Am Vorabend des Todes von Johannes Paul II. hielt Joseph Ratzinger in der Nähe von Rom seinen letzten Vortrag als Kardinal. Der Papst lag im Sterben und die brillanten Ausführungen wurden deswegen kaum beachtet. Jetzt ist die Zeit dazu gekommen. Von Papst Benedikt XVI.
(kreuz.net) Wir leben in einer Zeit großer Gefahren und großer Möglichkeiten für den Menschen und
für die Welt. Dieser Augenblick stellt uns auch vor eine große Verantwortung.
Im Laufe des vergangenen
Jahrhunderts sind die Möglichkeiten des Menschen und seine Herrschaft über die Materie in einem unvorstellbaren
Maß gewachsen. Aber die Möglichkeiten des Menschen, über die Welt zu verfügen, haben auch dazu geführt,
daß seine Zerstörungsmacht Ausmaße erreicht hat, die manchmal erschrecken.
Man mag in diesem Zusammenhang
spontan an die Bedrohung durch den Terrorismus denken, dieser neue Krieg ohne Grenzen und Fronten. Befürchtungen,
daß sich Terroristen bald nukleare und biologische Waffen aneignen könnten, sind nicht unbegründet
und haben dazu geführt, daß Rechtsstaaten zu Sicherheitssystemen gegriffen haben, die früher nur in
Diktaturen existierten.
Dennoch bleibt das Gefühl, daß diese Vorsichtsmaßnahmen in Wahrheit nicht
genügen, weil eine globale Kontrolle weder möglich noch wünschenswert ist.
Weniger sichtbar, aber
deswegen nicht weniger beunruhigend, sind die Möglichkeiten der Selbstmanipulation, die sich der Mensch
angeeignet hat. Er hat die letzten Winkel des Seins erforscht, die Bestandteile des menschlichen Wesens
entziffert. Jetzt ist er sozusagen in der Lage, einen Menschen zu „konstruieren“, der auf diese Weise
nicht mehr als eine Gabe des Schöpfers in die Welt kommt, sondern als Resultat unseres Handelns und folglich
auch selektioniert werden kann – nach den Bedürfnissen, die wir für uns selbst bestimmt haben.
Über
diesem Menschen leuchtet nicht mehr der Glanz der Gottesebenbildlichkeit, die ihm seine Würde und Unverletzlichkeit
gewährt, sondern nur die Macht der menschlichen Fähigkeiten. Er ist nichts anderes mehr als ein Abbild
des Menschen – aber von welchem Menschen?
Daran fügen sich die großen planetarischen Probleme an: die
Ungleichheit der Verteilung der irdischen Güter, die wachsende Armut, vielmehr, die Verarmung, die Ausbeutung
der Erde und seiner Bodenschätze, der Hunger, die Krankheiten, welche die ganze Welt bedrohen, der Zusammenprall
der Kulturen.
Das zeigt, daß mit dem Wachsen unserer Möglichkeiten keine entsprechende Entwicklung
unserer moralischen Kraft einhergeht.
Die moralische Kraft ist nicht mit der Entwicklung der Wissenschaft
gewachsen, sie ist vielmehr eher zurückgegangen, weil die technische Geisteshaltung die Moral in den
Bereich des Subjektiven verweist, während wir gerade einer öffentlichen Moral bedürfen, einer Moral,
die auf die Bedrohungen, die auf unserem Dasein lasten, antworten kann.
Die bedrohlichste Gefahr besteht
in diesem Augenblick im Ungleichgewicht zwischen den technischen Möglichkeiten und der moralischen Kraft
der Menschheit.
Die Sicherheit, derer wir als Voraussetzung unserer Freiheit und Würde bedürfen, entstammt
letztendlich nicht technischen Kontrollsystemen, sondern kann nur aus der moralischen Kraft des Menschen
hervorkommen.
Wo diese Kraft fehlt oder nicht genügt, verwandelt sich die Macht des Menschen mehr und
mehr in eine Macht der Zerstörung.
Im nächsten Teil des Vortrages spricht Benedikt XVI. vom „neuen
Moralismus“, der vage und in der Schwebe bleibt.
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