10:23:35 | Dienstag, 1. Februar 2011
Sie haben im Fall einer Machtübernahme versprochen, als erstes eine Volksabstimmung über den ägyptischen Friedensvertrag mit Israel abzuhalten. Von Gwynne Dyer.

Demonstration am Samstag in Kairo
© messay.com, CC(kreuz.net/
antikrieg.com ) Am vergangenen Freitag um 15.00 Uhr skandierten die Demonstranten im Stadtzentrum
von Kairo:
„Wo ist die Armee? Sie soll kommen und sehen, was die Polizei uns antut. Wir wollen die Armee.“
Das war eine wichtige Frage: Wo steht die ägyptische Armee gegenwärtig?
Wie alle Armeen – sogar in
Diktaturen – will auch das ägyptische Heer keine Gewalt gegen das eigene Volk einsetzen.
Sie möchte
das lieber der Polizei überlassen, die gewöhnlich eher dazu bereit ist.
Sogar die Polizei hört auf zu kämpfenAm letzten Freitag nachmittag
hörte in Alexandrien sogar die Polizei auf, gegen die Demonstranten zu kämpfen. Sie begann mit ihnen
zu sprechen. So enden Regime.
Zu allererst realisiert die Polizei, daß sie es mit einer echten Volksbewegung
zu tun hat, die alle Klassen und Lebensbereiche umfaßt – nicht nur mit extremistischen Agitatoren, wie
die Propaganda des Regimes behauptet.
Sie realisiert, daß es falsch und unklug wäre, im Dienst eines
Regimes, das mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit bald verschwinden wird, loszudreschen.
Am besten die Seiten
wechseln, ehe es zu spät ist.
Die Armee wird die Situation in die Hand nehmenWenn sie sieht, daß
das Spiel vorbei ist, bittet die Armee den Diktator, ein Flugzeug zu besteigen und abzufliegen, um mit
seinem Geld anderswo zu leben.
Bevor er Präsident wurde, war der ägyptische Herrscher Hosni Mubarak
General.
Er hat immer darauf geachtet, dem Militär reichlich Geld und Privilegien zufließen zu lassen.
Aber in der Politik gibt es keine Dankbarkeit. Die Militärs wollen nicht mit ihm in den Abgrund gerissen
werden.
Das alles könnte sehr schnell geschehen. Oder es könnte im Lauf der kommenden Wochen geschehen.
Aber es wird wahrscheinlich geschehen.
Die Angst ist wegSogar autokratische und repressive Regime müssen
eine Art Zustimmung seitens des Volkes bekommen. Denn es ist unmöglich, so viele Polizisten zu besitzen,
um jeden zum Gehorsam zu zwingen.
Die Regime erzwingen diese Zustimmung durch die Angst der gewöhnlichen
Bürger um ihre Arbeitsplätze, ihre Freiheit oder sogar um ihr Leben.
Wenn aber die Menschen ihre Angst
verlieren, ist das Regime erledigt.
Es würde eines wahrlich schrecklichen Massakers bedürfen, um den
Ägyptern wieder die Angst einzuimpfen.
Doch in der gegenwärtigen Phase werden weder Polizei noch Armee
bereit sein, ein solches Massaker anzurichten.
Was kommt nachher?Was wird passieren, wenn Mubarak das
Land verläßt? Niemand weiß es, da niemand die gegenwärtige Revolution anführt.
Die ersten Menschen
auf den Straßen waren junge Universitätsabsolventen, die vor einem Leben der Arbeitslosigkeit stehen.
Nur wenige Tage später gewannen die Demonstrationen an Boden und umfaßten Menschen aus allen sozialen
Schichten und Lebensbereichen.
Sie haben kein Programm, nur die Überzeugung, daß es höchste Zeit ist
für einen Wechsel – Kifaya! – „Genug ist genug!“ – wie es die Kurzbezeichnung einer ägyptischen Oppositionspartei
ausdrückte, die in der Mitte des letzten Jahrzehnts florierte.
Zwei Drittel der achtzig Millionen Ägypter
wurden geboren, seit Präsident Hosni Mubarak (82) an der Macht ist.
Sie sind nicht dankbar für Armut,
Korruption und Repression. Darum haben sie die Angst vor dem Regime verloren.
Wer aber kann das alles
in Ordnung bringen?
Nur ein AushängeschildWashington und die anderen westlichen Führungszentren,
die Mubarak während der vergangenen drei Jahrzehnte unterstützt haben, hoffen, daß die Revolution Mohamed
ElBaradei – den ehemaligen Chef der Internationalen Atomenergieagentur – als ihren Führer wählen wird.
ElBaradei flog am letzten Donnerstag nach Ägypten zurück. Das Regime nahm ihn sogar ernst genug, um
ihn unter Hausarrest zu stellen.
Aber er ist wahrscheinlich nicht der Auserwählte.
ElBaradei ist ein
Diplomat, der sein halbes Leben im Ausland verbracht hat.
Er wird von den westlichen Regierungen als
Vertrauensperson betrachtet.
Doch er wäre bestenfalls ein Aushängeschild. Aber ein Aushängeschild
für wen?
Dann kommen WahlenDie Armee dürfte Mubarak schlußendlich anweisen zu verschwinden. Danach
werden die Generäle das Übergangs-Regime dominieren.
Sie werden nicht sofort einen anderen General
an die Spitze stellen wollen.
Darum könnten ElBaradei als interimistischen Führer wählen, schon weil
er über keine unabhängige Machtbasis verfügt.
Aber dann müßten Wahlen kommen. ElBaradei hat nicht
einmal den Hauch einer Chance, dabei zu siegen.
Der wahrscheinliche Gewinner einer freien Wahl in Ägypten
wäre gemäß den meisten Meinungsumfragen die Moslem-Bruderschaft.
Die Armut fairer aufteilenDie Moslembrüder
sind nicht so radikal, wie es von Islamisten angenommen wird.
Allerdings haben sie im Fall einer Machtübernahme
versprochen, als erstes eine Volksabstimmung über den ägyptischen Friedensvertrag mit Israel abzuhalten.
Nach den gleichen Umfragen würden die meisten Ägypter für deren Kündigung stimmen.
Das würde den
Zufluß der offiziellen Hilfe der USA und privater ausländischer Investitionen, die derzeit die ägyptische
Wirtschaft mehr oder weniger am Leben erhalten, beenden – auch wenn es wahrscheinlich nicht zu einem Krieg
kommen würde.
Es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß eine islamische Regierung die ägyptische Wirtschaft
zu schnellerem Wachstum bringen würde.
Sie würde aber die Armut fairer aufteilen.
Ägypten ist nicht
irgendein LandDiese längerfristigen Überlegungen werden freilich keine Auswirkungen auf die Ereignisse
der kommenden paar Wochen haben.
Denn das Beispiel Ägyptens könnte ähnliche Revolten gegen heruntergekommene
Regimes in anderen Teilen der arabischen Welt entzünden – oder nicht.
Aber es geht nicht mehr nur um
Tunesien.
Ägypten ist weitaus das größte arabische Land und kulturell das einflußreichste.
Was dort
geschieht, hat wirklich Bedeutung.
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