Vor zwei Tagen entschied eine Versammlung orthodoxer Kirchenvertreter in Konstantinopel das Schicksal des griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem. Dessen Name fällt seit Monaten im Zusammenhang mit dubiosen Immobilienspekulationen.
(kreuz.net, Istanbul) Das Konzil hat gesprochen. Verschiedene nationale orthodoxe Patriarchate entziehen
dem griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, Irenaios I., ihre Anerkennung. Das ist das Ergebnis
eines ‘Ökumenischen Konzils’ der orthodoxen Gemeinschaften in Konstantinopel. Konstantinopel befindet
sich im Nordwesten der Türkei und heißt offiziell Istanbul. Die Mehrheit der Bewohner der Stadt ist
heute moslemisch-türkischer Herkunft.
Das orthodoxe Konzil fand am Dienstag statt. Es wurde vor einer
Woche von Bartholomäus I. – dem ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel – einberufen. Der Patriarch
von Konstantinopel ist das Ehrenoberhaupt der Orthodoxen auf der ganzen Welt.
Der angeklagte Patriarch
von Jerusalem war beim Konzil anwesend.
Kirchenvertreter von Rußland, Griechenland, Bulgarien und anderen
orthodoxen Nationen reisten für das Konzil in die größte Stadt der Türkei. Einziger Verhandlungspunkt
war der Konflikt um den Patriarchen von Jerusalem.
Bereits Mitte Mai wurde Irenaios I. von seinem eigenen
Rat – der „Heiligen Synode“ – wegen undurchsichtiger Immobiliengeschäfte abgesetzt. Doch Irenaios I.
weigert sich, das griechisch-orthodoxe Patriarchat in Jerusalem zu verlassen.
Die „Heilige Synode“ in
Jerusalem besteht aus 18 Mitgliedern. Sie besitzt das Recht, den Patriarchen abzusetzen.
Das Konzil in
Istanbul bestätigte die Entscheidung der „Heiligen Synode“ nach acht Stunden Sitzung. Ab sofort wird
Irenaios I. nicht länger als Oberhaupt von Jerusalem anerkannt. Sein Name wurde aus der Liste der Orthodoxen
Patriarchen gestrichen und wird in den liturgischen Gebeten nicht mehr erwähnt.
Der Patriarch von Konstantinopel,
Bartholomäus I., sprach am Abend nach dem Konzil vor seiner Kathedrale mit Journalisten. Man habe den
ganzen Tag verhandelt und gebetet: „Wir sind übereingekommen, die Entscheidung der Metropoliten und Erzbischöfe
im Heiligen Land anzunehmen.“
Der Entzug der Anerkennung des Patriarchen von Jerusalem hat das Ziel,
diesen weiter zu isolieren und zum Rücktritt zu bewegen: „Wir wollten, daß er freiwillig geht, aber
unglücklicherweise hat er sich geweigert.“
In Jerusalem erklärte eine Sprecherin von Irenaios I., daß
der abgesetzte Patriarch auch nach der Entscheidung vom Dienstag nicht zurücktreten werde: „Der Patriarch
hat erklärt, daß er bleiben wird. Er ist in keine der Grundstücksverkäufe verwickelt.“
Irenaios I.
sei – so die Sprecherin weiter – der einzige legitime Patriarch und auf Lebenszeit ernannt. Die Entscheidung
des Konzils in Konstantinopel sei ohne schriftliches Beweismaterial und bereits vor seiner Ankunft gefallen.
Am Rande des Konzils protestierte rund ein Duzend türkischer Moslems gegen angebliche Pläne des Patriarchen
von Konstantinopel, in Istanbul eine Art Vatikanstaat zu errichten.
Außerdem forderten zwei Nichtregierungsorganisationen,
dem Ökumenischen Patriarchen den Prozeß zu machen. Er habe in Istanbul illegalerweise einen religiösen
Gerichtshof errichtet.
Nichtregierungsorganisationen – oft mit der englischen Abkürzung NGO bezeichnet –
sind Aktionsgruppen, die unabhängig von staatlichen Stellen organisiert sind.
Nach der offiziellen Entmachtung
von Irenaios I. befürchtet man im Heiligen Land eine Spaltung der griechisch-orthodoxen Gemeinschaft.
Das Problem hat auch einen nationalen Aspekt. Die Kirchenführer sind fast ganz griechisch, während
die Gläubigen und der verheiratete Klerus meist arabischstämmig sind.
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