10:20:10 | Sonntag, 22. August 2010
Die Familie ist ein Ganzes, während die Patchworkfamilie in lauter Teile zerfällt, die zwar irgendwie miteinander verbunden sind, aber so lose, daß die Verbindungen gefährlich leicht reißen.
(kreuz.net) „Alle sind glücklich – denn wir haben ein neues gesellschaftliches Ideal gefunden: die Patchwork-Familie.“
Das schrieb Redakteurin Melanie Mühl (33) am 18. August in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’ unter
dem Titel: „Das geheuchelte Familienglück“.
Fräulein Mühl kritisiert die gegenwärtige Propaganda
für die sogenannte Patchwork-Familie:
„Das Wort klingt nach Sommerferienlager, und die Fotostrecken
in den Zeitschriften zeigen fröhliche Menschen, die sicher im Leben stehen und jedes Problem lösen,
bevor es überhaupt da ist.“
Denn: „Ihr Motto lautet Leichtigkeit.“
Die Helden der Stieffamilie sind
Demi Moore, Heidi Klum, Boris Becker oder Christian und Bettina Wulff:
„Sie rufen uns winkend entgegen:
Patchworkfamilien sind super!“
SelbstverwirklichungsmanieDagegen zitiert die Redakteurin die Schriftstellerin
Marion Titze: „Wir können das Leben nicht einfach wieder dort aufnehmen, wo wir es einmal fallengelassen
haben.“
Unser Handeln hat immer Folgen – ergänzt die Redakteurin: „Sicher ist, daß irgend jemand immer
den Preis dafür zahlen muß.“
Doch das ist „in unserer Unverbindlichkeitswelt“ ein häßlicher Gedanke:
„Bis daß der Tod uns scheidet, hört sich schon lange nicht mehr wie ein Versprechen – es ist eine Drohung.“
Man betrachte das Leben wie ein Wirtschaftsunternehmen, das man ständig optimieren muß: „Dafür gibt
es ein Wort, es heißt Selbstverwirklichungsmanie.“
Fräulein Mühl erwähnt auch die Schlagseite dieses
Konzeptes: „Mit Kindern wird das System um uns herum allerdings komplexer“.
Denn: „Die Kinder sind die
Opfer der Ich-Optimierung.“
Medikamente für ScheidungskinderDie Redakteurin bleibt nicht bei Behauptungen:
• Scheidungskinder werden später beinahe doppelt so häufig geschieden wie Nicht-Scheidungskinder.
• Sie neigen stärker zu Depressionen und Schizophrenie
• Sie werden häufiger kriminell.
• Sie
haben Probleme, Nähe aufzubauen und Menschen zu vertrauen.
Heute wird eine Scheidung als Selbstverständlichkeit –
nicht mehr als Schicksalsschlag – hingestellt. Doch: „Für ein Kind ist sie eine Tragödie.“
Jeder dritte
Ehe werde geschieden: „Und selten werden kritischen Fragen gestellt.“
Man klopft sich statt dessen auf
die Schulter: „Den Kindern verschreiben die Ärzte notfalls Therapien und Medikamente, die den Serotoninspiegel
ins Gleichgewicht bringen, damit sie konzentrierter lernen können.“
Zusammengebastelte Infrastruktur
des guten GewissensRedakteurin Mühl betont, daß sich die Väter heute geändert haben: „Sie nehmen
Elternzeit, wickeln ihr Baby und wissen, wo sie den Tortenheber finden.“
Nach der Scheidung würden sie
sich weiterhin gut mit ihren Exfrauen verstehen: Entscheidungen würden weiterhin gemeinsam getroffen:
„Dabei lernen die Kinder die neuen Partner und deren Kinder kennen.“
Viele Bindungen seien wertvoller
als wenige, zitiert die Redakteurin die Meinung der Psychologen:
„Am Ende haben wir uns eine Infrastruktur
des guten Gewissens zusammengebastelt und uns selbst betrogen.“
Denn: „Schon bei der nächsten Generation
fällt diese Konstruktion in sich zusammen.“
Ein absurdes MärchenDas Märchen von der „guten Scheidung“
bezeichnet Fräulein Mühl als „absurd“:
„Wer das glaubt, sollte das Buch »Kind sein zwischen zwei Welten:
Was im Inneren von Scheidungskindern vorgeht« der Sozialforscherin Elizabeth Marquardt lesen.“
Denn:
Scheidungskinder wachsen mit der Gewißheit auf, daß nichts von Bestand ist: „Das ist ein Schock.“
Damit
geht das Urvertrauen in die Brüche: „Die Behaustheit bekommt einen Riß, der sich nicht kitten läßt,
weshalb sich ein Teil von ihnen immer einsam fühlen wird.“
Familie heißt Heimat„Bevor wir in naher
Zukunft über die Familie wie über einen Kassettenrecorder reden, ein putziges Relikt aus ferner Zeit,
erinnern wir uns einmal kurz daran, was Familie bedeutet“ – so Fräulein Mühl.
Sie stellt fest: „Familie
heißt Heimat.“
Sie ist der geschützte Ort, „an dem wir von Eltern und Geschwistern umgeben in das Leben
hineinwachsen und unsere Individualität entwickeln.“
Und: „Wir beobachten, wie die Beziehung unserer
Eltern funktioniert, und spiegeln uns in ihnen. Dabei wundern wir uns zwar, wie der Vater es mit der Mutter
aushalten kann und umgekehrt.“
In der Familie gefährdet der Streit nicht die Fundamente: „Klar will
man oft fortlaufen, weil alles eng ist, auf klaustrophobische Weise bedrückend.“
Aber: „So ist das mit
fast allen Dingen, die einen in unmittelbarer Nähe umgeben, mal liebt man sie, mal haßt man sie.“
Viel
zu frühDie Familie ist ein Ganzes, „während die Patchworkfamilie in lauter Teile zerfällt, die zwar
irgendwie miteinander verbunden sind, aber so lose, daß die Verbindungen gefährlich leicht reißen.“
Fräulein Mühl bestreitet nicht, daß man sein Glück auch dort finden kann: „Sie ist nur nicht von
vornherein die beste Lösung.“
Denn: „Die Frage, ob die Mutter sympathisch ist oder unsympathisch, stellt
sich einem Kind nicht.“
Dagegen stellt sich die Frage einem Stiefkind bei der neuen Freundin des Vaters
sehr wohl.
Die Redakteurin zitiert aus dem Buch „Die Liebe der Väter“ von Thomas Hettche:
„Tatsächlich
haben mich Frauen, die ohne ihren Vater aufgewachsen sind, immer am meisten beeindruckt, sind sie doch
oft auf eine klare Weise rational, der man anmerkt, daß sie sich die Rationalität ihrer Väter selbst
haben erfinden müssen.“
Fräulein Mühl ergänzt: „Zur Nüchternheit, zur Gefühlsrationalität sind
sie viel zu früh erzogen worden.“
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