16:20:32 | Mittwoch, 10. Februar 2010
Dem Vatikan wird gerade von jüdischen Autoren gerne und laut vorgeworfen, er gebe Dokumente aus dem Zweiten Weltkrieg angeblich nicht frei. Aber wie steht es mit jüdischen Archiven?

Der Eingang zur israelischen Kultusgemeinde in Wien
© Gryffindor, CC(kreuz.net) Der Präsident der ‘Israelitischen Kultusgemeinde Wien’, Ariel Muzicant (56) will verhindern,
daß bestimmte Dokumente des ‘Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien’ öffentlich werden.
Das erklärte der Historiker und Philosoph Ingo Zechner (37) am 8. Dezember in einem Kommentar für die
Online-Ausgabe des österreichischen Strassenmagazins ‘profil’.
Zechner war ab Januar 2009 für kurze
Zeit Geschäftsführer des ‘Wiesenthal Instituts’.
Das ‘Wiesenthal Institut’ ist ein vom Staat finanziertes
Forschungszentrum in Wien, das sich der Erforschung, Dokumentation und Vermittlung von allen Fragen widmet,
die Antisemitismus, Rassismus und Holocaust betreffen.
Zensur statt WahrheitVerschiedene Bereiche des
Instituts sollen nach den Zensurwünschen des Präsidenten der ‘Israelitischen Kultusgemeinde Wien’ unter
Verschluß bleiben:
• Akten zum Streit der Kultusgemeinde mit der jüdischen Orthodoxie
• Akten über
den Nazi-Jäger Simon Wiesenthal († 2005)
• Akten über den ehemaligen österreichischen Bundeskanzler,
Bruno Kreisky († 1990)
• Akten über Benjamin Murmelstein († 1989), den damaligen Leiter der von den
Nationalsozialisten geschaffene Auswanderungsabteilung der Wiener Kultusgemeinde.
Brigitte Bailer-Galanda,
Leiterin des ‘Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands’ leistet gegen Muzicants Zensurwünsche
keinen Widerstand:
„Das verstehe ich. Das ist klar. Das verstehe ich“ – wird sie von Zechner zitiert.
Doch Zechner kritisiert: „Was tagespolitisch nicht opportun ist, soll nicht zugänglich sein.“
Vor allem
die Zensur im Fall von Murmelstein ist für Zechner alarmierend. Was über diesen bereits publiziert wurde,
sei das Maximum, das der österreichischen Öffentlichkeit zumutbar sei – habe Muzicant dekretiert.
Doch
Zechner stellt die Frage: „Wer entscheidet, was der Öffentlichkeit zumutbar ist?“
KontrollneuroseDer
‘Kultusgemeinde’ gehe es beim ‘Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien’ nicht um wissenschaftliche
Standards – klagt Zechner an:
„Die von ihr vorgelegten Leihvertragsentwürfe waren Produkte einer Kontrollneurose:
Einzelbewilligung jeder Photokopie, Publikation oder Ausstellung eines Dokuments durch die Kultusgemeinde,
sogar jeder Verknüpfung von Daten mit Daten aus anderen Archiven.“
Aufpasser der ‘Kultusgemeinde’ sollten
sogar beim Scannen von Mikrofilmen anwesend sein, Festplatten ausgebaut und von der ‘Kultusgemeinde’ gelöscht
werden.
Darum stellt Zechner die Frage: „Warum soll das ‘Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien’
mit öffentlichen Geldern das Archiv der ‘Kultusgemeinde’ verwahren, wenn es nichts damit tun darf?“
Aufgrund dieser verfahrenen Situation trat der Vorstand des ‘Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien’
Ende Juli 2009 zurück.
Zensur siegt auf der ganzen LinieDanach setzte sich die ‘Kultusgemeinde’ durch:
Das ‘Wiesenthal Institut’ wird laut Vertrag nur einen Teil eines Teils des Archivs der Kultusgemeinde
erhalten.
Das ‘Wiesenthal Institut’ soll zukünftig wie ein Dienstleister mit Steuergeldern für die
‘Kultusgemeinde’ Reproduktionen auf Mikrofilm und in digitaler Form herstellen – allerdings unter der
ständigen Drohung, die Nutzungsrechte an ihnen wieder zu verlieren.
Nach Zechners Angaben behindert
die zeitliche und thematische Beschränkung des Archivguts die Forschungsziele des ‘Institutes’: „Seriöse
historische Forschung verliert ihre Grundlage, wenn die Vollständigkeit der Dokumente fraglich ist.“
Der neue Vertrag sei ferner so „verschroben und sachfremd“ formuliert, daß es eines Rechtsgutachtens
bedarf, um Vertragsverletzungen zu vermeiden.
Außerdem ist der im November gewählte neue Vorstand nach
Angaben von Zechner völlig unter der Kontrolle von Muzicant: „Fünf von sechs Vorstandsmitgliedern des
Institutes wurden von Muzicant nominiert.“
Jasager und Schmeichler haben das WortZechner erinnert daran,
daß Muzicant die Öffnung aller österreichischen Archive forderte, als in der Wiener Finanzlandesdirektion
Deportationslisten der Wiener Juden gefunden wurden:
„Doch für das eigene, in dem Gegenstücke der Namenslisten
liegen, soll das nur beschränkt gelten.“
Zechners Kritik ist vernichtend: „Muzicant umgibt sich mit
Jasagern, Schmeichlern und Leuten von zweifelhafter Kompetenz, die seine Schwächen und Ängste geschickt
zu nutzen verstehen.“
„Eine Art Königsdrama im Herbst einer politischen Karriere“ – faßt Zechner die
Situation zusammen.
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