10:35:43 | Montag, 25. Oktober 2010
Eine Architekturprofessorin zeigt am Beispiel einer Kirche in der Erzdiözese Wien, wie wutentbrannte Fanatiker das Heilige vernichtet haben.

Die neue und die alte Rosenkranzkirche in Wien auf dem Cover der Monatszeitung ‘Kirchliche Umschau’
(kreuz.net) In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zu einem Ikonoklasmus „von oben“. Das erklärte
die Wiener Regisseurin, Malerin und Architekturdozentin Heidemarie Seblatnig im Gespräch mit der Monatszeitung
‘Kirchliche Umschau’.
Es seien nicht die Gläubigen gewesen, „die Kirchen und kirchliche Einrichtungen
stürmten, um Heiligenfiguren, Kruzifixe, Altäre und sonstige Devotionalien zu zertrümmern und abzumontieren“.
Die Verwüstung der Gotteshäuser habe bereits vor dem Konzil eingesetzt.
Als Beispiel erwähnt Frau
Seblatnig die Rosenkranzkirche im Wiener Stadtteil Hetzendorf.
Die neuromanische Kirche wurde 1909 erbaut
und in den 50er Jahren von Kirchenstürmern heimgesucht.
Dabei vernichteten die Barbaren Teile der Außengestaltung
und die gesamte künstlerische Innenausstattung der Kirche wie die Innenarkaden mit Korbbögen, Rosenkapitellen,
Wandmalereien und der zwölf Meter hohe Ziborienaltar.
Alle Holzschnitzarbeiten – darunter ein Kreuzweg
des Bildhauers Franz Zelezny († 1932) – wurden herausgerissen. Zeleznys Werke sind bis heute sehr gefragt.
Nach Angaben von Frau Seblatnig existieren nur noch Fragmente der kirchlichen Ausstattung im Depot der
Erzdiözese Wien.
Einige völlig zerstörte Relikte der Heiligenfiguren, Engel und Altardekoration stehen
im Keller der verwüsteten Kirche: „Der Großteil der Kunstwerke wurde vernichtet.“
Die brutale Ausräumung
des Gotteshauses ist nach Frau Seblatnig keine Frage des Geschmacks: „Es geht um die Würde des Sakralraums,
um seine Funktion, der heiligen Liturgie zu dienen und nicht ein »gemeinsames Mahl« zu veranstalten.“
Das Werk zeitgeistiger GeistlicherDer Auftrag für die Stürmung der Wiener Rosenkranzkirche stammte
aus hohen klerikalen Kreisen.
Der Wiener Kardinal Theodor Innitzer († 1955) stemmte sich noch gegen die
Zerstörung.
Doch sein Nachfolger, Kardinal Franz König († 2004), der die Wiener Erzdiözese pastoral
in den Ruin führte, habe die Kirche „auf den liturgischen Stand“ bringen wollen – berichtet Frau Seblatnig.
Dabei wurde fast das gesamte Inventar des Gotteshauses vernichtet. Augenzeugen berichten, daß alle Heiligenstatuten
entfernt wurden.
Einige wurden in Orth an der Donau gefunden, einige schwer beschädigt zwischen Gerümpel
im Keller verstaut: „Die meisten wurden zerhackt“ – berichtet Frau Seblatnig.
Die Rosenkranzkirche war
nach Angaben von Frau Seblatnig ein Pilotprojekt für den anschließenden architektonischen Niedergang
in der Erzdiözese.
In der Folge nutzten einflußreiche Kirchenmänner die junge Architektengeneration
für ihre kircheninterne liturgische Endlösung.
Jetzt geht die üble Saat aufFrau Seblatnig weist
darauf hin, daß wertvolle historische Kirchen bis in die Gegenwart den Ikonoklasten zum Opfer fallen:
„Es werden Altäre zerstört und durch einen sogenannten ‘Volksaltar’ ersetzt, Kommuniongitter abgerissen,
Altarbilder abgenommen und durch abstrakte Gebilde ersetzt, Tabernakel in die letzte Ecke verbannt, Stuckarbeiten
und Heiligenfiguren entfernt.“
Die Heiligenfiguren würden durch weiße Wände, Glas und Stahlbeton ersetzt:
„Katholische Gotteshäuser unterscheiden sich vielfach nicht mehr von reformierten Kirchen.“
Heute ernte
die Kirche die Saat, die vor Jahrzehnten gesät wurde: „Liturgiemißbräuche sind an der Tagesordnung,
Priester sind als solche nicht mehr zu erkennen, weil sie sich auch rein äußerlich hinter einer ‘Freizeitkluft’
verstecken.“
Als Beispiele der Saat nennt Frau Seblatnig die monatlichen Disko-Eucharistien „FindFightFollow“
in Wien, Western-Eucharistien und Prozessionen, wo der Leib Christi mit Grillzangen herumgetragen wird:
„Der Geruch der Zerstörung, der über solchen Aktionen liegt, ist auch durch laute Discomusik und bunte
Luftballons nicht zu übertünchen.“
Die zwangsbeglückten Gläubigen sind abgefallenBei aller Kritik
sieht Frau Seblatnig die Lage der Kirche optimistisch.
Die „zwangsbeglückten“ Gläubigen seien zwar
mit der Einführung der neugläubigen Eucharistiefeier fast vollständig abgefallen:
„Die junge Generation
der Katholiken, so ist mein Eindruck, hat sich selber auf den Weg gemacht, die wahre, unverfälschte Lehre
der Kirche zu finden.“
Diese Generation lese keine bischöflich finanzierten Kirchenzeitungen und Pfarrblätter,
„sondern tummelt sich im Internet“.
Demnächst erscheint das Buch „Hetzendorf und der Ikonoklasmus in
der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts“ von Dr. Heidemarie Seblatnig. Es kann im katholischen Sarto-Verlag
vorbestellt werden.
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