11:51:44 | Montag, 17. Januar 2011
Ein evangelischer Pfarrer hat scharf nachgedacht: Wären die deutschen Protestanten ehrlich zu sich selbst, müßten sie das Reformationsjubiläum kirchenintern abblasen.

Statue von Martin Luther
© Robert Scarth, CC(kreuz.net) „Wo über die eigene Vergangenheit ausgiebig jubiliert wird, ist man in der Gegenwart mit
den eigenen Aktivitäten dank Überalterung und Mitgliederschwund gewöhnlich am Ende.“
Das erklärte
Pfarrer Jochen Teuffel am 15. Dezember in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’.
Teuffel ist evangelischer
Gemeindeprediger in der 13.000-Seelen-Stadt Vöhringen – achtzehn Kilometer südlich von Ulm.
Für ihn
kommt am 31. Oktober 2017 in Wittenberg eine Farce zur Aufführung:
„In einer Stadt, in der Kirche im
Verschwinden begriffen ist – kaum mehr als ein Prozent der dortigen Bevölkerung nimmt noch sonntags am
Gottesdienst teil –, soll in aller Öffentlichkeit einer identitätsstiftenden Kirchenreform gedacht werden.“
Im Mittelalter waren die Menschen frommTeuffel erklärt, daß der bürgerliche Protestantismus bei
den Reformations-Feierlichkeiten der „Emanzipation aus kirchlicher Bevormundung“ gedenkt.
Denn: „Wird
Reformation als Freiheitsereignis verstanden, fühlt sich das spätmoderne Bürgertum trotz aller Kirchendistanz
angesprochen.“
Der Pfarrer gesteht ein, daß die Reformation die Kirche – er redet vom „mittelalterlichen
Corpus Christianum“ – gespalten hat.
Die sakrale Einheit von Kirche und Gesellschaft habe sich angeblich
einer „fragwürdigen kollektiven Christianisierungspraxis“ verdankt:
Im frühen Mittelalter seien Menschen
in Gefolgschaft ihrer Stammesfürsten angeblich „in passiver Weise »bekehrt«“ worden.
Warum erwähnt
Teuffel nicht, daß das in der Reformation viel eindeutiger so war?
Teuffel weiter: Die reformatorische
Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Glauben habe angeblich „menschlichen Ordnungen“ in der Kirche
ihre „vermeintliche“ Heilsnotwendigkeit genommen.
Zum Eigensinn pervertierte FreiheitImmerhin warnt
Teuffel: Die Luther’sche „Freiheit eines Christenmenschen“ sei von der bürgerlichen Freiheit oder von
einer religiösen Freisinnigkeit zu unterscheiden.
Denn: „Luther zufolge ist dem durch und durch sündigen
Menschen die wirkliche Freiheit nicht angeboren.“
Der Christ habe auch kein eigenes Recht darauf, vor
dem dreieinigen Gott frei zu sein:
„Wer aus eigenen Stücken sich selbst für frei erklärt, wird in
Wirklichkeit vom Teufel geritten.“
Teuffel zitiert den Heiligen Paulus: „Alles ist euer, ihr aber gehört
Christus.“
Doch der bürgerliche Protestantismus suspendiere sich von der kirchlichen Gemeinschaft und
beruft sich dazu auf Luther als vermeintlichen Ahnherrn religiöser Selbstbestimmung.
An die Stelle des
„zugesprochenen Glaubens“ trete ein subjektives Glaubensbewußtsein, das keine fremde Autorität anerkennt.
Dann würden Protestanten frei gemacht, sich einer „asozialen Religiosität“ zu verschreiben:
„Wer sich
als religiöser Autist den Kirchgang erspart, scheint die protestantische Freiheit in besonderer Weise
zu realisieren.“
Doch bei der Kirchensteuer ist es mit der protestantischen Freiheit vorbei:
„Trotz
aller religiösen Unverbindlichkeit muß auch der Protestant seiner »Kirche der Freiheit« (Wolfgang
Huber) finanziellen Tribut zollen.“
Selbstinszenierung religiöser FreisinnigkeitNach Teuffel steht
der bürgerliche Protestantismus für eine „neuplatonisch geprägte Weltanschauung mit Dienstleistungsservice
für besondere Anlässe“.
Darum kommt Teuffel zum Schluß:
„Wäre man in der ‘Evangelischen Kirche in
Deutschland’ ehrlich zu sich selbst, müßte das Reformationsjubiläum kirchenintern abgeblasen werden.“
Nur so bliebe eine peinliche Selbstinszenierung religiöser Freisinnigkeit in klerikalem Gewande erspart.
Ein religiöses Leben gibt es heute erst nach der KirchensteuerDie Absage der Feierlichkeiten wäre
für ihn nicht das Aus für das Reformationsjubiläum im Jahr 2017:
„Schließlich gibt es ja landeskirchliche
Gemeinden, Freikirchen und pietistische Gemeinschaften, die dem Erbe der Reformation sehr wohl treu geblieben
sind.“
Sogar die Katholische Kirche könne dem Anliegen der Reformation einiges abgewinnen;
„Deren liturgische
Erneuerung hat sich im letzten Jahrhundert auf die Christusgemeinschaft hin ausgerichtet“ – glaubt er.
Die Kirche stehe in ihrer „lehramtlichen Christuszentrierung“ der Reformation näher als ein freisinniger
Protestantismus.
Für den Pfarrer ist eine umfassende Kirchenreform hin zur Gemeinschaftskirche ohne
Kirchensteuern nötig:
„Andernfalls wird die vermeintliche Volkskirche in einem zivilreligiösen Paganismus
aufgehen.“
Dann werde man auch in Kirchen einen Heidenspaß haben: „Aber der läßt das eigene Leben
am Ende ins Leere laufen.“
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