In weniger als zwei Wochen findet in Linz in Oberösterreich eine Lebenskundgebung statt, die sich von anderen Demonstrationen gehörig unterscheidet. Wodurch erklärt Jutta Lang von der Initiative ‘Recht auf Leben’. Ein Interview.
Frage: Was ist das Ziel der Lebensschutzkundgebung?
Jutta Lang: Die Fristenregelung muß fallen. Schon
seit 30 Jahren gibt es in Österreich dieses Gesetz, das zwischen Mensch und Mensch willkürliche Unterschiede
macht, das den Starken das Recht zuspricht über das Leben der Schwachen zu bestimmen und das mittlerweile
fast zwei Millionen Kindern den Tod gebracht hat.
Ziel der Kundgebung am 4. Juni ist das Ende dieses
gesetzlichen Unrechts. Eine Gesetzesänderung muß aber mit zwei weiteren Dingen einhergehen: Einerseits
muß die Gesellschaft sensibilisiert werden. In den vergangenen 30 Jahren hat sich ein fatales Konzept
von Menschenwürde breitgemacht: „Würde hat, wer geplant, erwünscht und gesund ist.“
Unsere Kundgebung
soll darauf aufmerksam machen, daß jeder Mensch ab der Empfängnis eine unantastbare Würde besitzt.
Andererseits müssen familienfreundliche Bedingungen geschaffen werden, welche Kinder ideell und finanziell
als das anerkennen, was sie sind: die Zukunft und das Leben der Gesellschaft.
Frage: Wer organisiert
die Demonstration?
Jutta Lang: Organisator ist die „Initiative Recht auf Leben“. Die Gruppe ist ein Zusammenschluß
von mehreren christlichen Gruppierungen, die vor allem im Raum Oberösterreich tätig sind.
Frage: Was
unterscheidet diese Veranstaltung von anderen Kundgebungen?
Jutta Lang: Vor Einführung der Fristenregelung
waren Tausende Menschen für die Ungeborenen auf der Straße. Nach und nach ist aber der Widerstand immer
ruhiger geworden. Teilweise hat man sich selbst unter Lebensschützern damit abgefunden, daß Abtreibung
straffrei ist.
Bei unserer Kundgebung hoffen wir auf zahlreiche Beteiligung. Wir wollen auch jene Menschen
auf die Straße holen, die ihre Hoffnung, etwas bewirken zu können, schon aufgegeben haben. Wir wollen
der Öffentlichkeit und der Politik sagen, daß wir uns mit der Fristenregelung – selbst nach ihrem dreißigsten
Jahrestag – nicht abgefunden haben, und daß wir uns nie damit abfinden werden.
Eine Gesetzesänderung
war zwar immer der Wunsch der Lebensschützer, aber selten wurde sie so klar als Forderung formuliert,
wie bei der Kundgebung am 4. Juni.
Frage: Wie wird das Programm bei der Lebensschutzdemonstration aussehen?
Jutta Lang: Um 14.30 Uhr werden auf einer Bühne am Linzer Hauptplatz die drei Forderungen verkündet:
1. Sensibilisierung 2. voller Gesetzesschutz für Ungeborene 3. wirksamere Unterstützung für Schwangere.
Danach werden verschiedene Redner in Form von Kurzreferaten und Interviews das Problem der Abtreibung
aus verschiedenen Perspektiven darstellen:
• Die skandalöse Einführung der Fristenregelung – ein
Zeitzeuge. • Abtreibung medizinisch und biologisch – Dr. Piaty, ehemaliger Ärztekammerpräsident. • „Ich
habe abgetrieben“ – eine betroffene Frau. • Was ist unrecht am „Recht“? – aus juristischer Sicht. • Behindert
und doch so lebensfroh? – Risikogruppe Nummer eins.
Um 15.30 Uhr ziehen die Teilnehmer im Gedenken an
die vielen Abtreibungsopfer vom Hauptplatz zum Neuen Dom. Dort wird Leo Kardinal Scheffczyk, der extra
zu diesem Anlaß aus München anreist, um 16.15 Uhr eine Hl. Messe lesen.
Frage: Glauben Sie, daß eine
Kundgebung wesentlich beitragen kann, die Abtreibungsgesetze zu ändern?
Jutta Lang: Ich bin überzeugt,
daß wir durch diese Kundgebung zu einer Gesetzesänderung beitragen werden – vielleicht nicht sofort,
vielleicht nicht für immer, und bestimmt nicht ohne die Hilfe Gottes – aber eine gerechteres Gesetz wird
kommen.
Kein Unrecht konnte sich im Laufe der Geschichte dauerhaft durchsetzen: Zu Zeiten der Sklaverei
wäre eine Menschengruppe unter „Sachenrecht“ gefallen, nun möchte die SPÖ ungeborene Kinder in der
Kategorie „Krankenanstaltsrecht“ geregelt wissen.
Aber so wie die Sklaverei ein Ende nehmen mußte, so
wird auch die Abtreibung nicht bestehen bleiben. Und trotzdem müssen wir unsere Aufgabe wahrnehmen: Wir
müssen das Schweigen durchbrechen und die Wahrheit in den Menschen wieder wachrufen. Jeder Tag der Fristenregelung
ist zuviel und jedes abgetriebene Kind schreit zum Himmel.
Frage: Wie wirkt sich die Abtreibung auf die
politische Kultur Österreichs aus?
Jutta Lang: Man bemüht sich, die Fassaden unserer Kultur schön
zu bepinseln. So vertuscht man recht gut, daß der Stuck schon zu bröckeln beginnt: die Gesellschaft
wird immer älter, es fehlen die Kinder, die Kultur und Wirtschaft der Zukunft.
Vor allem eines wird
aber in heuchlerischer politischer Korrektheit verheimlicht: daß in Wirklichkeit das Recht des Stärkeren
regiert, daß die Mehrheit über eine Minderheit Willkür walten läßt und daß der Begriff „Kultur“
für den derzeitigen Stand unserer Gesellschaft eigentlich überhaupt zu schade ist.
Aber die Abtreibungsmentalität
führt noch tiefer in die Krise: Wenn der Mensch das Recht hat, über „lebenswert“ und „lebensunwert“
zu entscheiden, dann erklärt sich auch die schonungslose Selektion behinderter Kinder, die bevorstehende
Eliminierung der Alten durch Euthanasie, die Produktion von Wunschkindern oder die jüngste SPÖ-Forderung
auf Abtreibung bis zur Geburt.
Frage: Was ist das Schlimmste an der Kinderabtreibung?
Jutta Lang: Abtreibung
ist nicht nur Mord: Sie ist Mord am eigenen Kind, Mord innerhalb der Familie, Mord an einem unschuldigen
und wehrlosen Menschen. Abtreibung ist auch keine tragische Ausnahme, sondern sie geschieht tagtäglich,
in unserer nächsten Nähe, mit der schweigenden Zustimmung der Gesellschaft.
Was gibt es Schlimmeres,
fragt die selige Mutter Teresa, als wenn „eine Mutter ihr eigenes Kind in ihrem Leib töten kann – Fleisch
von ihrem Fleisch, Leben von ihrem Leben und die Frucht ihrer eigenen Liebe zerstören kann? Abtreibung
ist der größte Vernichter des Friedens in unserer heutigen Welt – und die Zerstörung der Liebe.“
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