Benedikt XVI.
Der Gründonnerstag im Licht der Auferstehung
Papst Benedikt XVI. führte gestern Abend erstmals die Fronleichnams-Prozession durch das Zentrum von Rom. In seiner Predigt bei der Heiligen Messe vor der Lateranbasilika rief er die Gläubigen dazu auf, den auferstandenen Christus auf die Straßen der Welt hinaus zu tragen. Die Predigt im Wortlaut. Von Papst Benedikt XVI.
Am Fest Fronleichnam lebt die Kirche das Geheimnis des Gründonnerstags neu, im Licht der Auferstehung. Auch der Gründonnerstag kennt eine eucharistische Prozession, mit der die Kirche den Gang Jesu vom Abendmahlssaal zum Ölberg wiederholt.

In Israel feierte man die Paschanacht zu Hause, im engen Familienkreis. Man erinnerte so an das erste Pascha in Ägypten. In dieser Nacht schützte das Blut des Osterlammes, das auf die Schwellen und Pfosten der Häuser gestrichen worden war, vor dem Würgeengel. In dieser Nacht geht Jesus hinaus und liefert sich dem Verräter aus, dem Würgeengel – und genau dadurch besiegt er die Nacht und die Finsternis des Bösen.

Nur so findet das Geschenk der Eucharistie, das im Abendmahlsaal gemacht wurde, seine Erfüllung: Jesus gibt wirklich sein Fleisch und sein Blut. Er überschreitet die Schwelle des Todes, wird lebendiges Brot, wahres Manna, Speise für Jahrhunderte. Das Fleisch wird zum Brot des Lebens.

Mit der Prozession des Gründonnerstags begleitet die Kirche Jesus auf den Ölberg. Die betende Kirche will unbedingt mit Jesus wachen. Sie will ihn nicht allein lassen in der Nacht der Welt, in der Nacht des Verrats, in der Nacht der Gleichgültigkeit von so vielen.

Am Fest Fronleichnam wiederholen wir diese Prozession, aber in der Freude der Auferstehung. Der Herr ist auferstanden. Er geht uns voraus. In den Auferstehungs-Berichten gibt es einen gemeinsamen, wichtigen Punkt. Die Engel sagen: „Der Herr geht euch nach Galiläa voraus – dort werdet ihr ihn sehen.“ Bei näherem Nachdenken können wir sagen: Dieses Vorausgehen Jesu impliziert eine doppelte Richtung.

Die erste ist – wie wir gehört haben – Galiläa. In Israel galt Galiläa als Tor zur Welt der Heiden. Und tatsächlich sehen die Jünger Jesus, den Herrn, in Galiläa, auf dem Berg, wo er ihnen sagt: „Geht und lehret alle Völker“.

Die andere Richtung des Vorausgehens, die der Auferstandene einschlägt, scheint im Johannes-Evangelium auf, in den Worten Jesu an Maria Magdalena: „Halt mich nicht zurück, denn noch bin ich nicht zum Vater heimgekehrt.“

Jesus geht uns zum Vater voraus. Er fährt zu Gott auf und lädt uns ein, zu folgen. Diese zwei Weg-Richtungen des Auferstandenen widersprechen sich nicht, sondern zeigen zusammen den Weg der Nachfolge Christi. Das wahre Ziel unseres Wegs ist die Gemeinschaft mit Gott – Gott selbst ist das Haus mit den vielen Wohnungen. Aber wir können zu diesem Haus nur aufsteigen, wenn wir nach Galiläa gehen – also auf den Straßen der Welt, indem wir das Evangelium zu allen Völkern tragen, das Geschenk seiner Liebe allen Menschen aller Zeiten bringen.

Darum führte der Weg der Apostel bis an die Grenzen der Erde. So sind die heiligen Petrus und Paulus bis nach Rom gekommen, zur Stadt, die damals Zentrum der bekannten Welt war – „caput mundi“, der Nabel der Welt.

Die Prozession des Gründonnerstags begleitet Jesus in seiner Einsamkeit hin zum „Kreuzweg“. Die Fronleichnams-Prozession hingegen antwortet symbolisch auf den Auftrag des Auferstandenen: Ich gehe euch voraus nach Galiläa. Geht bis an die Grenzen der Erde, bringt der Welt die Frohe Botschaft.

Natürlich ist die Eucharistie für den Glauben ein Mysterium der Intimität. Der Herr hat das Sakrament im Abendmahlssaal eingesetzt, umgeben von seiner neuen Familie, den zwölf Aposteln, Vorschau und Vorwegnahme der Kirche aller Zeiten. Darum wurde die Austeilung der heiligen Kommunion in der Liturgie der Urkirche mit den Worten eingeleitet: Sancta sanctis – die heilige Gabe für die, die heilig gemacht worden sind.

Auf diese Weise antwortete man auf die Mahnung des heiligen Paulus an die Korinther: „Jeder prüfe sich selbst und esse dann von diesem Brot und trinke von diesem Kelch…“

Und dennoch – aus dieser Intimität heraus, die ein sehr persönliches Geschenk des Herrn ist, übersteigt die Kraft des Sakraments der Eucharistie die Mauern unserer Kirchen.

In diesem Sakrament ist der Herr immer unterwegs zur Welt. Dieser universelle Aspekt der eucharistischen Präsenz zeigt sich in unserer festlichen Prozession.

Wir tragen Christus in der Gestalt des Brotes über die Straßen unserer Stadt. Wir vertrauen diese Straßen, diese Häuser, unser tägliches Leben seiner Güte an. Mögen unsere Straßen Wege für Jesus sein! Mögen unsere Häuser Häuser für ihn sein – und mit ihm.

Unser tägliches Leben möge durchtränkt sein von seiner Gegenwart.

Mit dieser Geste bringen wir die Leiden der Kranken vor seine Augen, die Einsamkeit der Jungen und Alten, die Versuchungen, die Ängste – unser ganzes Leben.

Die Prozession will ein großer, öffentlicher Segen für diese unsere Stadt sein: Christus selbst ist der göttliche Segen für die Welt – der Strahl seines Segens breite sich aus über uns alle.

Mit der Fronleichnamsprozession begleiten wir – wie gesagt – den Auferstandenen auf seinem Weg hin zur ganzen Welt. Und indem wir das tun, antworten wir auch auf seinen Auftrag: „Nehmt und eßt… Trinkt alle davon.“

Den Auferstandenen, der da in der Gestalt des Brotes anwesend ist, kann man nicht „essen“ wie ein einfaches Stück Brot.

Dieses Brot essen, heißt kommunizieren, heißt eintreten in die persönliche Gemeinschaft mit dem lebendigen Herrn. Diese Kommunion, dieses „Essen“ ist wirklich ein Treffen zwischen zwei Personen, ist ein Sich-durchdringen-lassen vom Leben des Herrn, von dem, der mein Schöpfer und mein Retter ist.

Ziel dieser Kommunion ist es, mein Leben seinem anzugleichen, dem, der lebendige Liebe ist, ähnlicher und gleich zu werden.

Diese Kommunion impliziert Anbetung, impliziert den Willen, Christus nachzufolgen – dem zu folgen, der uns vorangeht. Anbetung und Prozession sind also Teil einer einzigen Geste der Gemeinschaft – Antwort auf seinen Auftrag: „Nehmt und eßt.“

Unsere Prozession endet vor der Basilika Santa Maria Maggiore, in der Begegnung mit der Madonna, die der liebe Papst Johannes Paul II. als „Eucharistische Frau“ anredete.

Ja wirklich, Maria, die Mutter des Herrn, lehrt uns, was es heißt, in Gemeinschaft mit Christus zu treten: Maria hat ihr eigenes Fleisch, ihr eigenes Blut Jesus gegeben. Sie ist zu einem lebendigen Zelt des Wortes geworden, als sie sich in Körper und Geist von seiner Präsenz durchdringen ließ.

Wir bitten sie, unsere heilige Mutter, uns zu helfen, um immer mehr unser ganzes Sein der Präsenz Christi zu öffnen. Uns zu helfen, ihm treu zu folgen, jeden Tag, auf den Straßen unseres Lebens. Amen.

Übersetzung: Radio Vatikan
      
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