08:43:25 | Montag, 9. August 2010
Die Alt-68er haben ihren Kurs auf die angeblichen Bedürfnisse der Gesellschaft abgestimmt. Genützt hat auch das nichts.

Der Passauer Prälat Pinzl weiß, daß die nachwachsende Generation von Seminaristen Leute seines Alters
als „Krawattenpriester“ verachtet.
© T.M. Camp, CC(kreuz.net) „Das öffentliche Bild der Katholischen Kirche in Deutschland wird geprägt von prügelnden
Klosterbrüdern, einem alkoholkranken Bischof, pädophilen und homosexuellen Priestern.“
Das stellte
Redakteur Hannes Hintermeier (49) am Samstag in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’ fest.
Die Bischöfe
würden entweder mauern oder öffentlich miteinander abrechnen:
„Und über allem thront der vermeintlich
distanzierte Papst aus Deutschland, den in diesen Strudel hineinzuziehen nicht ganz gelungen ist.“
Der
Redakteur fügt hinzu: „Solidarität mit dem Papst ist besonders bei deutschen Bischöfen keine Paradedisziplin.“
Als Ausnahme erwähnt er Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst von Limburg.
Der Bischof erklärt vor
der Zeitung, daß es für ihn ein Rätsel ist, warum sich ausgerechnet die als Reiseweltmeister erprobten
Deutschen so schwer mit einer globalen Kirche tun.
Die Erfahrungen eines afrikanischen PriestersHintermeier
erwähnt Hw. Andrew Ngah (34). Er stammt aus Kamerun und studiert bei den Jesuiten in Frankfurt.
Seine
Erfahrung nach zahllosen Aushilfen in deutschen Pfarreien: „Tolle Kirchen, aber keine Leute drin.“
Sein
zweiter Eindruck, wenn er auf Bahnreisen in die versteinerten Mienen der Mitreisenden schaut: „Sie haben
Angst, Angst vor dem Unbekannten.“
Profillose Beliebigkeit„Längst hat sich in der religiösen Landschaft
Beliebigkeit breitgemacht“ – stellt Hintermeier fest: „Die Abgrenzung zu den nicht-christlichen Religionen
weicht auf – Patchwork-Religionen entstehen.“
In den Großstädten hätten die Gotteshäuser die Abwehrschlacht
gegen die Konsumtempel verloren:
„Aber ausgerechnet in der Bankenstadt Frankfurt registriert man viele
erwachsene Taufbewerber, nicht wenige aus dem Bankenumfeld.“
Der für Frankfurt zuständige Limburger
Bischof denke darüber nach, in der Mittagspause Messen zu feiern.
Denn: „Im Alltag der Bankenmetropole
ist der Frankfurter Dom ein Platzhalter Gottes.“
Verkernte KircheDennoch. Dem gelebten Glauben wollen
sich immer weniger Deutsche unterziehen:
„Die Mitgliederzahlen sinken beständig, 280.000 Austritte verzeichnen
die beiden großen christlichen Bekenntnisse Jahr für Jahr.“
Hintermeier erinnert an den inzwischen
vierzig Jahre zurückliegenden angeblichen Aufbruch: „Die Achtundsechziger gehen demnächst in Pension.“
Sie haben – so der Journalist – „ihren Kurs auf die Bedürfnisse der Gesellschaft abgestimmt, genützt
hat auch das nichts.“
Hintermeier redet von einer gegenwärtigen „Verkernung“ der Kirche: „Ein schrumpfender
Kern von teilweise extrem engagierten Aktiven bestimmt das Milieu und die Atmosphäre in der Gemeinde.“
Dazu verweist er auf eine vor fünf Jahren von der Heidelberger Firma Sinus-Sociovision vorgelegte Studie.
Sie kam zum Schluß, daß die Kirche von zehn Sozialmilieus nur noch drei erreicht: Konservative, Traditionsverwurzelte
und Teile der bürgerlichen Mitte.
Keine Chancen hat die Kirche bei Hedonisten, Konsumidealisten oder
sogenannten „modernen Performern“.
Verachtung für angepaßte KrawattenpriesterDie Kirche antwortet
auf den Schrumpfungsprozeß mit der unvermeidlichen Zusammenlegung von Pfarreien.
Damit werden Geistliche
plötzlich Manager.
Hintermeier erwähnt den Passauer Priester, Monsignore Maximilian Pinzl. Er trat
im Alter von sechsundsechzig Jahren früher als geplant in den Ruhestand:
„Begründung: Es sei gesundheitlich
nicht mehr in der Lage, seinen Management-Job zu machen.“
Das Bistum hatte seine Bitte abgelehnt, einen
Verwaltungsfachmann für Finanzen und Baumaßnahmen einstellen zu dürfen.
Prälat Pinzl ist sich bewußt,
daß eine nachwachsende Generation von Seminaristen Leute seines Alters als „Krawattenpriester“ verachtet.
Man habe sich zu stark an weltliche Vorgaben angepaßt, auch durch Tragen eines Straßenanzugs – gesteht
er ein.
Der Limburger Bischof fügt hinzu: „Es zeichnet Priesteramtskandidaten aus, daß sie entschiedener
nach der Substanz des christlich-kirchlichen Glaubens fragen: Sie wollen »Schwarzbrot«.“
Ahnungslose
deutsche KatholikenDie Katholische Kirche versteht sich im Gegensatz zu den Protestanten als Weltkirche:
„Der Ort darf sich nicht selbst genügen.“
Doch: „Das tut er aber oft genug, häufig den Priester eingeschlossen.“
Darum würden die Sonntagspredigten genutzt, um die eigenen Glaubenszweifel zu thematisieren – anstatt
das Evangelium zu verkündigen:
„Wie aufgeweicht und nachlässig mit der Liturgie umgegangen wird: Da
wird keine Brücke gebaut für die nachwachsenden Generationen, die gar nicht wissen, was da geschieht,
weil es ihnen niemand erklärt.“
Das liegt auch daran, daß Erstkommunion- oder Firmvorbereitung zu psychosozialen
Gruppenstunden umgestaltet wurden: „Die Hinführung zum Sakrament unterbleibt.“
Bischof Tebartz-van Elst
fügt hinzu: „Wo Sekundär- und Tertiärsymbole wie Bäume und Boote in die Altarräume geschleppt werden,
muß es nicht verwundern, wenn Kinder nicht zum Wesen der sakramentalen Begegnung mit Jesus Christus finden.“
Die Ahnungslosigkeit der deutschen Katholiken hat auch Hw. Ngah erfahren: „Deutsche Katholiken berichten
zwei Stunden über die Fehler ihres Bischofs, aber das ‘Ave Maria’ können sie nicht.“
Der afrikanische
Geistliche hat noch weitere Geschichten auf Lager.
So erzählt er von einer Küsterin, die ihn in der
Sakristei mit den Worten begrüßte: „Ich bin hier die Priesterin.“
Er werde auch immer wieder gefragt,
welche Art von Gottesdienst er zu halten gedenke.
Seine Standard-Antwort: „die römisch-katholische Liturgie.
Punkt.“
Profil zeigenRedakteur Hintermeier legt auch den Finger auf den dekadenten deutschen Religionsunterricht:
„Dieses Instrument greift schon lange nicht mehr.“
Er zitiert Monsignore Pinzl: „Religionsunterricht
ist heute vielfach Afrikakunde, Buddhismus und Hartz IV.“
Der Artikel zitiert auch den altgläubigen
deutschen Schriftsteller Martin Mosebach: „Hier ist ein Großexperiment gescheitert.“
Die sich anpassende
Aggiornamento-Kirche habe Generationen den Glauben gekostet.
Die von heterodoxen Linkskatholiken gebetsmühlenhaft
wiederholte Forderung nach Abschaffung des Zölibates als Rezept für mehr Priester, läßt Mons. Tebartz-van
Elst nicht gelten:
„Die nachlassende Zahl der geistlichen Berufungen spiegelt zuerst einen Glaubensschwund
in unserer Gesellschaft wider.“
Er weist auch darauf hin, daß die Kirche zu einem Entschuldigungs-Verein
degeneriert ist:
„Wenn sich auf interreligiösen Veranstaltungen Juden, Muslime und Christen treffen,
sind es meist letztere, die sich für ihren Glauben entschuldigen.“
Dagegen will der Limburger Bischof
stärker Profil zeigen: „Muslimische Schüler erwarten von ihren christlichen Klassenkameraden inhaltliche
Antworten und eine christliche Erkennbarkeit.“
Interne, antikatholische GegenöffentlichkeitHintermeier
erwähnt, daß die Politik bei der Krisenbewältigung „wenig hilfreich“ ist:
„Auch bevorzugen viele unter
der »C«-Flagge segelnde Politiker im Zweifelsfall die Phrase, die auf politisch korrekte Vermittelbarkeit
zielt.“
Auch die Laien spielen das Spiel nach ihren Regeln:
„Das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken
etwa, ein Zusammenschluß von mehreren kirchlichen Vereinen, spricht gewöhnlich im Gestus höchster Autorität,
obwohl es nicht legitimiert ist, »die« Katholiken zu repräsentieren.“
Der Limburger Bischof ist ebenfalls
kritisch: „Die Aufgabe des ‘Zentralkomitee der Deutschen Katholiken’ besteht nicht darin, über Fragen
der Lehre des Glaubens oder der Struktur der Kirche zu befinden.“
Es sei für die Erneuerung der Kirche
nicht gut, wenn führende Persönlichkeiten und Gremien den Eindruck hinterlassen, das ‘Zentralkommitee’
sei eine „interne Gegenöffentlichkeit zur verfaßten Kirche.“
Profil zahlt sich ausDer Bischof von
Limburg meint zur Zukunft der Kirche: „Sie wird sich auf das, was am Anfang der Kirche war, stützen –
auf sehr viel ehrenamtliches Engagement.“
Aber Hintermeier kontert: „In den Gotteshäusern sind viele
Laien kaum noch zu vernehmen.“
Denn: Bei Taufen murmeln und beim Glaubensbekenntnis nuscheln sie.
Hw.
Ngah muß am Altar um deutlich vernehmbare Bekenntnisworte bitten.
Er hat schon mehrmals Heiratswillige
in die Nachschulung geschickt, wenn sich herausstellte, daß sie nicht einmal minimale Kenntnisse hatten.
In Bad Ems hat er zwei Muslimen und einem Protestanten die Kommunion verweigert, die aus Spaß vor den
Altar getreten waren:
„Priester sind keine Maschinen, wir haben ein Gefühl für so etwas. Meine Ausbildung
hat neun Jahre gedauert – ich spüre, ob einer katholisch ist.“
Hintermeier fügt hinzu: „Ein Jahr nach
dem Vorfall sind die beiden Männer und die Frau wieder bei [Hw.] Andrew Ngah vorstellig geworden – um
sich von ihm taufen zu lassen.“
Der Geistliche faßt den Zustand der Kirche in Deutschland mit dem englischen
Merkwort „fear“ zusammen: false evidence appearing real – falscher Augenschein, der wirklich erscheint.
Er fügt hinzu: „Angst ist das Gegenteil von Glauben.“
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