Benedikt XVI.
Wen beleidigen die christlichen Wurzeln Europas?
In Europa stehen sich zwei Gegner gegenüber: das Christentum und die Kultur der Aufklärung. Was sind die Wurzeln dieses Gegensatzes? Aus dem letzten Vortrag von Kardinal Joseph Ratzinger, gehalten am Vorabend des Todes von Papst Johannes Paul II.
(kreuz.net) Werfen wir einen genaueren Blick auf den Gegensatz der zwei Kulturen – Christentum und Aufklärung –, die beide Europa geprägt haben.

Die Aufklärung ist eine Geistesströmung aus dem 18. Jahrhundert. Sie zelebriert die Freiheit des Individuums und mißtraut Autoritäten, Religionen und Traditionen. Die Wahrheit sucht sie alleine durch Verstand, Beobachtung und Experimente. Der aufklärerische Wahrheits- und Freiheitsbegriff ist oft reduktiv, intellektualistisch und richtungslos. Die erste gesellschaftliche Auswirkung der Aufklärung waren die Wirren der Französischen Revolution.

In der Debatte um die Präambel der europäischen Verfassung, wurde dieser Gegensatz in zwei kontroversen Punkten sichtbar: in der Frage des Gottesbezuges und in der Frage der Erwähnung der christlichen Wurzeln Europas.

Man sagt, daß die Christen angesichts der Tatsache, daß Artikel 52 der EU-Verfassung die institutionalen Rechte der Kirchen schütze, beruhigt sein können. Doch das bedeutet, daß die Christen ihren Platz im Leben Europas im Rahmen des politischen Kompromisses finden, während die europäischen Fundamente von christlichen Inhalten unberührt bleiben.

Die Begründung, die in der öffentlichen Debatte für dieses „Nein“ gegeben wird, ist oberflächlich. Es ist klar, daß sie – statt die wahren Gründe bekanntzugeben – diese eher verdeckt.

Die Behauptung nämlich, daß die Erwähnung der christlichen Wurzeln Europas die Gefühle vieler Nicht-Christen, die in Europa leben, beleidige, ist wenig überzeugend, weil es sich dabei in erster Linie um eine historische Tatsache handelt, die niemand im Ernst leugnen kann.

Natürlich enthält eine solche historische Anspielung auch einen Bezug zur Gegenwart, da man durch die Erwähnung der Wurzeln auch die verbleibenden Quellen der moralischen Orientierung, also, einen Identitätsfaktor des Gebildes, das sich Europa nennt, bezeichnet. Wer würde damit beleidigt? Wessen Identität würde dadurch bedroht?

Die Moslems, die hier häufig und gerne ins Spiel gebracht werden, fühlen sich nicht von unseren christlichen Fundamenten der Moral bedroht, sondern vom Zynismus einer säkularisierten Kultur, die ihre eigenen Fundamente leugnet.

Auch unsere jüdischen Mitbürger werden vom Bezug auf die christlichen Wurzeln Europas nicht beleidigt, insofern diese Wurzeln bis auf den Berg Sinai zurückgehen. Sie sind von der Stimme geprägt, die sich auf dem Gottesberg hören ließ, und sie verbinden uns in den großen grundlegenden Orientierungen, welche die Zehn Gebote der Menschheit gegeben haben.

Das gleiche gilt für den Gottesbezug: Nicht die Erwähnung Gottes beleidigt die Mitglieder der anderen Religionen, sondern eher der Versuch, eine menschliche Gemeinschaft ohne Gott aufzurichten.

Die Gründe für das genannte zweifache „Nein“ sind tiefer, als die vorgebrachten Erklärungen vermuten lassen.

Das doppelte Nein setzt die Meinung voraus, daß nur eine radikal aufklärerische Kultur, die in unserer Zeit zur vollen Blüte gelangt ist, für die europäische Identität konstitutiv sein kann.

Neben ihr können verschiedene religiöse Kulturen mit ihren entsprechenden Rechten existieren, unter der Bedingung und im Maß aber, in dem sie die Kriterien der aufklärerischen Kultur respektieren und sich ihnen unterwerfen.

Die Kultur der Aufklärung definiert sich im wesentlichen durch die Rechte der Freiheit. Für diese Kultur ist die Freiheit der fundamentale Wert, der alles andere mißt: die Freiheit der Religionswahl, welche die religiöse Neutralität des Staates mitbeinhaltet; die Freiheit, die eigene Meinung zu sagen, sofern sie dieses Regelwerk nicht in Zweifel zieht; die demokratische Ordnung des Staates, das heißt, die parlamentarische Kontrolle der Staatsorgane; die freie Formung der Parteien; die Unabhängigkeit der Rechtssprechung; und zum Schluß der Schutz der Menschenrechte und das Verbot von Diskriminierungen.

Im letzten Punkt ist das Regelwerk noch immer im Entstehen begriffen, weil es sich widersprechende Menschenrechte gibt, wie zum Beispiel im Fall des Gegensatzes des Freiheitswillens der Frau und des Lebensrechtes des ungeborenen Kindes.

Das Konzept der Diskriminierung wird immer mehr ausgeweitet. Deshalb kann sich das Verbot der Diskriminierung immer mehr in eine Beschränkung der Meinungsfreiheit und der Religionsfreiheit verwandeln.

Schon bald wird man nicht mehr – wie es die katholische Kirche tut – lehren können, daß die Homosexualität eine objektive Unordnung in der Struktur der menschlichen Existenz ist. Und die Tatsache, daß die Kirche überzeugt ist, nicht das Recht zu besitzen, Frauen zur Priesterweihe zuzulassen, wird von einigen als mit der europäischen Verfassung unvereinbar betrachtet.

Es ist klar, daß das Regelwerk der Kultur der Aufklärung – das noch alles andere als definitiv ist – wichtige Werte enthält, auf die wir als Christen nicht verzichten können oder wollen.

Aber es ist ebenso offensichtlich, daß der schlecht oder gar nicht definierte Begriff der Freiheit, der dieser Kultur zugrunde liegt, zu unvermeidlichen Widersprüchen führt. Und es ist offensichtlich, daß er aufgrund seiner radikalen Anwendung zu Einschränkungen der Freiheit führen wird, die wir uns noch vor einer Generation nicht hätten vorstellen können.

Eine konfuse Ideologie der Freiheit führt zu einem Dogmatismus, der sich der Freiheit gegenüber immer feindlicher verhält.

Aus der Rede, die Kardinal Ratzinger am Vorabend des Todes von Johannes Paul II. in Subiaco anläßlich der Verleihung des „Preises des Heiligen Benedikt für die Förderung des Lebens und der Familie in Europa“ gehalten hat

Große Worte und Werte

Der Titanenkampf um Europa

Wen beleidigen die christlichen Wurzeln Europas?

Gehört die Türkei in die Europäische Union?

Hat die Menschheit den Stein der Weisen entdeckt?

Zweimal: nein!

Ist die Aufklärung kurzerhand abzulehnen?

Warum Benedikt?
      
11 Lesermeinungen
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#13   yaris   10:29:10 | Montag, 2. Mai 2005
Hallo GerdEric
Tja, eine „heidenfreie“ Welt oder gar Kirche werde wir nicht mehr kriegen – dafür ist es jetzt zu spät. In der menschlichen Geschichte entsteht nichts aus sich selbst heraus, sondern baut aufeinander auf. Wenn wir konsequent werden wollten, müssten wir zuallererst auf Rom als Amtssitz verzichten, den Mittelpunkt der damaligen antik-heidnischen Welt.
Wenn die Werte des Christenums noch nicht umgesetzt wurden, dann sollte uns das als Ansporn dienen, egal in welcher Gestalt sie uns begegnen – aus der katholischen Lehre kommend oder aus dem Grundgesetz der BRD. Der Unterschied ist nämlich wirklich nicht groß.
Ich halte mich da an Matt. 22, 21. Unsere Welt ist unsere Aufgabe, wir bestimmen die Tagespolitik, und wir sollten sie nach Kräften verbessern im christlichen Geist.
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#12   1+1=7   16:57:55 | Sonntag, 1. Mai 2005
Eine Kirche der „Reinen“?
Eine Zusammenkunft Makelloser, ist es das was gefordert ist?
Nein, das geht nicjht. Nicht mit Menschen. Der Versuch die aktuelle Auffassung von Streit- u. Kritikkultur auf die Kirche zu übertragen muss Zwangsweise zu solchen Auffassungen führen die du ve3rtrittst
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#11   GerdEric   22:31:03 | Samstag, 30. April 2005
hallo 7er, hallo yaris
Wo viel Licht ist sieht man den Schatten besser.
Doch das Licht sieht den Schatten nicht, und „Schatten“ kannst du nur dann beseitigen, wenn es viele kleine Leuchten gibt…
weshalb dem Menschen einzig GOTT genügen sollte.
Und den Schatten sieht auch nur ein Aussenstehender.
+++
Das „Abendland“, …ist aus den Komponenten Christentum, griechisch-römischer Antike und den Kulturen der Völkerwanderunsstämme entstanden.
weshalb sich auch zu viel Heidenzeug einschleichen konnte.
Was ist unchristlich an …das Christentum hat immer die Schwachen und Armen unterstützt und die Gleichheit vor Gott betont.
Wenn Du von der Idee sprichst, die Du in Dir trägst, dann mag das stimmen.
viel zu oft hat sich das Christentum aber missbrauchen lassen, um Arme und Schwache noch ärmer und noch schwächer zu machen.
auch noch Heute!
In der christlichen Welt …gab es immer eine Sphäre des Staates und eine der Religion …
Und das ist das Fatale, denn GOTT fordert, dass man sich um die Probleme des Nächsten zu kümmern hat.
Wenn Jesus sagt:
Mein Reich ist nicht von dieser Welt!
dann heisst das:
So wie diese Welt ist,
darf es nicht sein!
Woher kommen sie denn, die Werte der Aufklärung: … wenn nicht aus dem Christentum?
Aber 2000 Jahre alt, sind die wohl nicht…
und in der Ausführung klappt das auch noch nicht.
mfg
GerdEric
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#10   yaris   22:02:45 | Samstag, 30. April 2005
Nicht die Geschichte vernachlässigen
Es scheint immer noch die Vorstellung zu existieren, dass Christentum und Aufklärung Gegensätze seien. Doch wenn man sich näher mit der Entstehung von beiden beschäftigt, erkennt man, dass sie untrennbar verbunden sind. Das „Abendland“, unsere geistige und reale Heimat, ist aus den Komponenten Christentum, griechisch-römischer Antike und den Kulturen der Völkerwanderunsstämme entstanden. Die Werte der Aufklärung sind Endpunkt einer systematischen Entwicklung, an der auch das Christentum entscheidend beteiligt ist. Was ist unchristlich an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit? Das Christentum hat immer den Menschen als Individuum in den Mittelpunkt gerückt (im Ggs. zu asiatischen Kulturen), im Christentum ist das Individuum selbst verantwortlich für sein Handeln (im Ggs. zu Religionen mit „Karma“ ), das Christentum hat immer die Schwachen und Armen unterstützt und die Gleichheit vor Gott betont. In der christlichen Welt seit der Antike gab es immer eine Sphäre des Staates und eine der Religion (z. B. Papst und Kaiser) – ganz im Gegensatz zum politischen Konzept des Islam.
Woher kommen sie denn, die Werte der Aufklärung: Toleranz, individuelle Freiheit, Trennung von religiöser und politischer Sphäre, Gleichheit vor dem Gesetz, wenn nicht aus dem Christentum?
Der Gegensatz ist bei genauer Betrachtung keiner, nur scheinen einige die gemeinsanen Wurzeln nicht zu sehen.
Das Abendland, so wie es sich uns präsentiert, ist unsere, von der christlichen Religion geprägte Welt
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#8   1+1=7   10:18:23 | Samstag, 30. April 2005
Seht Ihr,
was dabei rauskommt, wenn Laien Theolgie studieren:
Filia Stephania: Barmen, Herr, Er -Konfuses
Ideolodogmologie der Freifreiheit führt zu einem Tismus, der sich der Feindlichkeitsheit gegenüber immer licher verhält. Er-BArMEN
So ein Scherz zur Aufheiterung – :D – der kann schon was, Philia.
Es scheint Benedikt XVI. ruft so Einiges hinter dem Ofen hervorlockt. Wo viel Licht ist sieht man den Schatten besser.
7
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#6   sttn   00:47:53 | Samstag, 30. April 2005
@Beobachterin
Du hast sicher Recht, mir fallen viele Katholiken ein die Tolerant sind. Der Gedanken hinter solchen Gesetz(en) hat an sich auch nichts mit der katholischen Kirche zu tun. Sondern es soll Diskriminierung jeder Art vermeiden.
Es gibt aber Befürchtungen in den Kirchen das verschiedene Positionen nun nicht mehr vertreten werden dürfen. Diesen Fall meint ja nun auch Papst Benedikt XVI. Und mir war es nun wichtig darauf hinzuweisen das die Befürchtung aller Vorraussicht nach unbegründet ist.
Ich selber gehöre eigentlich keiner Minderheit an. Bin Bayer in Bayern, bin glücklich mit einer tollen Frau verheirattet (ups. doch Minderheit?), bin katholisch im katholischen Bayern etc…
Hab also keine Befürchtung dieses Gesetz für mich zu benötigen. Ich weiß aber aus Beobachtungen das es durchaus zu Diskriminierungen von Minderheiten kommt und somit finde ich es nicht verkehrt dagegen vorzugehen.
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#5   Beobachterin   23:56:11 | Freitag, 29. April 2005
@ sttn
sttn schreibt: „andererseits sollte gerade die katholische Kirche froh sein, denn wenn im Gesetz mehr Achtung vor anderen verankert wird, denn dann gilt dieser Schutz auch uns Katholiken.“
Wir brauchen kein Gesetz, in dem „Achtung vor anderen“ verankert wird, denn unser Grundgesetz deckt diesen Bedarf ausreichend ab.
Außerdem ist gerade für die Katholiken Toleranz ein hoher Wert, den man sie nicht erst durch ein zusätzliches Gesetz lehren muß. Es scheint, daß es heute eher darum geht, daß Katholiken Toleranz für sich einfordern müssen.
Weiter dünkt mich, daß Du bei dem „Schutz“, von dem Du sprichst, etwas anderes im Auge hast.
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#4   thomas   22:36:59 | Freitag, 29. April 2005
authentisch?
Bitte wann und wo hat der jetzige Papst Benedikit XVI. (wenn überhaupt) diese Rede gehalten!?
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#3   sttn   16:05:38 | Freitag, 29. April 2005
Beschränkung der Meinungsfreiheit/Religionsfreiheit
Hier ging Kardinal Ratzinger/Papst Benedikt XVI den schlimmsten Fall als Annahme aus. Dabei zeigt die Erfahrung aus Ländern in denen ein stärkerer Minderheitenschutz vorhanden ist, das nur die eine Strafe zu erwarten haben, die sich außerhalb dessen bewegen was sein sollte.
Aber wenn ich niemanden beleidige – und die katholische Meinung zu verschiedenen Themen beleidigt niemanden – hat man auch nichts zu befürchten.
Es ist nun nicht verkehrt warnend darauf hinzuweisen das man mit dem Minderheitenschutz auch über das Ziel hinausschießen kann, andererseits sollte gerade die katholische Kirche froh sein, denn wenn im Gesetz mehr Achtung vor anderen verankert wird, denn dann gilt dieser Schutz auch uns Katholiken.
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#2   GerdEric   15:51:01 | Freitag, 29. April 2005
Angebot
Wie wäre es,
wenn man alle Wurzeln,
die zu Europa beigetragen haben,
in die Verfassung aufnähme?
mfg
GerdEric
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#1   Stimme aus dem Tradiland   15:40:09 | Freitag, 29. April 2005
Gute Analyse Seiner Eminenz,
nunmehr seiner Heiligkeit! Das Lob auf die „Werte der Aufklärung“ (welche?) gegen Ende des Artikels hätte er sich allerdings sparen können…
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Es wurden 2 Lesermeinungen von der Redaktion entfernt
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