18:39:43 | Sonntag, 15. Mai 2005
Benedikt XVI.
Zwei Fragen stellt sich Kardinal Joseph Ratzinger am Ende seines letzten Vortrages vor seiner Papstwahl in Subjaco bei Rom, wo der heilige Mönchsvater Benedikt als Einsiedler gelebt hat. Von Benedikt XVI.
(kreuz.net) Zur Philosophie der Aufklärung, welche die Freiheit und Mündigkeit des Menschen in den Mittelpunkt
stellt, erheben sich zwei Fragen.
Die erste: Haben wir mit diesem Denkgebäude endlich eine allgemeingültige
und völlig wissenschaftliche Philosophie entdeckt, in der jene Vernunft zum Ausdruck kommt, die allen
Menschen gemeinsam ist?
Auf diese Frage können wir folgendermaßen antworten.
Zweifellos ist die Philosophie
der Aufklärung zu wichtigen Einsichten gelangt, die Allgemeingültigkeit beanspruchen können. Zu ihnen
gehört die Erkenntnis, daß die Religion nicht vom Staat aufgezwungen, sondern nur in Freiheit angenommen
werden kann, die Respektierung der für alle Menschen gültigen Grundrechte, die Gewaltentrennung und
die Kontrolle der Macht.
Man darf aber nicht glauben, daß diese Grundwerte, die von uns als allgemeingültig
angenommen werden, in jedem historischen Kontext auf gleiche Weise verwirklicht werden können.
Nicht
alle Gesellschaften besitzen die im Westen gegebenen soziologischen Voraussetzungen für eine Demokratie,
die auf politischen Parteien gegründet ist. Deshalb ist die vollständige religiöse Neutralität des
Staates in den meisten historischen Kontexten als Illusion zu betrachten.
Damit kommen wir zu den Problemen,
die mit der zweiten Frage zusammenhängen.
Vorher wollen wir aber die Frage klären, ob sich die modernen
Philosophien der Aufklärung insgesamt als das letzte Wort der allen Menschen gemeinsamen Vernunft betrachten
können.
Diese Philosophien sind dadurch gekennzeichnet, daß sie positivistisch und darum antimetaphysisch
sind. Gott hat in ihnen letztlich keinen Platz.
Sie gründen auf einer Selbstbeschränkung auf die positive
Vernunft, die vielleicht im Bereich der Technik angebracht ist. Wo sie aber verallgemeinert werden, führen
sie zu einer Verstümmelung des Menschen.
Die Selbstbeschränkung auf die positive Vernunft hat nämlich
zur Folge, daß der Mensch keine moralische Instanz außerhalb seiner eigenen Berechnungen zuläßt und
daß die Idee der Freiheit, die sich zuerst unbeschränkt auszudehnen scheint, am Schluß zur Selbstzerstörung
der Freiheit führt.
Es stimmt, daß die positivistischen Philosophien wichtige Wahrheitselemente beeinhalten.
Diese gründen jedoch auf einer Selbstbeschränkung der Vernunft, die für ein bestimmtes kulturelles
Umfeld typisch ist – jenes des modernen Westens – und deshalb mit Sicherheit nicht das letzte Wort der
Vernunft sein kann.
Obwohl sie sich als vernunftgemäß vorstellen, sind diese Philosophien nicht die
Stimme der Vernunft, sondern kulturell an die Situation des heutigen Westens gebunden. Darum stellen sie
nicht jene Philosophie dar, die einmal auf der ganzen Welt gültig sein kann.
Außerdem muß man sagen,
daß die Philosophie der Aufklärung und die dazugehörige Kultur unvollständig sind.
Diese Philosophie
löst sich bewußt von ihren historischen Wurzeln und beraubt sich der Urkräfte, aus denen sie herausgeflossen
ist, nämlich jener Grunderinnerung der Menschheit, ohne welche die Vernunft ihre Orientierung verliert.
Jetzt gilt der Grundsatz, daß die Fähigkeit des Menschen das Maß seines Handelns ist. Was man tun
kann, darf man auch tun. Ein vom Tun-Können unterschiedenes Tun-Dürfen existiert nicht mehr, weil das
jener Freiheit widersprechen würde, die der absolut höchste Wert ist.
Aber der Mensch kann vieles –
und immer mehr – tun. Wenn sein Tun-Können in einer moralischen Norm kein Maß findet, wird es, wie wir
bereits gesehen haben, zu einer Zerstörungsmacht.
Der Mensch kann Menschen klonen und tut es darum auch.
Der Mensch kann Menschen als Organ-Ersatzteillager für andere Menschen verwenden und tut es darum auch.
Er tut es, weil das eine Notwendigkeit seiner Freiheit zu sein scheint. Der Mensch kann Atombomben bauen,
stellt sie darum auch her und ist – wenigstens prinzipiell – sogar bereit, sie zu verwenden.
Auch der
Terrorismus gründet letztendlich auf dieser Weise der Selbstbeauftragung des Menschen und nicht auf den
Lehren des Koran.
Die radikale Loslösung der Philosophie der Aufklärung von ihren Wurzeln führt am
Ende zu einer Verringerung des Menschen.
Der Mensch besitzt im Grund genommen keine Freiheit, erklären
uns die Sprecher der Naturwissenschaften im totalen Widerspruch zum Ausgangspunkt ihres Denkens.
Der
Mensch soll nicht glauben, daß er im Vergleich zu den anderen Lebewesen etwas anderes ist. Darum sollte
er auch wie die anderen Lebenwesen behandelt werden, sagen uns sogar die fortschrittlichsten Sprecher
jener Philosophie, die sich radikal von den Wurzeln der historischen Erinnerung der Menschheit losgelöst
hat.
Aus dem Vortrag von Joseph Kardinal Ratzinger anläßlich der Verleihung des „Preises des Heiligen
Benedikt für die Förderung des Lebens und der Familie in Europa“ in Subiaco bei Rom am Vorabend des
Todes von Papst Johannes Paul II.Große Worte und WerteDer Titanenkampf um EuropaWen beleidigen
die christlichen Wurzeln Europas?Gehört die Türkei in die Europäische Union?Hat die Menschheit
den Stein der Weisen entdeckt?Zweimal: nein!Ist die Aufklärung kurzerhand abzulehnen?Warum Benedikt?
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