09:56:15 | Montag, 19. April 2010
Benedikt XVI.
Der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach: „Die Stärke dieses sanften und behutsamen Mannes, der für sich selbst die Anwendung von Machtmitteln ablehnt, besteht darin, daß er eben kein Politiker ist.“

(kreuz.net) Gestern erinnerte sich der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach in der antikirchlichen
Zeitung ‘Welt am Sonntag’ die Aussage von Papst Benedikt XVI. nach seiner Wahl: „Ich sah die Guillotine
auf mich zukommen.“
Der Schriftsteller kommentiert: „Niemand überblickte genauer als er die vier Jahrzehnte,
die seit dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils vergangen waren.“
Dieses Konzil eröffnete – so Mosebach –
„eine Zeit der theologischen Kontroverse, der Unsicherheit, des Substanzverlustes und der manifesten Traditionsbrüche.“
Man habe eine „Öffnung zur Welt“ einleiten wollen: „Aber nach vierzig Jahren mußte man sich eingestehen,
daß die Kirche ihre ureigenen Anliegen weniger denn je verständlich machen konnte“.
Theologisches Chaos
hatte zur Folge, daß in vielen Ländern kein nennenswerter Religionsunterricht mehr stattfand: „In Deutschland
ist das katholische Christentum gerade auch unter Katholiken zur unbekannten Religion geworden.“
Doch
diese „schwarze Bilanz“ habe Benedikt XVI. nicht entmutigt. Der Schriftsteller sieht den Papst als Wanderer
zwischen Revolution und Reaktion:
„Besonders deutlich wird dieser Weg in seinem Jesus-Buch, das die Erkenntnisse
der neuzeitlichen kritischen Lektüre mit der Überzeugung verbindet, daß die Märtyrer der jungen Christenheit
nicht für eine philologische Chimäre gestorben sind.“
Zeitgeist-Kirche beeindruckt historisch keinen
Mosebach stellt harte Fragen: „Wieso empfindet eigentlich keiner der kritischen Köpfe Unbehagen bei
der Forderung, die Kirche müsse sich der Gegenwart und ihren gesellschaftlichen Tagesvorstellungen vorbehaltlos
unterwerfen?“
„Wieso soll es nur die säkulare Zivilgesellschaft sein, die allen und damit auch der Kirche
ihre Maßstäbe vorgeben darf?“
Die Antwort: „Kirchenhistorisch gesehen hat die Kirche im nachhinein
immer schlecht dagestanden, wo sie sich der Zeit allzu widerstandslos anbequemt hat.“
„Ich bin ja nur
der Papst“Der Schriftsteller erinnert an den Heiligen Papst Pius X. († 1914). Eifrige Fromme baten ihn,
den Heiligen Joseph in den Meßkanon einzufügen.
Das könne er nicht, war die Antwort von Pius: „Ich
bin ja nur der Papst.“
Für Mosebach gibt es kein besseres Wort, um das Selbstverständnis Benedikts
XVI. von seinem Amt zu charakterisieren.
In diesem Sinn habe er als Kardinal die päpstliche Unfehlbarkeit
als Unterwerfung des Papstes unter die Tradition definiert:
„Wahrscheinlich hat ihm, als er bei seiner
Wahl den Namen Benedikt annahm, neben den mit diesem Namen verbundenen Assoziationen auch die hohe Ordinalzahl
gefallen, die ihn zum sechzehnten der Benedikte machte, einen in einer Reihe von vielen.“
Heiden haben
keine Bedenken gegen PädophilieIn der Diskussion um hochgespielte Sittlichkeits-Delikte stellt Mosebach
fest, „daß es sich beim Kindesmißbrauch um Verbrechen handelt, die in der ganzen Gegenwartsgesellschaft
weit verbreitet und keineswegs für den Klerus der katholischen Kirche besonders bezeichnend sind“.
Der
Papst nehme die Taten einzelner Priester „wohl durchaus als schlimmes Symptom für den Zustand der Kirche,
die in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in die 68er-Bewegung geriet und dabei weithin ihre
bis dahin über alle Umwälzungen bewahrte Identität über Bord warf.“
Mosebach weist darauf hin, daß
das Neue Testament den Schutz der Kinder vor geschlechtlichem Mißbrauch in einer Welt verkündigte, „die
Bedenken gegen erotische Beziehungen mit Kindern nicht kannte“.
Er fügt hinzu: „Für die katholische
Kirche ist der Mißbrauchsskandal der triste Höhepunkt der nachkonziliären Entwicklung“.
Der Priester
ist kein BürgerIn den Jahrzehnten nach dem Konzil ist – so Mosebach – von der überlieferte Theologie
des Priestertums wenig übrig geblieben.
Es sei vergessen worden, „daß das katholische Priestertum ist
seinem Wesen nach eine zutiefst unbürgerliche Institution, die den bürgerlichen Werten Autonomie und
Selbstverwirklichung scharf entgegengesetzt ist“.
Jede Gegenbewegung war nach Angaben von Mosebach aussichtslos,
„solange sich die Aggiornamento-Kirche, in Deutschland durch den langjährigen Vorsitzenden der Bischofskonferenz
Kardinal Lehmann und durch die Funktionäre des ‘Zentralkomitees der deutschen Katholiken’ repräsentiert,
sich in der Sonne der gesellschaftlichen Zustimmung wärmen konnten“.
Doch jetzt sieht Mosebach Land
in Sicht:
„Nachdem der intellektuelle und moralische Glanz des Aggiornamento- Experiments in Peinlichkeit
versunken ist, wird es eher möglich sein, an die Grundlagen des katholischen Priesterbildes zu erinnern
und zu den tradierten Prinzipien zurückzukehren.“
Liturgische OrientierungslosigkeitDer Schriftsteller
betont, daß die große Orientierungslosigkeit weiter Kreise der Kirche nach dem Konzil den eigentlichen
Schaden angerichtet hat:
„So wurde die Krise der nachkonziliären Liturgie selbst von denen – die den
Einbruch der Banalität und der Traditionsvergessenheit in die liturgischen Feiern erkannten und gar beklagten –
als ein Randproblem von bloß ästhetischer Bedeutung angesehen.“
Was die Liturgie für die Kirche wirklich
bedeutet, sei weithin sogar bei Katholiken in Vergessenheit geraten:
„Dabei hätte auch den unbeteiligten
Beobachter nachdenklich machen müssen, daß die Kirche bis zum Eingreifen Papst Pauls VI. über die Jahrtausende
hinweg an der überlieferten Gestalt der Liturgie festgehalten hatte.“
Der Schriftsteller weist darauf
hin, daß die Treue zur Überlieferung in dem Wissen wurzelt, daß sich in der Lehre Jesu Christi der
Inhalt nicht von der Form trennen läßt:
„In der Religion der göttlichen Inkarnation kann es im Prinzip
keine bloßen Äußerlichkeiten geben.“
Mosebach weist darauf hin, daß „einer rebellischen Priestergruppe
um den französischen Erzbischof Lefebvre, der Priesterbruderschaft S. Pius X., eine entscheidende Rolle
zugefallen“ sei, um die Liturgie zu retten.
Heilung kommt nur langsamMosebach weist darauf hin, daß
die Kirche keine Partei ist, die ideologischen Ballast abwerfen kann, wenn er ihrem Machterhalt nicht
mehr opportun ist.
Ihr Ziel sei Universalität, aber nicht um den Preis der Aufgabe ihrer Wahrheit: „Wenn
diese Wahrheit nicht mehr mehrheitsfähig ist, um so bedauerlicher für die Mehrheit.“
Der Papst will –
so der Schriftsteller – trotzdem schroffe Kurswechsel vermeiden:
„Die Heilung der Wunden, welche die
innerkirchlichen Unruhen gerissen haben, kann nur allmählich geschehen“.
Eben kein Politiker„Bei Benedikt
spürt man den beinahe schon vergessenen Wahrheitsanspruch der Kirche zurückkehren“ – analysiert der
Schriftsteller:
„Es wird deutlich, daß der Papst es mit seinem Kampf gegen den Relativismus ernst meint
und daß er vor allem die Katholiken dafür gewinnen will, wieder katholisch zu sein.“
Das begreife ein
einflußreicher Teil der veröffentlichten Meinung als Kriegserklärung:
„Ihre Antwort darauf ist: Dieser
Papst darf keinen Fuß auf den Boden bekommen.“
Mosebach kommentiert: „Wäre er ein Politiker, er müßte
nervös werden.“
„Aber die Stärke dieses sanften und behutsamen Mannes, der für sich selbst die Anwendung
von Machtmitteln ablehnt, besteht darin, daß er eben kein Politiker ist.“
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