15:49:48 | Montag, 25. Januar 2010
Selbsternannte Propheten der Gottlosigkeit stellen sich gerne an Gottes Stelle. Sie behaupten von sich, Erlösung und Paradies zu erschaffen. Doch letztlich geht es immer nur um das eine. Von Hubert Hecker.

Diefenbach spielt in der Kommune Himmelhof bei Wien den Guru.
(kreuz.net) Die ‘Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung’ titelte am 29. November anläßlich einer Ausstellung
von Bildern des Jugendstil-Malers Karl Wilhelm Diefenbach in der Münchener ‘Villa Stuck’:
„Der Jesus
von München. Gerechtigkeit für Karl Wilhelm Diefenbach!“
Nach Angaben der Zeitung war Diefenbach auch
der „gemeinsame Urvater aller Vegetarier und Veganer, aller Nichtraucher und Abstinenzler, aller Nacktbader
und Tierschützer, aller Naturheilkundler und Biobauern, aber auch aller Hippies und Aussteiger, der Weltverbesserer
und Polygamisten, der Wohnkommunarden, der Gurus und Sektenführer“.
Diefenbach wurde 1851 in der Kleinstadt
Hadamar im Westerwald geboren. Er war Sohn eines Zeichenlehrers und wuchs in einer katholischen Familie
auf.
Er besuchte die Münchener Malerakademie, führte ein christliches Leben und sorgte sich um seine
kranken Eltern.
Über die Gründe seines Abfalls von der Kirche um das Jahr 1880 und seines Wandels zum
exzentrischen Kirchenfeind kann nur spekuliert werden – eine Typhus-Erkrankung und ein Pfusch der „Medizin-Pfaffen“ –
wie er sich ausdrückte?
Die Syphilis und sein ausbeuterisches Verhalten Frauen gegenüber?
Oder der
Widerspruch zur Kirche, in den sich Diefenbach mit seinem triebhaften Sexualleben und seinem polygamen
Verhalten hineinmanövrierte?
Diefenbach heiratete im Jahr 1882. Danach flüchtete er zur alleinigen
„Hochzeitsreise“ auf den Hohenpeißenberg nach Oberbayern.
Dort kam es angeblich zu einem Erweckungserlebnis
mit der „göttlichen Mutter Natur“.
In seiner Bekenntnisschrift
„Sonnen-Aufgang“ beschreibt Diefenbach seine esoterische Wendung als Sonnenbegegnung.
Der Maler und Diefenbach-Jünger
Hugo Höppener († 1948) stellte dieses naturkultische Erlebnis später in dem Bild „Lichtgebet“ des nackten
Jünglings an die Sonne dar.
Der Kernsatz von Diefenbachs neuer Heilsbotschaft lautete: „Es ist kein
Gott“ – und Diefenbach ist sein Prophet.
Nach seiner angeblichen Erleuchtung auf dem oberbayrischen Berg
der Erkenntnis kleidete sich Diefenbach in einer härenen Kutte. Er ließ sein Haar und den Bart wachsen
und trug Sandalen.
Die Ideologie, die er von nun an zu Markte trug, war das alte Lied gegen die Lehre
der Kirche und zugunsten einer Vergötzung von Natur und Menschheit.
So erklärt Diefenbach in seinem
Sonnen-Bekenntnis: „Erkenne, Menschheit, deine Mutter, die Natur, die rein und frei als höchstes Wesen
dich geboren und nicht befleckt mit Erbsünde, Fluch und Schande dich in ihr blühend Eden setzte.“
Diese
wirklichkeitsfremde Leugnung der Erbsünde verband Diefenbach mit dem Genfer Philosophen Jean-Jacques
Rousseau († 1778). Sie führt bekanntlich zur Meinung, daß man auf dieser Erde gegen Gottes Gebote und
mit Gewalt ein blühendes Eden durchboxen könne.
Weiter heißt es in Diefenbachs Bekenntnisschrift:
„Erkenne Mensch, daß alle Herrlichkeit des Erdballs verborgen liegt in jedes Menschen Brust. Erkenne
dich, Mensch – in dir ist Gott!“
Die Kurve zur Selbstvergötzung des Menschen haben alle Atheisten des
19. Jahrhunderts gekratzt.
So kam der deutsche Ideologe Ludwig Feuerbach († 1872) schon um 1840 zu dem
Glauben, daß der einzige Gott des Menschen der Mensch selber sei.
Feuerbach hielt diese Erkenntnis für
den Wendepunkt der Geschichte hin zu einem wahren Humanismus als radikale Bejahung und Befreiung der Menschen.
Freiheit als Leben im HaremAuch Diefenbach nannte seine nun folgenden Kommune-Gründungen „Humanitas“.
Offiziell wollte er auf diesen ‘Inseln der Freiheit’ gegen die „Ketten und Niedrigkeiten der umgebenden
Zivilisation eine neue göttlich-natürliche Menschheit“ aufbauen.
Doch in Wahrheit ging es ihm nicht
zuletzt darum, sich ein Privat-Bordell zu organisieren.
Folgerichtig empfand Diefenbach die Ehe als eine
besonders lästige Kette.
Bei seinen vielen Frauen suchte er wie ein selbstherrlicher Haremsherr nach
„fügsamer, wie weiches Wachs mich umgebende Weiblichkeit“.
In seinen Kommunen führte sich Diefenbach
als Pascha auf, der in „Sultanslaune“ zahlreiche junge Frauen neben- und nacheinander verbrauchte.
Heute
würde man von Sex-Sklaven sprechenEs gab schon früher Versuche, die sexuell verkommene Lebensart des
Menschen mit hochtrabenden philosophischen Sprüchen zu rechtfertigen.
Einen solchen Versuch machte schon
die Jüngerschaft des französischen Philosophen Henri de Saint-Simon († 1825).
Der deutsche Dichter
Heinrich Heine († 1856) war zeitweise Anhänger des ‘Saint-Simonismus’.
Entsprechend schwärmt er von
einer „Rehabilitation des Fleisches“, dessen Sinnlichkeit angeblich der „
vornehmste Ort der Offenbarung
Gottes“ sei.
In seiner Kommune ‘Himmelhof’ bei Wien baute Diefenbach nicht nur ein Sultanat des Geschlechtstriebes
auf. Er erwartete als Führer, Lehrer und Meister von seinen Untergebenen unbedingte Gefolgschaft.
Diefenbach
gab vor, mit den ihm alleine dienenden strengen Kommune-Regeln junge Menschen als ideale „Gottmenschen“
heranzubilden.
Als Anleitung zur Erschaffung der neuen Übermenschen las man abends aus dem „Zarathustra“
von Nietzsche.
Polizei und Gerichte machten Diefenbachs ausbeuterischer und finanziell bankrotter Kommune
bald ein Ende.
Der Sex-Apostel zog mit wenigen Getreuen über Triest auf die Insel Capri. Dort starb
er im Jahr 1913.
Das bedeutendste künstlerische Werk des Malers Diefenbach ist das Silhouettenfries
„Per aspera ad astra“.
Es handelt sich um ein 68 Meter langes „gemaltes Manifest“, in dem Diefenbach
seinen Lebenstraum von der „Menschheitserlösung“ bildnerisch darstellte.
Das Fries stellt den Zug von
Menschen dar, die – natürlich in Nacktheit und tänzerischer Jugendlichkeit – im Einklang mit der Pflanzen-
und Tierwelt dem Tempel der Humanitas zuströmen.
Sich selber inszeniert Diefenbach als ein neuer Moses,
welcher der Menschheit den Weg in das gelobte Land der Natur-Erlösung weist.
War er in seiner Naturverehrung
vielleicht auch ein moderner Sankt Franziskus? Wohl kaum.
Denn beim Vergleich mit dem demütigen Heiligen
aus Assisi muß Diefenbach eher als ein hochfahrender Verführer und sexueller Ausbeuter angesehen werden.
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