12:49:24 | Samstag, 1. Januar 2011
Was moralisierende Prediger in seichten Kanzelworten aus der Muttergottes machen, entspricht häufig nicht der historischen Wahrheit.

Statue der Unbefleckten in der Jesuitenkirche in London
© Bild: Lawrence OP, Flickr, CC(kreuz.net) Die Muttergottes Maria ist die „geheimnisvollste Frau der Geschichte“.
Das erklärte der
bekannte deutsche Historiker Michael Hesemann (46) im Interview mit der römischen Nachrichtenagentur
‘Zenit’.
Im Januar wird Hesemann im Augsburger ‘Sankt Ulrich Verlag’ ein Buch über die Muttergottes
publizieren.
Es trägt den Titel: „Maria von Nazareth: Geschichte – Archäologie – Legenden“.
Hesemann
kritisiert die Darstellung der Gottesmutter als einfaches Mädchen vom Land:
„Maria war die Frau, die
immerhin mit dem Aufzug des Messias, des Sohnes Gottes, betraut war, in deren Leib Gott selber eintrat,
um Mensch zu werden.“
Der Autor erinnert an die Abstammung Mariens:
„Wenn Jesus von König David abstammte,
dann kann das nur bedeuten, daß auch Maria der traditionellen jüdischen Königsfamilie entstammte –
so verarmt und politisch unbedeutend sie zur Zeit der Herodes auch immer war.“
Aus besserem HauseHesemann
erklärt, daß jeder, der in Bethlehem – dem Stammsitz der Daviden-Sippe – Land besaß, nach römischem
Steuerrecht dort für die Volkszählung anreisen mußte.
Wäre Josef der Landbesitzer gewesen, hätte
er nach Hesemann nicht als einfacher Handwerker seinen Lebensunterhalt verdienen müssen.
Er spekuliert,
daß die Muttergottes in Bethlehem ein Grundstück geerbt haben könnte.
Außerdem: „War sie nach jüdischem
Recht eine ‘Erbtochter’, also das einzige Kind ihrer Eltern, dann war sie verpflichtet, einen Mann aus
derselben Sippe zu heiraten, dann können wir sicher sein, daß Maria und Josef beide Davididen waren.“
Im übrigen besaß Maria eine Verwandte, Elisabeth, die mit einem Tempelpriester verheiratet war.
Hesemann
vermutet darum, daß die Heilige Anna, die Mutter Mariens, vielleicht aus dem Priestergeschlecht der Aaroniten
stammte:
„All das spricht für eine Herkunft aus einem traditionsbewußten jüdischen Milieu.“
In den
Norden spedierte Abkömmlinge Davids?Für eine vornehme Abkunft der Muttergottes spricht auch die Verbindung
nach Nazareth. Das Dorf wurde erst im ersten Jahrhundert vor Christus gegründet.
Damals herrschten in
Jerusalem die Hasmonäer. Sie siedelten ganze Familien in den gerade eroberten Norden des Landes um.
Unter den Siedlern befand sich nach Hesemann ein Großteil der Davididen, die gegenüber den Hasmonäern
einen rivalisierenden Thronanspruch besaß.
Hesemann erinnert an die Bedeutung des Namens Nazareth, der
von dem hebräischen Wort „Nazar“ – Sproß – stammt. Das deute auf den ‘Reis’ Isais – also die Sippe des
Vaters von König David.
Frühchristliche Quellen bestätigten, daß in Nazareth und der benachbarten
Ortschaft Kochaba überwiegend Davididen lebten.
Als Beleg nennt Hesemann eine archäologische Entdeckung:
„Obwohl Nazareth zur Zeit Jesu ländlich-ärmlich war, hatte es eine Nekropole, die es mit Jerusalemer
Königsgräbern aufnehmen konnte.“
Daraus schließt Hesemann, daß die verarmten Bewohner noch ein Bewußtsein
ihrer königlichen Abstammung besaßen.
Eine gottgeweihte JungfrauAls zweiten Hinweis für die vornehme
Abkunft Mariens erinnert Hesemann an das Magnificat, den Lobgesang der Muttergottes aus dem Lukas-Evangelium.
Darin zitiert die Muttergottes ausführlich die alttestamentlichen Schriften.
Damals waren theologisch
gebildete Frauen zwar selten, aber nicht undenkbar und Zeichen einer besseren Familie.
Ein drittes Indiz
ist für Hesemann die Antwort Mariens bei der Verkündigung durch den Engel Gabriel: „Wie soll das geschehen,
da ich keinen Mann erkenne“.
Maria schließe mit diesen Worten eine Heirat grundsätzlich aus.
Das habe
kein gewöhnliches Landmädchen im heiratsfähigen Alter gesagt. Diese hätten nur auf einen Mann gewartet.
Hesemann weist darauf hin, daß es nach dem Zeugnis der Schriftrollen vom Toten Meer auch im alten Israel
geweihte Jungfrauen gab.
Auch das Gesetz des Moses kennt ein Keuschheitsgelübde, das sogar nach der
Eheschließung gültig blieb, wenn der Ehemann damit einverstanden war:
„Denn die Weihe an den Herrn
stand über der Fortpflanzungspflicht.“
Hesemanns Fazit: „Maria führte schon früh ein solches gottgeweihtes
Leben, trotz ihrer Verlobung und späteren Heirat mit einem Mann, der offenbar dieses Gelübde respektierte.“
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