Benedikt XVI.
Hat die Menschheit den Stein der Weisen entdeckt?
Zwei Fragen stellt sich Kardinal Joseph Ratzinger am Ende seines letzten Vortrages vor seiner Papstwahl in Subjaco bei Rom, wo der heilige Mönchsvater Benedikt als Einsiedler gelebt hat. Von Benedikt XVI.
(kreuz.net) Zur Philosophie der Aufklärung, welche die Freiheit und Mündigkeit des Menschen in den Mittelpunkt stellt, erheben sich zwei Fragen.

Die erste: Haben wir mit diesem Denkgebäude endlich eine allgemeingültige und völlig wissenschaftliche Philosophie entdeckt, in der jene Vernunft zum Ausdruck kommt, die allen Menschen gemeinsam ist?

Auf diese Frage können wir folgendermaßen antworten.

Zweifellos ist die Philosophie der Aufklärung zu wichtigen Einsichten gelangt, die Allgemeingültigkeit beanspruchen können. Zu ihnen gehört die Erkenntnis, daß die Religion nicht vom Staat aufgezwungen, sondern nur in Freiheit angenommen werden kann, die Respektierung der für alle Menschen gültigen Grundrechte, die Gewaltentrennung und die Kontrolle der Macht.

Man darf aber nicht glauben, daß diese Grundwerte, die von uns als allgemeingültig angenommen werden, in jedem historischen Kontext auf gleiche Weise verwirklicht werden können.

Nicht alle Gesellschaften besitzen die im Westen gegebenen soziologischen Voraussetzungen für eine Demokratie, die auf politischen Parteien gegründet ist. Deshalb ist die vollständige religiöse Neutralität des Staates in den meisten historischen Kontexten als Illusion zu betrachten.

Damit kommen wir zu den Problemen, die mit der zweiten Frage zusammenhängen.

Vorher wollen wir aber die Frage klären, ob sich die modernen Philosophien der Aufklärung insgesamt als das letzte Wort der allen Menschen gemeinsamen Vernunft betrachten können.

Diese Philosophien sind dadurch gekennzeichnet, daß sie positivistisch und darum antimetaphysisch sind. Gott hat in ihnen letztlich keinen Platz.

Sie gründen auf einer Selbstbeschränkung auf die positive Vernunft, die vielleicht im Bereich der Technik angebracht ist. Wo sie aber verallgemeinert werden, führen sie zu einer Verstümmelung des Menschen.

Die Selbstbeschränkung auf die positive Vernunft hat nämlich zur Folge, daß der Mensch keine moralische Instanz außerhalb seiner eigenen Berechnungen zuläßt und daß die Idee der Freiheit, die sich zuerst unbeschränkt auszudehnen scheint, am Schluß zur Selbstzerstörung der Freiheit führt.

Es stimmt, daß die positivistischen Philosophien wichtige Wahrheitselemente beeinhalten. Diese gründen jedoch auf einer Selbstbeschränkung der Vernunft, die für ein bestimmtes kulturelles Umfeld typisch ist – jenes des modernen Westens – und deshalb mit Sicherheit nicht das letzte Wort der Vernunft sein kann.

Obwohl sie sich als vernunftgemäß vorstellen, sind diese Philosophien nicht die Stimme der Vernunft, sondern kulturell an die Situation des heutigen Westens gebunden. Darum stellen sie nicht jene Philosophie dar, die einmal auf der ganzen Welt gültig sein kann.

Außerdem muß man sagen, daß die Philosophie der Aufklärung und die dazugehörige Kultur unvollständig sind.

Diese Philosophie löst sich bewußt von ihren historischen Wurzeln und beraubt sich der Urkräfte, aus denen sie herausgeflossen ist, nämlich jener Grunderinnerung der Menschheit, ohne welche die Vernunft ihre Orientierung verliert.

Jetzt gilt der Grundsatz, daß die Fähigkeit des Menschen das Maß seines Handelns ist. Was man tun kann, darf man auch tun. Ein vom Tun-Können unterschiedenes Tun-Dürfen existiert nicht mehr, weil das jener Freiheit widersprechen würde, die der absolut höchste Wert ist.

Aber der Mensch kann vieles – und immer mehr – tun. Wenn sein Tun-Können in einer moralischen Norm kein Maß findet, wird es, wie wir bereits gesehen haben, zu einer Zerstörungsmacht.

Der Mensch kann Menschen klonen und tut es darum auch. Der Mensch kann Menschen als Organ-Ersatzteillager für andere Menschen verwenden und tut es darum auch. Er tut es, weil das eine Notwendigkeit seiner Freiheit zu sein scheint. Der Mensch kann Atombomben bauen, stellt sie darum auch her und ist – wenigstens prinzipiell – sogar bereit, sie zu verwenden.

Auch der Terrorismus gründet letztendlich auf dieser Weise der Selbstbeauftragung des Menschen und nicht auf den Lehren des Koran.

Die radikale Loslösung der Philosophie der Aufklärung von ihren Wurzeln führt am Ende zu einer Verringerung des Menschen.

Der Mensch besitzt im Grund genommen keine Freiheit, erklären uns die Sprecher der Naturwissenschaften im totalen Widerspruch zum Ausgangspunkt ihres Denkens.

Der Mensch soll nicht glauben, daß er im Vergleich zu den anderen Lebewesen etwas anderes ist. Darum sollte er auch wie die anderen Lebenwesen behandelt werden, sagen uns sogar die fortschrittlichsten Sprecher jener Philosophie, die sich radikal von den Wurzeln der historischen Erinnerung der Menschheit losgelöst hat.

Aus dem Vortrag von Joseph Kardinal Ratzinger anläßlich der Verleihung des „Preises des Heiligen Benedikt für die Förderung des Lebens und der Familie in Europa“ in Subiaco bei Rom am Vorabend des Todes von Papst Johannes Paul II.

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4 Lesermeinungen
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#4   Stimme aus dem Tradiland   14:48:13 | Dienstag, 17. Mai 2005
In der Sakramentenlehre
ist aber die Unterscheidung von Materie und Form nach wie vor hochaktuell, wenngleich sie postsyndal abgelehnt wird… (@ ontos).
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#3   Peccator   11:35:31 | Dienstag, 17. Mai 2005
Lieber Paul Meyer
die Lehre des Hl. Thomas ist auch nicht das Allheilmittel in allen Lebenslagen. Als Philosoph, der im übrigen den traditionellen Glauben mit aller Entschiedenheit verteidigt, kann ich Ihnen sagen, daß Philosophie eine Wissenschaft ist und daher auch der Entwicklung unterliegt. So sind die aristotelischen Kategorien von Form und Materie oder der Essentialismus heute nicht mehr zu verteidigen, da es in der Philosophie nicht um Dogmen, sondern um Argumente geht. Die Argumente gegen diese Auffassungen, die auch von gläubigen Philosophen geteilt werden, sind einfach nicht zu widerlegen. So wie Thomas zu seiner Zeit die beste verfügbare Philosophie verwendete um den kath. Glauben philosophisch zu fassen, so muß dies auch heute getan werden.
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#2   Paul Mayer   11:51:23 | Montag, 16. Mai 2005
Das theologische Grundproblem bei Papst Benedikt XVI.
ist gerade seine Ablehnung der Scholastik des Hl. Thomas v. Aquin, wie sie wiederum typisch für jene Halbkonservativen ist, die V2 als „Superdogma“ hochhalten und das Widerspruchsprinzip der Scholastik ablehnen. Deswegen versuchen sie laufend, Unvereinbares zu vereinen, hier z.B. die Aufklärung mit dem Katholischen Glauben. Als Hegelianismus (These – Antithese – Synthese) mag es brauchbar sein, für eine wirklich christliche Auslegung ist es aber unbrauchbar!
@ Petrus Radii: Sehr richtig!
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#1   Petrus Radii   20:53:58 | Sonntag, 15. Mai 2005
So wird der Liberalismus gutgeheißen???
„Zweifellos ist die Philosophie der Aufklärung zu wichtigen Einsichten gelangt, die Allgemeingültigkeit beanspruchen können. Zu ihnen gehört die Erkenntnis, daß die Religion nicht vom Staat aufgezwungen, sondern nur in Freiheit angenommen werden kann, die Respektierung der für alle Menschen gültigen Grundrechte, die Gewaltentrennung und die Kontrolle der Macht.“
Guter Schuler des hl. Augustinus scheint Papst Benedikt eigentlich nicht ganz zu sein. Sonst hätte er anerkennen müssen, daß der große Kirchenvater das alles schon längst in „De Civitate Dei“, u.a., ausgearbeitet hat, und daß die Lehren so alt wie die Kirche sind.
Dennoch, wenn von „Gewaltentrennung“ die Rede ist, müßte man fragen ob der damalige Kardinal die Trennung zwischen Kirche und Staat gemeint habe. So etwas wäre einer der Irrtümer des Liberalismus, die vom seligen Papst Pius IX. verurteilt wurden. „Kontrolle der Macht“ scheint mir eine nicht ganz deutliche Kategorie.
Dazu sei gesagt, daß uralte Lehren der katholischen Kirche als „Erkenntnisse der Aufklärung“ zu bezeichnen, eine Beleidigung ist.
Mindestens, aber, spricht der neue Papst sehr oft über Christus und das Seelenheil, welche wir äußerst wenig in den vergangenen zwanzig Jahren von einem Papst gehört haben!
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