Kardinal Martini von Mailand – ein Gegner des neuen Papstes?
Zum 70. Geburtstag von Kardinal Ratzinger wurde in Rom eine Festschrift publiziert. Darin findet sich auch eine Stellungnahme vom damaligen Erzbischof von Mailand, Carlo Maria Kardinal Martini.
(kreuz.net, Rom) „Seine Leidenschaft für die Wahrheit ist eine Antwort auf die Gedankenschwäche der
Postmoderne“. Diese Worte stammen vom emeritierten Kardinal von Mailand und beziehen sich auf den 70-jährigen
Kardinal Ratzinger. Kardinal Martini lebt heute in Jerusalem.
Die Chronik der vergangenen Tage hatte
ihn zum Gegenkandidaten gekürt, der angeblich von den liberalen Kardinälen dazu ausersehen gewesen sei,
um die Wahl von Kardinal Ratzinger zum Papst zu verhindern.
Vatikanisten hielten diese Interpretation
allerdings für absurd. Kardinal Martini ist gesundheitlich ziemlich angeschlagen. Er geht am Stock und
leidet an einer Form der Parkinsonkrankheit.
Die Worte von Kardinal Martini finden sich in einer kurzen
Stellungnahme über Ratzinger und tragen den Titel „Ein Diener des Glaubens und der Tradition“. Kardinal
Martini hat sie für die Festschrift „In der Schule der Wahrheit“ geschrieben, die 1997 zum siebzigsten
Geburtstag des Kardinals verfaßt wurde.
Die Festschrift wurde am 22. Dezember 1997 in der berühmten
römischen Basilika von Santa Maria di Trastevere vorgestellt. Veranstalter war die „Comunità di Sant’Egidio“
und der damalige persönliche Sekretär von Kardinal Ratzinger, Monsignor Josef Clemens, heute Bischof
und Sekretär der Päpstlichen Laienrates.
Die „Comunità di Sant’Egidio“ wurde in den 80er Jahren von
Studenten gegründet. Sie ist in der Sozialarbeit engagiert und befindet sich eher am linken Spektrum
der italienischen Kirche. Die Gemeinschaft rückt immer wieder durch spektakuläre politische Initiativen
ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit.
Die Festschrift für Kardinal Ratzinger wurde von Professor
Andrea Riccardi, dem Gründer der Gemeinschaft, vorgestellt. Er betonte vor allem die „romanità“ – das
römische Wesen – von Kardinal Ratzinger.
Die Beiträge stammen von zahlreichen führenden Vertretern
der katholischen Kirche, wie den damaligen Rektor der Lateranuniversität, dem heutigen Patriarchen von
Venedig, Angelo Kardinal Scola, und den Herren Kardinälen Meisner von Köln, Wetter von München und
Lustiger von Paris.
Dazu kommt der Beitrag des Bruders Georg Ratzinger und des US-amerikanischen Rabbiners
und Professors Jacob Neusner, der mit dem neuen Papst befreundet ist.
Im Lichte des zu Ende gegangenen
Konklaves bekommt der Beitrag von Kardinal Martini von Mailand eine besondere Bedeutung. Kardinal Martini
ist Bibelwissenschaftler und war von 1980 bis 2002 Erzbischof von Mailand.
In seinem Beitrag faßt Kardinal
Martini die Geschichte seiner Kontakte mit Joseph Ratzinger zusammen. Sie gehen zurück in die 60er Jahre
als der damalige Jesuitenpater Martini das Ratzinger-Buch „Einführung ins Christentum“ las und an einem
Vortrag über die Eucharistie teilnahm, den Professor Ratzinger in Münster hielt.
Persönlicher begegneten
sich die zwei als Kardinäle während der Bischofssynode über die Familie im Jahre 1980. Als Kardinal
Ratzinger 1982 die Glaubenskongregation übernahm, wurden die Kontakte häufiger.
Nach den Worten von
Kardinal Martini hat Professor Ratzinger an den deutschen Universitäten der 60er Jahre und der beginnenden
70er Jahre besonders bei den Studenten die Folgen einer zu unbefangenen und leichtfertigen Haltung gegenüber
den Reichtümen der Tradition erlebt.
Der ehemalige Erzbischof von Mailand meint, daß der damalige Professor
Ratzinger vielleicht einigen sehr „schmerzhaften Fällen“ begegnet sei, die man mit einem späteren Wissen
vielleicht anders gehandhabt hätte: „Aber die spätere Einsicht ist jenen gegeben, die nachher kommen,
während die Zeitgenossen nach ihrem Gewissen und ihrer Kompetenz handeln müssen.“
„Diesbezüglich war
uns Joseph Ratzinger ein Modell und Vorbild.“
Email-Adressen der Empfänger
2 Lesermeinungen
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
Wahrheit? Oder -Suche? Und wie ist jetzt mit Goethe…? Darf ich den hier zitieren? Oder sollte ich P.P.
Benedikt XVI. erst fragen: „Das unheilbare Übel dieser religiösen Streitigkeiten besteht darin, daß
der eine Teil auf Märchen und leere Worte das höchste Interesse der Menschheit zurückführen will,
der andere aber es da zu begründen denkt, wo sich niemand beruhigt.“ (Goethe: Maximen und Reflexionen
1400; 9,676)
Herzlichen Dank an Kreuz.net für die umfangreiche Berichterstattung über den neuen Papst, seine Inthronisation
etc. Da ich nicht immer am selben Tag, wo sich etwas ereignet, die elektronischen Tageszeitungen durchforsten
kann, finde ich es besonders toll, dass Sie auch frühere Beiträge zugänglich machen. Frau Mayer