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Mittwoch, 27. April 2005 18:38
Der Titanenkampf um Europa
Der letzte Vortrag, den Kardinal Ratzinger in Subiaco bei Rom gehalten hat, spricht von der Gefahr des politischen Moralismus. In diesem Abschnitt geht es um den Titanenkampf, der sich in Europa zusammenbraut. Von Benedikt XVI.
(kreuz.net) Der Blick auf den politischen Moralismus führt uns dazu, über die gegenwärtige Lage des Christentums und die Grundlagen Europas nachzudenken. Europa war der christliche Kontinent, jedoch zugleich auch der Ausgangspunkt einer neuen wissenschaftlichen Geisteshaltung, die uns mit großen Möglichkeiten aber auch mit großen Bedrohungen konfrontiert.

Das Christentum ist nicht von Europa ausgegangen. Die Religion des europäischen Kulturraumes kann darum auch nicht als europäische Religion betrachtet werden.

Aber in Europa hat das Christentum seine wirksamste kulturelle und intellektuelle Prägung erhalten. Darum bleibt es auf besondere Weise mit Europa verbunden.

Es ist aber auch wahr, daß dieses Europa seit der Zeit der Renaissance und – in vollendeter Form – seit der Aufklärung eine wissenschaftliche Geisteshaltung entwickelt hat. Diese führte in der Zeit der Entdeckungen zur geographischen Einheit der Welt und zur Begegnung der Kontinente und Kulturen. In unserer Zeit drückt sie durch die Technik, die durch die Wissenschaften ermöglicht wurde, der ganzen Welt ihren Stempel auf und uniformiert diese in einer gewissen Weise sogar.

Im Gefolge dieser Geisteshaltung hat Europa eine Kultur entwickelt, die Gott in einer Weise aus dem öffentlichen Gewissen ausschließt, wie das die Menschheit bisher nie gesehen hat.

Gott wird entweder ganz geleugnet oder seine Gegenwart wird als unbeweisbar und ungewiß hingestellt. Somit gehört Gott dem Raum der persönlichen Entscheidungen an und wird zu etwas, das für das öffentliche Leben bedeutungslos ist.

Diese fast rein funktionale Geisteshaltung bewirkt eine Erschütterung des moralischen Gewissens. Das ist für die Kulturen, die bisher existiert haben, etwas ganz Neues, weil plötzlich behauptet wird, daß rational nur ist, was man durch Experimente beweisen kann.

Weil aber die Moral einer ganz anderen Sphäre angehört, verschwindet sie als eigenständige Kategorie. Sie muß auf eine andere Weise wiedererlangt werden, denn man kann nicht abstreiten, daß die Moral in einer gewissen Weise dennoch notwendig ist.

Somit entscheidet in einer Welt, die auf dem Kalkül beruht, das Kalkül der Konsequenzen, was als moralisch zu betrachten ist und was nicht.

Auf diese Weise verschwindet die Kategorie des Guten, die vom Philosophen Immanuel Kant sehr einleuchtend herausgestellt wurde. Nichts ist in sich gut oder böse. Alles hängt von den Konsequenzen ab, die eine Handlung voraussehen läßt.

Einerseits hat das Christentum seine wirksamste Form in Europa gefunden. Andererseits muß man aber sagen, daß sich in Europa zugleich in eine Kultur entwickelt hat, die der absolut radikalste Widerspruch nicht nur des Christentums, sondern auch der religiösen und moralischen Traditionen der Menschheit ist.

Von hier aus versteht man, daß Europa eine wahrhafte Nagelprobe darstellt und man begreift die radikalen Spannungen, denen unser Kontinent ausgesetzt ist.

Aber hier kommt auch die Verantwortung zum Vorschein, die wir Europäer in diesem historischen Augenblick wahrnehmen müssen. In der Debatte um die Definition Europas und um seine neue politische Form kämpfen wir kein nostalgisches Rückzugsgefecht der Geschichte, sondern tragen vielmehr eine große Verantwortung für die heutige Menschheit.

Aus der Rede, die Kardinal Ratzinger am Vorabend des Todes von Johannes Paul II. in Subiaco anläßlich der Verleihung des „Preises des Heiligen Benedikt für die Förderung des Lebens und der Familie in Europa“ gehalten hat

Große Worte und Werte

Der Titanenkampf um Europa

Wen beleidigen die christlichen Wurzeln Europas?

Gehört die Türkei in die Europäische Union?

Hat die Menschheit den Stein der Weisen entdeckt?

Zweimal: nein!

Ist die Aufklärung kurzerhand abzulehnen?

Warum Benedikt?
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