Modernismus
Angenommen wir hätten einen „liberalen“ Papst bekommen
Von verschiedener Seite waren in letzter Zeit Stimmen zu vernehmen, die vom Ausgang der letzten Papstwahl enttäuscht gewesen sind. Von Pater James V. Schall SJ.
(kreuz.net) Wenn wir untersuchen, worüber die Enttäuschten enttäuscht waren, stellt sich heraus, daß Fragen der katholischen Moral dabei eine Hauptrolle spielen.

Die Enttäuschten erhofften sich, daß die Kirche endlich auf den „letzten Stand“ gebracht würde. Mit dem „letzten Stand“ meint man gewöhnlich, daß endlich die chemische Empfängnisverhütung, die Kinderabtreibung, das Menschenklonen, die Priesterinnenweihe, die Ehescheidung, das Homo-Leben und andere fromme Bräuche erlaubt würden.

Selten hört man von anderen Gründen für die „Enttäuschung“ über die letzte Papstwahl. Das Wesen dieser Enttäuschung besteht in der Überzeugung, daß die Kirche in den erwähnten Punkten danebenliegt.

„Danebenliegen“ bedeutet – wie es scheint – daß ein einfacher Schnalzer mit der päpstlichen Hand genügen würde, um diese Dinge in Ordnung zu bringen.

Papst Ratzinger müßte nur ein Dokument unterschreiben, worin gesagt würde, daß die Kinderabtreibung, die Ehescheidung, die Priesterinnenweihe, die chemische Empfängnisverhütung und das Homo-Leben genau jene Dinge sind, an denen die moderne Welt genesen wird.

Hinter dieser Vorstellung steht die Ansicht, daß das Kriterium für die Wahrheit in dem besteht, was die moderne Welt glaubt und praktiziert.

Sollten in der Vergangenheit gegenteilige Ansichten das Feld beherrscht haben, wäre das kein Problem. Auch ein erneutes zukünftiges Umdenken wäre nicht ausgeschlossen.

Das Prinzip, das diese Dinge für erlaubt erklärt, ist folglich jenes der Zeitgemäßheit. Darum ist jeder, der die erwähnten Ansichten nicht akzeptiert, „von vorgestern“.

Argumente, warum das Prinzip der Zeitgemäßheit wahr ist, hört man kaum. Doch genau hier wären Argumente wichtig. Der katholische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton († 1936) sagte einmal, daß eine Sache, die in einem Jahrhundert falsch war, auch in einem anderen Jahrhundert falsch sein muß. Prinzipien – nicht die Zeit – entscheiden darüber, ob etwas wahr ist oder nicht.

Dem Gedankenexperiment zuliebe wollen wir annehmen, daß der neue Papst wirklich von sich glaubt, daß er tun kann, was die moderne Welt für notwendig hält, um die Kirche „auf den letzten Stand“ zu bringen.

Dann würde sich Rom plötzlich mittels einer weltweiten Erklärung mit der Kinderabtreibung, der chemischen Empfängnisverhütung, der Euthanasie, der Ehescheidung, dem Menschenklonen, dem Homo-Leben und mit was auch immer einverstanden erklären.

Es ist schon lange so, daß viele Protestanten und sogar Katholiken – ohne Ungläubige und Vertreter anderer Überzeugungen zu erwähnen – diese Dinge fördern und praktizieren, als ob sie die Lösung aller modernen Probleme wären.

Diese Gruppen sind darüber verärgert, daß sie mit der traditionellen Lehre der Kirche im Widerstreit stehen.

Doch jetzt wurden ihre Träume erfüllt. Der Papst ist plötzlich ein „Liberaler“. Ab sofort versteht er die moderne Welt und ihre Bedürfnisse. Was früher offiziell falsch war, ist jetzt offiziell richtig. Es gibt keine kirchliche Opposition gegen solche modernen Praktiken mehr.

Was wäre die Konsequenz?

Zunächst würde jedermann, der seine Tassen noch ungefähr im Schrank hat, verstehen, daß die Kirche ihren feierlich geschworenen und definierten Prinzipien widersprochen hat.

Mit anderen Worten: Die Kirche wäre es nicht mehr wert geglaubt zu werden. Denn sie hätte ihren eigenen Anspruch auf Glaubwürdigkeit über Bord geworfen, das heißt, ihre Verbindung zum überlieferten Glaubensgut und den Lehren, die daraus folgen. Sie würde jetzt glauben, daß das, was einmal falsch war, jetzt richtig ist.

Wen würde dieser Umsturz am meisten freuen?

Diejenigen, die glauben, daß die erwähnten Praktiken die Lösung der modernen Probleme sind, würden sich nicht ändern und auch keinen Grund mehr besitzen, ihre Denkvoraussetzungen in Frage zu stellen.

Wer aber bisher der Ansicht war, daß die kirchliche Lehre zuverlässig und theologisch begründet ist, würde genügend Verstand haben, um zu merken, daß eine Kirche, welche solche Praktiken erlaubt – nachdem sie lange darauf bestand, daß sie falsch sind – keine Kastanie wert ist.

Eine solche Kirche würde ab sofort keine Glaubwürdigkeit mehr besitzen.

Was wäre die Folge, wenn die Kirche jahrhundertelang darauf besteht, daß eine Sache falsch ist, dann aber urplötzlich beschließt, daß das, was bisher falsch war, plötzlich richtig ist?

Das würde bedeuten, daß niemand – Gläubige oder Ungläubige – seine Aufmerksamkeit je wieder an dieser Kirche verschwenden sollte. Sie kann unter diesen Umständen nicht im Recht sein.

Was also wollen jene, die sich für die Kinderabtreibung, die chemische Geburtenkontrolle, das Homo-Leben, die Euthanasie, das Menschenklonen und was auch immer einsetzen?

Sie wollen in Wirklichkeit jene Autorität unterminieren, welche die erwähnten Praktiken – und jene, die sie ausführen – vor Gott und den Menschen als völlig daneben bezeichnen.

Die Kirche hat ihre Lehren nicht selber zusammengebraut, als ob sie behaupten könnte, was sie wollte – so wie jene, die ihre radikale Veränderung wünschen, glauben, daß sie das kann.

Solche Menschen verstehen nicht, daß der kirchliche Anspruch über unseren Glauben in der Treue der Kirche zum Glaubensgut besteht. Den Glauben hat die Kirche nicht selber erfunden.

Wenn ihre Positionen aber einmal von innen her untergraben sind – was geschehen würde, wenn die erwähnten Dinge akzeptiert wären – dann hätte die Kirche keinen Anspruch mehr darauf, von irgend jemandem geglaubt oder gar ernstgenommen zu werden.

Hinter der Sehnsucht nach der Ankunft eines „liberalen“ Papstes versteckt sich in Wirklichkeit der Wunsch, die Glaubwürdigkeit des Papsttums zu eliminieren.

Das steht bei den Enttäuschten dieser Papstwahl auf dem Spiel. Wir können darüber nicht im Zweifel sein.

Pater James V. Schall, S.J., ist Professor für Politische Philosophie an der Georgetown Universität in Washington DC. Er ist Verfasser vieler Bücher zu sozialen, spirituellen, kulturellen und literaturwissenschaftlichen Themen.
      
5 Lesermeinungen
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#5   Benedikt   16:23:38 | Donnerstag, 12. Mai 2005
Ja… (Teil I)
Ich als „jüngerer Semester“ bin mit dem NOM aufgewachsen und vermutlich deshalb dieser mir bekannten Form des Ritus nicht abgeneigt. Katastrophal ist es aber, wenn selbst bei dieser Form, die aufgrund zahlreicher „Reduzierungen“ ohnehin den alten Charakter des Opfergottesdienstes nicht erreicht, auch noch zusätzlich die vorgeschriebenen Riten auf das Gröbste (und so ist es leider fast jeden Sonntag) missachtet werden. Schlecht ausgebildete Messdiener, die nur noch „irgendwie dabei“ herumsitzen (falls man das als „Sitzen“ betrachten kann), stark verkürzte Messinhalte (unser Pfarrer begann an Palmsonntag nach der Prozession ohne weitere Umschweife sofort mit der Passion, die er von drei Laien lesen ließ, welche keine Ahnung von den dabei vorgeschriebenen Riten (stehen, knien, schweigen) hatten und lächerliche Banalisierungen bei der eigentlichen Eucharistiefeier tragen dazu bei, dass sich jedermann die alte Liturgie zurückwünscht, so er sie denn noch kennt. Ich persönlich bin der Meinung, dass sogar eine Messe nach dem NOM in aller Würde gelesen werden kann, wenn der Priester dies will. Bezüglich der darin vorkommenden Handkommunion sei auf die Schriften Kyrills von Jerusalem verwiesen, der es trotz Befürwortung der Handkommunion immerhin zum Kirchenlehrer gebracht hat. Allerdings wäre er kein Befürworter dieser Art mehr, wenn er den heutigen „Gebrauch“ sehen würde.
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#4   Athanasius   20:52:42 | Mittwoch, 11. Mai 2005
Würde des Papstes…
@Benedikt
Der „aktuelle Ritus“ ist nicht mit Vorschriften einzudämmern und die „Mißbräuche“ überall werden ja schon vom Missale Romanum des Novus Ordo Missae 1970 selbst fazilitiert und mit „Pastoralem Raum“ vorgesehen.
Die Handkommunion, die Zelebration in Richtung der Menschen anstatt gen Osten zum Auferstandenen im Tabernakel, die „Ausserordentliche“ Kommunionhelfer… All diese Mißbräuche sind unverbrüchlich und leider mit Vatikanischen Fehlerlaubnissen auch mit „offiziellen“ Feiern der Novus Ordo Messe verbunden.
Und wir sprechen dann noch nicht einmal von den protestantisierten Liturgiegebeten und Riten im Neuen Messbuch.
Würde der Papst der Priesterbruderschaft Sankt Pius X. die Möglichkeit geben frei die Liturgie mit der Tradition zu erneuern, „das Experiment der Tradition“, würdest Du schon bald eine Tridentinische Messe (Missale Romanum 1962 ist tridentinisch) bei Dir haben.
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#3   Benedikt   18:44:10 | Mittwoch, 11. Mai 2005
Ebenfalls optimistisch…
@athanasius:
Ja, bei der Liturgie soll er bitteschön anfangen. Von Tridentinischer Messe (die in meiner Region leider nirgends gefeiert wird und mir von wenigen Ausnahmen abgesehen praktisch nur aus dem Missale von 1962 bekannt ist) wage ich ja nicht einmal zu träumen. Mir würde es reichen, wenn wenigstens der aktuelle Ritus in vorschriftsmäßiger Weise durchgesetzt werden würde.
Schon davon kann in vielen Pfarrkirchen leider keine Rede sein, so dass ich nach der turnusmäßigen Versetzung unseres Kaplans noch häufiger auf Bischofskirchen ausweichen werde.
Eine in einer knappen Stunde „abgehaltene“ (von „zelebriert“ kann keine Rede mehr sein) Gründonnerstagsliturgie werde ich mir jedenfalls nicht mehr antun.
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#2   methusalix †   23:56:57 | Dienstag, 10. Mai 2005
ein einfacher Schnalzer mit der päpstlichen…
Zitat:-„Danebenliegen“ bedeutet – wie es scheint – daß ein einfacher Schnalzer mit der päpstlichen Hand genügen würde, um diese Dinge in Ordnung zu bringen.-
Diese Meinung kommt wahrscheinlich daher, dass die Menschen wissen, dass der Papst in der katholischen Kirche nach kanonischem Recht die absolute Macht hat. Er ist oberster Gesetzgeber, er ist oberster Richter und er ist gleichzeitig oberster Executor.
Eine Machtfülle, wie sie nur noch wenige Menschen in dieser Welt auf sich vereinigen und die verwenden diese Macht nicht unbedingt im Sinne der katholischen Kirche, wenn ich da an China oder Herrn Castro auf Kuba denke; obwohl dieser ja von seiner Heiligkeit Johannes Paul II. in Gnaden empfangen wurde, ebenso wie der Caudillo von Chile, Augusto Pinochet.
Man würde sich wünschen, dass sich diese, weltliche, Machtfülle auf die richtigen Personen verteilt.
Präsident Bush scheint ein sehr frommer Mann zu sein, zumindest was seine Ansichten zur Sexualmoral, Kondomen, Abtreibung und Homosexualität angeht; er würde diese Macht sicher nicht missbrauchen.
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#1   Athanasius   19:17:51 | Dienstag, 10. Mai 2005
Ich bin
beschränkt Optimistisch über unseren neuen hl. Vater.
Hoffentlich wird er der Johannes XXIII. für die regressistische Seite der Kirche. Anfangen soll er mit der Liturgie.
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