Die israelische Polizei verhaftete am Donnerstag fast die halbe Familie des sephardischen Oberrabbiners von Jerusalem. Wie bei jedem guten Drama steht eine Liebesgeschichte im Hintergrund – und das Internet.
(kreuz.net, Jerusalem) Der sephardische Oberrabbiner von Jerusalem heißt Schlomo Amar. Am vergangenen
Donnerstag verhaftete die Polizei drei Mitglieder seiner Familie: seine Ehegattin Mazal, seinen Sohn Meir
und seine Tochter Ayala.
Grund: die angebliche Entführung und Mißhandlung eines mit der Tochter des
Rabbiners bekannten ultra-orthodoxen 17-jährigen Jugendlichen aus der Gegend von Tel Aviv.
Das berichtete
die israelische Zeitung „Ha’arez“.
Die Sepharden sind die Juden aus den südeuropäischen und arabischen
Ländern – Amar stammt selber aus Marocco. Die Volksgruppe der mittel- und osteuropäischen Juden nennt
sich Aschkenasen.
Die drei Verhafteten verbrachten eine Nacht hinter Gittern. Am Freitag morgen wurden
die Frau und Tochter aus dem Gefängnis entlassen und unter Hausarrest gestellt. Sohn Meir schmachtet
immer noch in Untersuchungshaft.
Der sephardische Oberrabbiner wurde selber noch nicht verhört. Er sei
im Augenblick auch kein Verdächtiger, erklärte die Polizei. Aber man werde nicht darum herum kommen,
auch ihn in dieser Sache zu befragen. Der Würdenträger befindet sich zur Zeit im Ausland.
Was war geschehen?
Die drei Familienmitglieder sind angeklagt, einen ultra-orthodoxen, 17-jährigen Burschen vor zehn Tagen
überfallen und zwei Tage festgehalten zu haben. Der Junge sei während der ganzen Zeit geschlagen und
bedroht worden.
Bei der Entführung sind die Täter offenbar von zwei Palästinensern aus den besetzten
Gebieten unterstützt worden.
Der Hauptverdächtige ist der Rabbinersohn Meir. Er scheint auch sonst
das schwarze Schaf der Familie zu sein. Schon vor zwanzig Jahren sagte er sich vom religiösen Lebensstil
seiner Familie los und lebt seither ein weltliches Leben.
Die Polizei vermutet eine Liebesgeschichte
als Hintergrund für die Tat. Ayala, die achtzehnjährige Tochter des Rabbiners, soll eine Bekanntschaft
mit dem 17jährigen Burschen unterhalten haben.
Die beiden trafen sich das erste Mal – auch die jüdischen
Frommen gehen mit der Zeit – in einem Internet Chat-Raum.
Die Tochter des Oberrabbiners verabredete sich
vor zehn Tagen mit dem Burschen in seinem Wohnort bei Tel Aviv. Sie erschien in einem Fahrzeug, an dessen
Steuer ihr Bruder Meir saß. Vertrauensselig stieg der 17-jährige Romeo zu.
Das war, wie sich später
herausstellte, ein Fehler.
Der Junge wurde in eine israelisch-arabische Ortschaft gefahren. Dort sei
er in einem Haus eingesperrt worden, das zwei arabischen Freunden von Oberrabbinersohn Meir gehört.
Die ganze folgende Nacht soll der Bursche geschlagen und dabei ernsthaft verwundet worden sein. Seine
Angebetete habe unberührt zugeschaut.
Daraufhin wurde der Junge ins Haus des Oberrabbiners geschafft.
Dort seien die Torturen weitergegangen – auch während der Oberrabbiner im gleichen Haus anwesend war.
Der Bursche wurde arg mißhandelt. Man habe ihm die für ultraorthodoxe Juden typischen Schläfenlocken
abgeschnitten, seine Kopfbedeckung zerrissen, ihn mit Messern bedroht und stundenlang gequält.
Die Polizei
vermutet die Rabbinersfrau Mazal als Anstifterin der Tat.
Die Mama soll ihren verweltlichten Sohn Meir
gebeten haben einzugreifen, um die Bekanntschaft zwischen Tochter Ayala und dem 17-Jährigen zu beenden.
Oberrabbinersohn Meir ist geständig, leugnet aber, daß seine Mutter an der Sache beteiligt war.
Ein
anderer Sohn des Oberrabbiners fand keine schmeichelnden Worte für seinen Bruder Meir: „Mein Bruder lebt
nicht mit der Familie. Meine Eltern sind sehr traurig darüber, daß er sich an einer Mentalität angepaßt
hat, die mit unserem Zuhause nichts zu tun hat.“
„Wenn sich herausstellen sollte, daß das wahr ist,
hat das mit unserer Erziehung nichts zu tun. In unserem Haus tat man keiner Fliege etwas zuleide.“
Der
Rechtsanwalt des Angeklagten erklärte, daß die Familie des Oberrabbiners vom Vorfall nichts gewußt
habe. Die Kontakte zwischen der 18-jährigen Ayala und dem 17-jährigen Burschen seien „unmoralisch“,
weil die beiden Teenager nicht verheiratet sind.
Unklar bleibt, warum die rabbinische Julia den Mißhandlungen
ihres Romeo tatenlos zugeschaut hat.
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