09:50:49 | Mittwoch, 29. September 2010
Wer die Sprache beherrscht, beherrscht die Gedanken. Das wußte die Kirche früher. Doch heute kriechen die Bischöfe der Sprache der Mächtigen nach.

Mons. Robert Zollitsch von Freiburg auf einem Pressebild seiner Erzdiözese
(kreuz.net) „Das Christentum war bisher stets auch Sprachereignis“.
Daran erinnerte der deutsche Journalist
Alexander Kissler am 28. September in einem Beitrag für die Webseite
‘The European’.
Kissler erwähnt
Beispiele – den Heiligen Paulus, den Heiligen Bernhard von Clairvaux, den Heiligen Johannes vom Kreuz,
den Wiener Kapuzinerprediger Abraham a Sancta Clara, die Kirchenspalter Martin Luther, Ulrich Zwingli,
Philip Melanchthon, den protestantischen Theologen Karl Barth sowie Kardinal Hans Urs von Balthasar und
Pater Hugo Rahner: „Sie alle formten eine ganz eigene Sprache“.
Er vergleicht sie mit dem Schlußreferat,
das der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch von Freiburg, vor seinen
Mitbrüdern hielt und fragt: „Soll mit dem Christentum als Sprachereignis Schluß sein?“
Verwechselbare
BotschaftIn dem Vortrag warb Mons. Zollitsch für eine Kirche, die „eine konsequente Option für die
Menschen“ wahrnehme.
Kissler nennt das „ehrenwert, tadellos, verwechselbar“.
Denn: „Haben sich eine
solche Option nicht alle politischen Parteien auf die Fahnen geschrieben?“
Schlimmer: „Meinen nicht auch
Drogeriemärkte, Baustoffhandlungen und Heilpraktiker, sie nähmen die »Option für die Menschen« sehr
ernst?“
Der Journalist zweifelt auch an der Verwendung des Wortes „Optionen“: Sind Optionen nicht Handlungsmöglichkeiten
für die man stets nur vorläufig, nie „vom Anfang der Welt bis zu ihrem Untergang“ optieren kann?
Zauberwort
„heute“Mons. Zollitsch erklärte in dem Vortrag, „die Nähe zum Leben der Menschen von heute“ zu suchen.
Mehr noch: Er will „zu den Menschen von heute wirklich und verständlich finden“.
Kissler schält die
Implikationen dieser Aussage heraus – „als lebten heute allüberall »Menschen von gestern«, die bisher
den Blick auf eine offenbar sehr kostbare, sehr umworbene Spezies – die »Menschen von heute« – verstellt
hätten.“
Er würdigt auch den von Mons. Zollitsch dann gebrauchten Ausdruck „tatsächliche Lebenssituation“.
Ihr wolle der Erzbischof – so Kisslers Vermutung – die „offenbar bisher irrealen Situationen“ gegenüberstellen.
Der Erzbischof betrinkt sich an der „Welt von heute“Kissler zitiert die nächste Stilblüte von Erzbischof
Zollitsch, der „die eigene Sensibilität für die Welt von heute stärken und sprach- sowie auskunftsfähig
bleiben“ will.
Zu Ende gedacht heißt das nach Kissler: „Ergo müssen wir uns denken, die »Welt von
heute« sei ein neues Phänomen, das nun erst ins Bewußtsein trete – dabei findet doch jedes Leben in
der »Welt von heute« statt.“
Und: Die Rede des Erzbischofs von der Sprachfähigkeit impliziert, „es
gäbe eine Sprache, die keine Auskunft gibt, und eine Auskunft jenseits der Sprache.“
Doch für Kisslers
ist beides „Unfug oder Dadaismus“.
Die Bischöfe straucheln den Volksparteien hinterherVon der in dem
Vortrag angekündigten „Dialoginitiative“ vermutet Kissler, daß es sich um ein Verfahren handelt, „das
man sich von den Regionalkonferenzen strauchelnder Volksparteien abgeschaut hat“.
Mons. Zollitsch spricht
von einem „strukturierten Dialog auf der Ebene der Bistümer über das Bezeugen, Weitergeben und praktische
Bekräftigen des Glaubens“.
Das ist für Kissler „wenn das Programm hält, was der Name androht, ein
sehr hauptwortlastiges Vergnügen.“
Er entlarvt auch den Pleonasmus in der Überschrift des Programms:
„Umkehr und neuer Aufbruch“.„Gibt es einen alten Aufbruch?“ – fragt er.
Der Journalist stellt dann fest,
daß die bischöfliche Dialoginitiative auch „nostalgische Inhalte“ einschließt.
Denn: „Knapp fünfzig
Jahre alte »Konzilsdokumente« sollen eine »Neuaneignung« erfahren, besonders die gut abgehangene Paragraphenschrift
»Freude und Hoffnung« zur »Kirche in der Welt von heute« – also von 1965.“
Der Journalist kann es
sich nicht verkneifen: „Demnach eher eine aufbrechende Rückkehr ins Vorgestrige?“
Die Konvention wird
zur leitenden InstanzIn diesem Zusammenhang bedenkt Kissler die
Weigerung der Bischöfe, die Übersetzung
des deutschen Meßbuches zu verbessern.
Die Oberhirten erklären dazu, daß die alte Fassung den Priestern
und Gläubigen „vertraut“ sei. Diese Gewöhnung sei ein „hoher Wert“.
„Damit erübrigen sich sämtliche
Debatten über Aufbrüche, Neuanfänge, Bekehrung“ – kommentiert Kissler: „Die Konvention wird zur leitenden
Instanz.“
Der Journalist faßt zusammen: „Die bischöfliche Losung 2010 scheint eher zu lauten, das Gewohnte
zu bewahren, das Heutige zu verstetigen, das Diesseits zu verdoppeln.“
Seine besorgte Frage: „Ist das
nur eine Phase oder macht das jetzt Epoche?“
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