsbewältigung
banalisiert – wie kürzlich beim Familiengottesdienst zum ersten Advent in der Pfarrkirche Sankt Martin
Frickhofen – dem größte Ortsteil der hessischen Gemeinde Dornburg im Landkreis Limburg-Weilburg.
Zur
Demonstration des Themas ‘vorweihnachtlicher Streß’ fuhr der Kaplan durch den Mittelgang einen Einkaufswagen.
Dabei kommentierte er die Streßfaktoren wie Geschenke kaufen, Karten-schreiben, Weihnachtsbaum aussuchen
jeweils anschaulich.
Kinder und Erwachsene formulierten Vorsätze und Überlegungen, wie sie sich in
ihren Lebenssituationen vorbereiten könnten auf die Ankunft des Herrn.
In der Predigt resümierte der
Geistliche das Lernziel des Gottesdienstes: Der Sinn von Advent sei, durch Streßabbau und Ruhe zur Besinnung
zu kommen, damit wir unsere Herzen auf die Ankunft des Herrn vorbereiten.
Am Seitenaltar der Kirche war
schon die Krippenszene aufgebaut mit dem adventlichen Thema: Johannes predigt am Jordan zu Umkehr, Buße
und Vorbereitung auf den Heiland und Erlöser.
Aber diese wirklich adventlichen Rufe und Rufer kommen
heute in den Kirchen kaum zur Sprache. Sie sind halt nicht mehr „zeitgemäß“.
Die wesentlichen Strophen
werden weggelassenDie alten Adventslieder werden zwar aus Rücksicht auf das ältere Kirchenvolk noch
gesungen, aber die wesentlichen Strophen des adventlichen Bangens werden oftmals ausgelassen:
„Wo bleibst
Du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? Hier leiden wir die größte Not, vor Augen
steht der ewig Tod. Ach komm, führ uns mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland.“
Auch die Limburger
Jugendkirche
‘cross over’ bietet einen erlebnisorientiert entleerten Besinnungskurs an:
„Waiting for:
Komm runter … aus der Hektik der Wochen vor Weihnachten aussteigen und zur Ruhe zu kommen.“
Aber am
Weihnachtsfest und in seinem Festkreis – da kommt doch die ganze Fülle der Erlösungsbotschaft zum Vorschein?
Nein, auch das Weihnachtsfest wird kirchlicherseits vielfach banalisiert.
Zeitgeist statt Religion
Im Weihnachtsgruß an die Mitarbeiter des Pastoralen Raums Blasiusberg werden die Engel der biblischen
Weihnachtsgeschichte aufgegriffen und ins Zeitgeistliche verweltlicht:
„Engel sind Menschen wie Du und
ich, die sich ehrenamtlich engagieren und einbringen mit ihren guten Taten.“
Die Erlösungshoffnung des
Jesuiten Pater Friedrich Spee († 1635), daß Gott uns Menschen mit seinem Kommen aus dem Elend der Knechtschaft
der Erbsünde befreit und ins himmlische Vaterland führt, wird durch eine dünne Immanenztheologie ersetzt:
Es gelte, die Geburt Jesu ins Heute zu übersetzen – so die Frankfurter Milieukirche für Meditation –
und damit die „Menschlichkeit des Menschen“ voranzubringen.
Die Weihnachtsausgabe der Kirchenzeitung
betont, daß sich Gottes Menschwerdung in seiner Solidarität mit unserer menschlichen Not zeigt, die
zu überwinden Jesus Christus uns durch sein Leben und seine Lehre anleitet.
Der Bischof mahnt in seinem
Weihnachtsgruß eine „neue Geschwisterlichkeit und Solidarität“ an.
Das Paradies schaffen wir selber
Das Kommen des Erlösers der Welt wird zur Ankunft eines bedeutenden Impulsgebers für die Weltgeschichte
banalisiert.
Die Erlösung wird zur Aufgabe der Christen gemacht. Die Adveniat-Ankündigung fordert dazu
auf, durch unsere Taten „Zeichen der Hoffnung und Solidarität zu setzen“.
„Du veränderst die Welt“,
singt der Chor des Kindernotbundes. Die Medien bangten kürzlich um die „Rettung der Welt“ bei der Klimakonferenz
von Kopenhagen.
Das Paradies schaffen wir selber, denn „jede gute Tat ist ein Regentropfen, der aus Wüsten
Gärten macht“- singt man in dem neuen geistlichen Lied.
Gehegelte WeihnachtenDer deutsche Jesuit Pater
Karl Rahner († 1984), hat die Verwandlung der weihnachtlichen Erlöserbotschaft in ein menschliches Erlösungsprojekt
eingeleitet:
Für Pater Rahner sind die Menschwerdung Gottes und die Menschwerdung des Menschen nur zwei
Seiten der Selbstentäußerung Gottes.
Der Mensch habe von Anfang an das Streben, sich und die Welt zu
transzendieren ins Göttliche.
Aber erst das Kommen des Gottmenschen sei „der Anfang des endgültigen
Gelungenseins der Menschwerdung“.
Das mit Weihnachten Gemeinte sei der Beginn der Bewegung der Selbsttranszendenz
von Mensch und Welt in die absolute Nähe zum Geheimnis Gottes hin.
Sicherlich werden einige deutsche
Bischöfe diese unsäglich verhegelte Weihnachtstheologie von Pater Rahner in ihren Weihnachtspredigten
„ins Heute übersetzen“.
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