17:10:24 | Sonntag, 24. April 2005
„Das Studium der Theologie muß sich künftig um das Fach Liturgie gruppieren. Wenn ich Liturgie sage, meine ich nicht allein das, was wir in Deutschland praktizieren – und leider stark an Kindergartenpädagogik orientiert ist.“ Interview mit Professor Klaus Berger, Universität Heidelberg.
(kreuz.net/
SISA/JF) Der Theologe Klaus Berger hat sich kürzlich in einem Interview über den neuen Papst
Benedikt XVI. und die Krise von Kirche und Christentum in Europa geäußert.
Herr Professor Berger, der
neue Papst heißt Joseph Ratzinger, beziehungsweise Benedikt XVI.Professor Berger: Ich bin sehr erfreut
über die Wahl. Joseph Ratzinger ist einer der letzten Kardinäle, die noch den vollen Reichtum der katholischen
Theologiegeschichte kennen. Außerdem bewegt er sich auf einem philosophischen Niveau wie kaum ein zweiter
seiner bisherigen Kardinalskollegen.
Sie kennen Joseph Ratzinger persönlich. Wird er den Kurs seines
Vorgängers Johannes Paul II. fortsetzen, oder sind doch gewisse Abweichungen zu erwarten?Professor
Berger: Er wird auf Prinzipienfestigkeit setzen und gewiß nicht der Versuchung einer Charme-Offensive
erliegen, wie es bei einem liberalen Nachfolger zu befürchten gewesen wäre. Wie Johannes Paul II. wird
er bei den Menschen für Verständnis für die traditionellen katholischen Werte werben, statt sie so
abzuändern, wie es – vor allem bei uns in Deutschland – in bestimmten Kreisen populär ist.
Welche Botschaft
steckt in der Wahl des Namens Benedikt?Professor Berger: Benedikt von Nursia († 547), Gründer des Benediktinerordens
und des Klosters Monte Cassino, gilt als der Vater der christlichen Spiritualität. Ich verstehe die Wahl
Ratzingers im Sinne der Erneuerung von innen, denn das ist es, was die Kirche vor allem braucht! Es ist
ein Signal, daß er auf Glauben und katholische Innerlichkeit setzt, um die Kirche aus der Krise zu führen,
statt auf Äußerlichkeiten wie die von den Kirchenkritikern gern immer wieder geforderten Reformen.
Kardinal Ratzinger galt bereits vor Beginn des Konklaves als Favorit – allerdings unter dem Stichwort
„Übergangspapst“.Professor Berger: Das ist natürlich in erster Linie eine Frage der modernen Medizin.
Ich hoffe, daß er allen, die darauf spekulieren, einen Strich durch die Rechnung macht.
Zahlreiche Kirchenkritiker
glaubten – mit Blick auf den schon seit langem schlechten Gesundheitszustandes Johannes Pauls II. – ihre
Reformhoffnungen nicht mehr weit entfernt. Wie werden sie auf diese Wahl reagieren?Professor Berger:
Die deutschen sogenannten Progressiven werden sich „warm anziehen“ müssen, denn mehr noch, als Papst
Johannes Paul II. das konnte, wird Benedikt XVI. ihre Argumente einer intellektuell und theologisch äußerst
herausfordernden Prüfung unterziehen. Mit der Abwehr des Kryptokommunismus in Gestalt der Befreiungstheologie
ebenso wie als Hauptkontrahent von Glaubens-„Liberalisierern“ wie Hans Küng hat er das als Kardinal bereits
bewiesen.
Die kirchenkritischen Kräfte sehen sich gern als heimliche oder zumindest als kommende Mehrheit
in der Kirche. Zeigt diese Wahl, daß sie doch nur eine Minderheit sind?Professor Berger: Zumindest
diese bestimmte Sorte typisch deutscher Kirchenkritiker, die sich durch die Muffigkeit auszeichnet, hauptsächlich
mit Fragen der Sexualität aufzuwarten. Die Wahl zeigt, wie provinziell dieser Ansatz im Grunde ist –
für eine Weltkirche spielt er ganz offensichtlich keine Rolle.
Allerdings sind Sie von der Wahl Kardinal
Ratzingers überrascht. Warum?Professor Berger: Ich bin sicher, die progressiven Kräfte haben alles
unternommen, um seine Wahl zu verhindern. Wie weit das gehen kann – und warum ich daher so skeptisch war
–, zeigt etwa das Beispiel des II. Vatikanischen Konzils: Damals haben deutsche progressiv gesonnene Bischöfe
südamerikanische Amtskollegen durch die Versprechung von Geldern aus der kirchlichen Entwicklungshilfe
auf ihre Seite gezogen – und damit ihr Einflußpotential verzehnfacht.
Bestechung?Professor Berger:
Die katholische Kirche in Deutschland ist tief gespalten. Beide Flügel stehen sich unversöhnlich gegenüber.
Wobei den Konservativen die Anhängerschaft fehlt, den Progressiven die Bildung.
Was meinen Sie?Professor
Berger: Als zum Beispiel Paul Spiegel im Januar Kardinal Meisner bezichtigte, in dessen Predigt zum Fest
der unschuldigen Kinder am 28. Dezember durch das Nennen der Abtreibung in einem Atemzug mit Hitler den
Holocaust relativiert zu haben, hat nicht ein einziger deutscher Bischof den Mut gefunden, Kardinal Meisner
zu verteidigen. Das „Mutigste“ war der Verweis einiger, man solle doch bitte schön einmal genau nachlesen,
was Kardinal Meisner tatsächlich gesagt habe. Und siehe da, von Relativierung des Holocaust keine Spur.
Zur Ehrenrettung der Bischöfe sei aber daran erinnert, daß Kardinal Meisner sich nicht einmal selbst
verteidigt hat, sondern die beanstandete Passage sofort aus dem offiziellen Redemanuskript tilgen ließ.
Professor Berger: Das war zweifellos kleinmütig – und das haben ihm seine guten Freunde auch gesagt.
Inwiefern fehlt es den Progressiven an Bildung gegenüber Männern wie Joseph Ratzinger?Professor Berger:
Ich meine etwa den inneren Zusammenhang zwischen Eucharistie und Amt in apostolischer Sukzession. Kaum
einer hat Klarheit darüber.
Droht die Kirche über kurz oder lang an diesem Gegensatz zu zerbrechen?
Professor Berger: Das wird man formal verhindern, weil man weiß, daß damit keiner Seite gedient ist.
Dennoch steht der katholischen Kirche in Deutschland ein fatales, immer stärkeres Auseinanderdriften
bevor, wobei sie – weil der progressive Flügel inzwischen sehr tief in die Kirche hineinreicht – vermutlich
zu einem Absterben nach dem „Vorbild“ der evangelischen Kirche verurteilt ist.
Für die evangelische
Kirche sehen Sie noch deutlicher schwarz?Professor Berger: Eine Besucherquote von einem Prozent der
Gläubigen in evangelischen Gottesdiensten zeigt, wie vollständig ermattet der Protestantismus in Europa
ist. So kritisch ist die Situation selbst in der katholischen Kirche noch nicht ganz. Dennoch sehe ich,
wie gesagt, auch die katholische Kirche in Europa im Niedergang. Ihre Rettung liegt vermutlich allein
in den Entwicklungs- und Schwellenländern, wo noch ein vitaler christlich-katholischer Glaube existiert.
Warum sehen Sie Europa für das Christentum verloren?Professor Berger: Weil man bei uns schon viel
zu lange keinen Wert mehr auf die Einheit von Glauben und Zeugnis gelegt hat. Bei uns gibt es zu viele
Theologieprofessoren, die selbst nicht mehr an Gott glauben. Wir haben das Christentum zerredet, wir haben
es geistig von der Religion getrennt. Es gibt dafür keine alleinschuldige Person oder Ereignis, das Ganze
war ein Prozeß.
Wie kann dieser Prozeß aufgehalten werden?Professor Berger: Der konkrete Fehler der
katholischen Theologen ist, daß sie ihre theologische Substanz mit vollen Händen vergeuden. Die Lösung
kann also nicht in irgendwelchen Anpassungen an den Zeitgeist bestehen, sondern allein darin, dieses Potential
den Menschen wieder zugänglich zu machen.
Wie soll man sich das vorstellen?Professor Berger: Das lesen
Sie zum Beispiel in neueren Übersetzungen von Mystikern und Kirchenvätern oder auch zum Beispiel in
meinem Buch.
Sie versuchen dort, den eigentlichen Jesus, der uns nach Ihrer Analyse durch verschiedene
Schichten zeitgeistiger Interpretationen verlorengegangen ist, wieder sichtbar zu machen.Professor Berger:
Die überwiegende Mehrzahl der evangelischen und katholischen Neutestamentler in Deutschland beurteilten
Jesus nach den schulmeisterlichen Kriterien, die sich im 19. Jahrhundert entwickelt haben. Doch das Messen
des Neuen Testamentes an unseren neuzeitlichen, biederen Vorstellungen ist provinziell.
Sie meinen Jesus
als „Gutmensch“?Professor Berger: Jesus als der nette junge Mann von nebenan, der einfach „lieb“ ist.
Wir stellen ihn uns wie einen wuscheligen großen Hund vor: „Der tut nichts!“ – Prima! Das ist angenehm
und bequem, da braucht man nichts zu verändern. Wir klopfen Jesus auf die Schulter und zwinkern ihm zu:
„Du warst auch schon immer für die Toleranz? Na, da sind wir uns ja einig.“
Von Jesus, dem Kumpel, ist
aber im Neuen Testament nicht die Rede.Professor Berger: Das Neue Testament spricht von Gott dem Vater
und Jesus dem Herrn. Die freundlichen Züge liegen also eher bei Gott. Jesus ist dagegen streng. Jesus
geht es ganz und gar nicht darum, einfach „lieb“ und „tolerant“ zu sein. Für Jesus steht die schier unglaubliche
Erfahrung Gottes im Mittelpunkt, und zwar sowohl mit ihren hoffnungsfrohen wie mit ihren erschreckenden
Seiten.
Warum hat sich dieses weiche Jesus-Bild im 19. Jahrhundert durchgesetzt?Professor Berger: Es
ist durch das imperialistische Gehabe des Wilhelminismus, Lehrmeister der Welt sein zu wollen, von Deutschland
aus exportiert worden. Die deutsche Exegese liberalen Zuschnitts, die vor hundert Jahren weltweit die
führende war, hat den deutschen Jesus mit den langen Haaren, weißem Gewand und scheuen Blick, dem man
noch nicht einmal den Genuß eines Glases Bier zutrauen würde, in alle Erdteile verbreitet. Zumindest
in Nordamerika und in Nord- und Mitteleuropa ist dieses Bild bis heute vorherrschend. Bis in die achtziger
Jahre des 20. Jahrhunderts hat man in den USA alle Theologie aus Deutschland empfangen.
Soweit die Analyse,
was würden Sie Papst Benedikt XVI. zur Lösung des Problems konkret vorschlagen?Professor Berger: Wir
brauchen zum Beispiel wieder eine Theologie, die die Liturgie in den Mittelpunkt stellt. Das Studium der
Theologie muß sich also künftig um das Fach Liturgie gruppieren. Und wenn ich Liturgie sage, meine ich
nicht allein das, was wir in Deutschland praktizieren – und leider stark an Kindergartenpädagogik orientiert
ist –, denn das stellt nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Reichtum der katholischen Liturgie dar.
Was
meinen Sie: den alten Ritus der tridentinischen Messe, wie er vom II. Vatikanische Konzil abgeschafft
worden ist?Professor Berger: Man sollte die tridentinische Messe nicht verbieten, aber es liegt nicht
an ihr. Es kommt darauf an, in der Liturgie das Heilige und das Geheimnis zu feiern. Das eigentliche Problem
des II. Vatikanum ist jedoch, daß es in einer Papierflut erstickt ist und seine Reformen erstarrt sind.
Die progressiven Kritiker der katholischen Kirche sehen die Ursache in dem Umstand, daß die Konservativen
wie Paul VI., Johannes Paul II. oder nun Benedikt XVI., die Reformen des Konzils stets „ausbremsen“.
Professor Berger: Nein, wie gesagt, ist die Aufweichung der katholischen Verbindlichkeit der Grund für
das Siechtum der Kirche, nicht der Widerstand dagegen. Denken Sie etwa an den schon erwähnten Hans Küng
oder an Eugen Drewermann, die sich ständig nur über Dogmen aufregen. Die Gläubigen kann man mit glücklichen
Tieren auf einer Weide vergleichen. Die Dogmen haben die Funktion eines Zaunes. Wenn aber eine Kuh ständig
nur am Stacheldrahtzaun lutscht, wird sie schwerlich glücklich sein. Ich finde es geradezu bizarr, wenn
einige Leute ernstlich so tun, als litten sie unter dem Papst wie politisch Verfolgte unter einem Diktator.
Offenbar gibt es aber zumindest im Fall verheimlichter Ehen von Priestern Menschen, die unter der offiziellen
Politik der Kirche leiden.Professor Berger: Ich habe mir schon gedacht, daß Sie früher oder später
einen Kritikpunkt aus dem beliebten Repertoire Sex- & Bettgeschichten präsentieren werden. Das verrät
Ihre typisch eurozentrische Perspektive. Die Sexualethik der Kirche ist aber nicht dazu da, Europäern
das Leben angenehmer zu machen, sondern – ich habe das schon angesprochen – sie steht in Verantwortung
vor globalen und historischen Herausforderungen. Die Forderung nach Bindung der Sexualität an die Ehe
demonstriert ein hohes Verantwortungsbewußtsein. Denn Gesellschaften, die die Sexualität nicht einhegen,
ist der Verfall sicher. Abgesehen davon gibt es in der Kirche das Sakrament der Beichte, wodurch auf Einzelfälle
Rücksicht genommen werden kann.
Konservative Kirchenkritiker warfen den letzten Päpsten dagegen vor,
die Aufweichung der katholischen Verbindlichkeit – trotz punktuellen Widerstandes gegen progressive Forderungen –
insgesamt befördert zu haben.Professor Berger: Eine konservative Kirchenkritik betraf wohl kaum Päpste
wie Johannes Paul II., sondern eher die vielen geistlichen Würdenträger – etwa in Deutschland –, die
auf eigene Faust Interkommunion und Interzelebration vollziehen. Das sind in der Tat für die Kirche desaströse
Vorgänge. Denn die Eucharistie ist das Sakrament der Einheit – wenn diese aber schon von den eigenen
Geistlichen unterlaufen wird … fatal!
Was ist mit dem konservativen Vorwurf, Johannes Paul II. und
mit ihm Kardinal Ratzinger als seine rechte Hand haben im Grunde die „Neue Theologie“ Karl Rahners vertreten,
nach der jeder Mensch unabhängig von seinem Bekenntnis bereits „anonymer Christ“ ist?Professor Berger:
Solche Tendenzen gibt es in der Tat, aber es ist wohl eher das Merkmal der Progressiven, zu glauben, die
Kirchengeschichte beginne erst mit Rahner. Ich lehne seine Lehre allerdings nicht ab, weil ich „konservativ“
wäre, sondern weil ich Neutestamentler bin: Rahner ist in vielen Punkten mit dem Neuen Testament einfach
nicht vereinbar. Dem Neutestamentler geht es notwendigerweise um Mission, und die Konstruktion des „anonymen
Christen“ ist ein Mittel, um sich vor der Mission herumzudrücken, um nur niemandem auf die Füße zu
treten.
Brauchen wir also nach Benedikt XVI. statt eines weiteren Europäers einen südamerikanischen
oder einen afrikanischen Papst, der solche Scheu nicht kennt?Professor Berger: Das würde ich mir grundsätzlich
auch wünschen, nicht nur weil so eine Abkehr von der verkorksten europäischen Theologie eher möglich
wäre oder weil die Zukunft des katholischen Kirche sowieso im Süden liegt, sondern auch weil man in
diesen Ländern weiß, was Not und Leid ist. Denken Sie zum Beispiel nur an die beschämenden Reaktionen
unserer deutschen Kirchenfürsten auf den Film „Die Passion Christi“. Es gibt eine reiche christliche
Tradition der Beschäftigung mit dem Leid Christi, die das Leid als Bestandteil der Welt erkannt hat.
Nur wissen das unsere Kirchenführer nicht mehr. Ich meine das wörtlich, sie wissen es wirklich nicht!
Wir Europäer leben in unserem Wohlstand wie in Watte gepackt, deshalb können wir uns auch nur noch einen
Wohlfühl-Jesus vorstellen. Die Passion erinnert uns aber an das Leid als den Kern des Menschseins. Ein
schwarzer Papst müßte das nicht erst aus einem Kinofilm lernen.
Quelle:
Sinfonia SacraProf. Dr. Klaus
Berger gilt als einer der profiliertesten Theologen in Deutschland. Der 1940 in Hildesheim geborene Katholik
lehrt Neutestamentliche Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg
und ist Autor zahlreicher Fach- und populärwissenschaftlicher Bücher. Zuletzt erschienen: „Jesus“ (Pattloch,
2004). Auswahl weiterer Veröffentlichungen: „Wer war Jesus wirklich?“ (1995), „Ist Christsein der einzige
Weg?“ (1997), „Wozu ist Jesus am Kreuz gestorben?“ (1998), „Was ist biblische Spiritualität?“ (1999,
alle Gütersloher Verlagshaus), „Paulus“ (C.H. Beck, 2003)
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