16:06:22 | Dienstag, 28. Dezember 2010
In Germanien wird nur noch im moralin-triefenden NS-Unterricht das deutsche Wir-Gefühl evoziert. Doch dieser Schuß geht in den heutigen Multi-Kulti-Zeiten gründlich zum Hintern hinaus.

Klassenzimmer
© Bild: mike_w40, Flickr, CC(kreuz.net) Bei der Behandlung des Dritten Reichs steht der schulische Geschichtsunterricht unter hohen
Erwartungen.
Das erklärte der Historiker
Hubert Hecker am 16. September in einem Artikel für die ‘Frankfurter
Allgemeine Zeitung’.
Hecker ist Geschichtslehrer an einer hessischen Gesamtschule.
Die deutschen Gefühle
müssen geweckt werdenHecker erinnert daran, daß im deutschen NS-Unterricht historische Kenntnisse
nicht das einzige Unterrichtsziel sind.
Darüber hinaus gehe es um ein Wissen um die besondere Verantwortung,
welche die deutsche Geschichte „in diesem Fall“ jedem Deutschen auferlege.
Die Schüler müßten in einen
„Prozeß der reflexiven Auseinandersetzung mit der Zeit der NS-Diktatur in Deutschland“ eintreten.
Dabei
sei die Frage der Gegenwartsrelevanz „permanent“ zu reflektieren.
Hecker kommentiert: „Wenn den Lehrkräften
für das Fach Geschichte bei diesen geforderten Lernzielen und Didaktiken, Interpretationen und Reflexionen,
Interdependenzen und Relevanzen schon schwindlig wird, so sehen sie sich noch weiteren Erwartungen von
gesellschaftlichen und politischen Instanzen ausgesetzt“.
Konkret: „Sie sollen mit der Behandlung der
NS-Diktatur rechtsradikalen Tendenzen in der Jugendkultur entgegenwirken, mit der Thematisierung des Holocausts
die Jugendlichen gegen jeglichen Antisemitismus immunisieren und die Schüler mit Migrationshintergrund
für diesen schwierigen Teil der deutschen Geschichte zumindest sensibilisieren.“
Moralin erzeugt Antikörper
Dazu zitiert Hecker Studien über das Geschichtsbewußtsein der deutschen Jugendlichen der dritten und
vierten Nachkriegsgeneration.
Sie hätten ein eher distanziertes Verhältnis zur NS-Zeit.
Darum würden
sich viele Lehrer mit dem selbstgesteckten Lernziel unter Druck setzen, die Schüler zu einer Ablehnungshaltung
gegenüber der NS-Politik zu bewegen.
Entsprechend würden die Lehrer oft in einen moralisierenden Tonfall
schlittern.
Dieser ruft bei den Schülern erwartungsgemäß Abwehrreaktionen hervor – „insbesondere wenn
sie die vorweg feststehende moralische Bewertung einer Lehrperson spüren.“
Zwecks Erzeugung von „Betroffenheit“
würden die Schüler darum von den Geschichtslehrern auch mit Spielfilmen, eingeladenen Zeitzeugen und
dem Besuch von Gedenkstätten bombardiert.
Alle drei Methoden werden nach Hecker oft von zu hohen Erwartungen
überfrachtet.
Gedenkstätten würden die Schüler oft eher enttäuschen, „weil sie dort das sichtbar
Unmenschliche des NS-Systems erwartet hatten.“
Die Vorträge von Zeitzeugen seien häufig zu eng, zu
alltäglich oder zu allgemein, „so daß sich die erwartete Betroffenheit ebenfalls nicht einstellt.“
Zu dem Einsatz von Spielfilmen zitiert Hecker die Tochter des damaligen deutschen Bundespräsidenten Johannes
Rau:
„Immer wieder dasselbe. Man fängt an mit ‘Hitler und dem rosa Kaninchen’, dann kommt ‘Anne Frank’
und ‘Die Welle’, dann schaut man ‘Schindlers Liste’ am Wandertag.“
Lacherfolg: Gebirge der SchuldWenn
es dennoch gelingt, in den Schülern ein Mitgefühl für die NS-Opfer zu wecken, dann droht nach Hecker
ein anderes Lernziel zu mißlingen – daß sich die deutschen Schüler „in Kontinuität mit den nationalsozialistischen
deutschen Tätern sehen“.
So sei das Bewußtsein für die zu erzwingende deutsche Mittäterschaft „praktisch
ausgeschlossen“.
In diesem Zusammenhang zitiert Hecker aus moralintriefenden deutschen Geschichtsbüchern.
In dem Oberstufenbuch „Buchners Kompendium Geschichte“ wird den Schülern die NS-Geschichte als „Erblast
der Deutschen“ vorgegeben.
Melodramatisch ist von einem „Gebirge von Schuld“ die Rede, das die deutsche
Identität bis heute belaste.
In dem Lehrwerk „Zeiten und Menschen 2“ aus dem Schöningh-Verlag werden
die deutschen Schüler – die sowieso meistens türkischer Herkunft sind – in die moralische Achtungsstellung
gebracht.
Denn „für uns Deutsche“ sei die NS-Zeit „unentrinnbar und unweigerlich aus der Täterperspektive“
zu behandeln.
Der Schuldkult schreckt die Deutsch-Türken abHecker muß zugeben: „Auf diese Schuldbelastung
mit einer angeblichen Erblast der Generation ihrer Großeltern und Urgroßeltern lassen sich die heutigen
Schüler nicht mehr ein.“
Und: „Erst recht können und wollen die Schüler mit Migrationshintergrund
die deutsche »Täterperspektive« nicht übernehmen, die ihren herkunftsdeutschen Mitschülern verordnet
wird.“
Die Schulerfahrung zeigt nach Hecker, daß es ausländischen Jugendlichen fast nie an Mitleid
für die NS-Opfer mangelt.
Doch: „Den deutschen Sekundärstolz über die angeblich vorbildliche Verantwortungsübernahme
für die NS-Verbrechen lehnen sie durchweg ab.“
Hecker verweist auf eine Befragung von vierhundert Deutsch-Türken.
Von ihnen sahen sechzig Prozent den „Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte, besonders der im Zweiten
Weltkrieg, für andere Nationen als eher abschreckend“ an.
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.