In seiner 1997 veröffentlichten Autobiographie spricht der neue Papst auch über das Zweite Vatikanum und die Liturgie: Eine Reform der Liturgie war auf dem Konzil kein Thema. Aus der Autobiographie von Benedikt XVI.
Es kam die große Stunde des Zweiten Vatikanischen Konzils. Kardinal Frings von Köln nahm seinen Sekretär
Luthe und mich als seinen theologischen Berater nach Rom. Er erwirkte, daß ich gegen Ende der ersten
Sitzungsperiode auch zum offiziellen Konzilstheologen ernannt wurde.
Die Reform der Liturgie aus dem
Geist der liturgischen Bewegung bildete für die Mehrheit der Konzilsväter keine Priorität – für sehr
viele Bischöfe überhaupt kein Thema. So hat zum Beispiel Kardinal Montini von Mailand, der als Paul
VI. zum eigentlichen Konzilspapst wurde, bei seinem Themenaufriß nach Beginn des Konzils ganz klar gesagt,
daß er hier keine wesentliche Aufgabe für das Konzil finden könne.
Die Liturgie und ihre Reform war
seit dem Ende des Ersten Weltkriegs nur in Frankreich und Deutschland zu einer drängenden Frage geworden,
und zwar zunächst unter dem Gesichtspunkt der möglichst reinen Wiederherstellung der alten römischen
Liturgie, wozu auch die aktive Einbeziehung des Volkes in das liturgische Geschehen gehörte.
Diese beiden
theologisch damals führenden Länder zu denen natürlich auch Belgien und die Niederlande hinzugenommen
werden müssen – hatten in der Vorbereitungsphase die Erarbeitung eines Schemas über die heilige Liturgie
durchgesetzt, das sich zwanglos der Gesamtthematik ‘Kirche’ einfügte.
Daß dieser Text zum ersten Beratungsgegenstand
des Konzils wurde, lag keineswegs an einem gesteigerten Interesse der Mehrheit der Väter für die liturgische
Frage, sondern einfach daran, daß man hier keine großen Auseinandersetzungen erwartete und das Ganze
wie eine Art Übungsgegenstand betrachtete, bei dem man die Methode konziliarer Arbeit erlernen und erproben
konnte.
Keinem der Väter wäre eingefallen, in diesem Text eine „Revolution“ zu erblicken, die das „Ende
des Mittelalters“ bedeuten würde, wie ihn inzwischen Theologen glauben interpretieren zu sollen.
Man
sah dies als eine Fortführung der von Pius X. eingeleiteten und von Pius XII. behutsam aber zielstrebig
vorangetriebenen Reformen an. Die Generalklauseln wie „die liturgischen Bücher sollen baldigst revidiert
werden“ wurden in diesem Sinn verstanden: als kontinuierliche Fortführung jener Entwicklungen, die es
immer gegeben hatte und die seit den Päpsten Pius X. und Pius XII. ein von der Wiederentdeckung der klassischen
römischen Traditionen bestimmtes Profil erhalten hatten, das freilich Tendenzen der Barockliturgie und
der Andachtsfrömmigkeit des 19. Jahrhunderts überwinden und eine neue, demütig-nüchterne Zentrierung
auf das eigentliche Mysterium der Gegenwart Christi in seiner Kirche fördern sollte.
Es ist in diesem
Zusammenhang nicht überraschend, daß die neugestaltete „Mustermesse“, die an die Stelle des bisherigen
Ordo missae treten sollte und trat, von der Mehrheit der dafür zu einer Sondersynode zusammengerufenen
Väter 1967 abgelehnt worden ist.
Daß manche – oder viele? – Liturgiker, die als Berater wirkten, von
vornherein weitergehene Absichten hatten, kann man inzwischen manchen Veröffentlichungen entnehmen. Eine
Zustimmung der Väter hätten sie zu solchen Wünschen sicher nicht gefunden.
Im Text des Konzils waren
sie auch in keiner Weise ausgedrückt, obwohl man sie nachträglich in manche Generalklauseln hineinlesen
kann.
Die Liturgiedebatte war friedlich und ohne tiefergehende Spannungen verlaufen.
Quelle: Aus meinem
Leben: Erinnerungen (1927-1977). Von Joseph Kardinal Ratzinger Stuttgart 1998, ISBN 3-421-05123-2
Die
italienische Ausgabe erschien 1997 unter dem Titel „La mia vita“ in Mailand.
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