Heiliges Land
Der Staat wurde zu einem heiligen Ding
Eine Zeitlang stellten die Soldaten und ihre Familien mehr als ein Viertel der Berliner Bevölkerung dar. Von Uri Avnery.
Kinder in den Trümmern von Gaza
Kinder in den Trümmern von Gaza
© rafahkid, CC
(kreuz.net) Norddeutschland ist eine große, weite Ebene. Seine Grenzen werden nicht durch einen Ozean, eine Gebirgskette oder eine Wüste geschützt.

Die preußische Antwort auf die Verheerung durch den Völkermord des Dreißigjährigen Krieges war eine eiserne Mauer: eine mächtige reguläre Armee, die Meer und Gebirge ersetzen sollte, und bereit sein würde, den Staat gegen alle möglichen Verbindungen potentieller Feinde zu verteidigen.

Zu Anfang war die Armee ein wesentliches Instrument zur Verteidigung der bloßen Existenz des Staates.

Im Laufe der Zeit wurde sie zum Mittelpunkt des nationalen Lebens.

Was als „preußische Verteidigungskräfte“ begann, wurde zu einer aggressiven Eroberungsarmee, die von allen seinen Nachbarn gefürchtet wurde.

Einigen preußischen Königen galt das Hauptinteresse ihres Lebens der Armee.

Eine Zeitlang stellten die Soldaten und ihre Familien mehr als ein Viertel der Berliner Bevölkerung dar.

Eine alte preußische Redensart lautet: „Der Soldate ist der beste Mann im Staate“. Die Anbetung der Armee wurde zum Kult, ja, fast zur Religion.

Kein normaler Staat

Preußen war nie ein „normaler“ Staat mit einer homogenen Bevölkerung, die jahrhundertelang zusammenlebte.

Durch eine raffinierte Kombination militärischer Eroberung, Diplomatie und strategischer Heiraten gelang es ihren Herren, dem Kernland mehr und mehr Gebiete anzuschließen.

Diese waren nicht einmal untereinander verbunden und einige waren sogar ziemlich weit von einander entfernt.

Eines davon war das Gebiet, das dem Staat seinen Namen gab: Preußen.

Das ursprüngliche Preußen lag an der Küste der Ostsee und gehört jetzt zu Polen und Rußland.

Zunächst war das Gebiet vom Deutschritterorden, einem deutschen religiös-militärischen Orden, erobert worden, der während der Kreuzzüge in Akko in Palästina gegründet wurde.

Die Ruinen seiner Hauptburg Montfort – Starkenberg – stehen noch heute in Galiläa.

Statt die Ungläubigen in einem fernen Land zu bekämpfen, entschieden sich die deutschen Kreuzfahrer dafür, daß es mehr Sinn mache, die benachbarten Heiden zu bekämpfen und ihnen das Land zu rauben.

Im Laufe der Zeit schafften es die Fürsten von Brandenburg, dieses Land zu erobern, und seinen Namen für das ganze Herrschaftsgebiet zu übernehmen.

Es gelang ihnen auch, im Rang aufzusteigen: aus Markgrafen wurden Kurfürsten und schließlich Könige.

Preußischer Staatskult

Der Mangel an Homogenität der preußischen Lande – zusammengesetzt aus verschiedenen und nicht zusammenhängenden Gebieten – ließ die wichtigste preußische Schöpfung entstehen: den Staat.

Dies war der Faktor, der die verschiedensten Bevölkerungen einte, die alle weiter an ihrem lokalen Patriotismus und ihren Traditionen hingen.

Der „Staat“ wurde zu einem heiligen Ding, allen anderen Loyalitäten übergeordnet.

Preußische Philosophen sahen den Staat als eine Inkarnation für alle sozialen Tugenden, als Triumph der menschlichen Vernunft.

Der preußische Staat wurde so zu einer sprichwörtlichen Institution. Obwohl er von seinen Feinden dämonisiert wurde, war er in vielerlei Weise vorbildlich: gut organisiert, ordentliche und gesetzestreue Strukturen, seine Bürokratie ohne Korruption.

Der preußische Beamte erhielt ein armseliges Gehalt, lebte bescheiden und war stolz auf seinen Status. Er verabscheute Großtuerei.

Friedrich der Große und die Moscheen

Schon vor mehr als hundert Jahren – im Jahr 1881 – erhielt Preußen durch Otto von Bismarck († 1898) ein System der Krankenversicherung – lange bevor andere wichtige Länder davon nur träumten.

Es war auch vorbildlich, was die religiöse Toleranz betraf: Friedrich der Große erklärte, daß „jeder nach seiner Façon selig werden solle“.

Einmal soll er geäußert haben, daß er Türken – sollten jemals welche nach Preußen kommen und sich dort ansiedeln – Moscheen bauen würde.

250 Jahre später verabschiedeten die Schweizer ein Referendum, das den Bau von Minaretten in ihrem Land verbietet.

Uri Avnery (86) wurde in der nordrhein-westfälischen Stadt Beckum als Helmut Ostermann geboren. Er ist ein israelischer Publizist und Friedensaktivist und veröffentlicht auf seiner Webseite regelmäßig Stellungnahmen zum Konflikt im Nahen Osten.
      
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