17:16:33 | Montag, 7. Februar 2011
Manfred Lütz: Der Zölibat ist kein Lippenbekenntnis, sondern ein Lebensbekenntnis. Er ist eine unbürgerliche Lebensform, welche die scheinbar in sich ruhende bürgerliche Ordnung humorvoll relativiert.

Dr. Manfred Lütz
© Stefan Flöper, Wikipedia, CC(kreuz.net) Der Zölibat erinnert daran, daß die Sorgen dieser Welt nicht alles sind. Das erklärte der
bekannte Kölner Psychiater Manfred Lütz am Samstag in einem Artikel für die katholische Zeitung ‘Tagespost’.
Der Zölibat stellt das Bürgerleben in FrageDie Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen bezeichnet
Lütz als Provokation:
„In einer Welt, die nicht mehr recht an ein Leben nach dem Tod glaubt, ist diese
Lebensform der ständige Protest gegen die allgemeine Oberflächlichkeit.“
Manche Altliberale empören
sich nach Lütz darüber, daß die Lebensform der Priester ihr eigenes Lebenskonzept in Frage stellt:
„Der Zölibat ist kein Lippenbekenntnis, sondern ein Lebensbekenntnis.“
Der Psychiater bezeichnet den
Zölibat als „unbürgerliche Lebensform, welche die scheinbar in sich ruhende bürgerliche Ordnung humorvoll
relativiert“.
Ein Stachel gegen die StaatskircheLütz erinnert an die Konstantinische Wende des vierten
Jahrhundert, durch welche die Kirche zur römischen Staatsreligion wurde.
Als das Christsein an sich
nicht mehr provozierend war, sei der Zölibat zum „geistlichen Rettungsanker einer von Kaiser und Reich
geförderten Kirche“ geworden.
Der Psychiater erwähnt neue Forschungen, wonach der Zölibat allerdings
auf die Apostel zurückgeht.
In der ganzen Kirchengeschichte gab es eine Hochschätzung für den Zölibat:
„Die Synode von Elvira im Jahr 305, die gregorianische Reform des 11. Jahrhunderts und die Reformen nach
dem Konzil von Trient – sie alle mühten sich darum, den Zölibat zum Leuchten zu bringen.“
Der Schrei
nach der Priesterehe ist ein KrisensymptomLütz stellt fest, daß der Zölibat jeweils in Zeiten kirchlicher
Schwäche in eine Krise gerät.
Als Beispiel nennt er die Anti-Zölibats-Bewegung im heutigen Erzbistum
Freiburg zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
Damals forderten 156 Priester die Priesterehe.
Doch durch den
Wiederaufstieg der Kirche im 19. Jahrhundert erledigte sich die Antizölibatskampagne von selber:
„Auch
in der Krise nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil geriet der Zölibat erneut in die Schußlinie“ – konstatiert
Lütz.
In den angeblich neu aufblühenden Bewegungen der 80er Jahre sieht Lütz eine Hochschätzung des
Zölibats.
Für die National-Sozialisten war der Zölibat „unnatürlich“Lütz entkräftet die Behauptung,
daß ein Verzicht auf die Auslebung des Geschlechtstriebes unnatürlich sei:
„War Mahatma Gandhi unnatürlich,
der immerhin ein dem Zölibat entsprechendes Gelübde abgelegt hat? Ist der Dalai Lama unnatürlich?“
Der Behauptung liegt nach Lütz ein falscher Naturbegriff zugrunde.
Lütz argumentiert mit den griechischen
Philosophen. Diese hätten den Begriff der Natur nie auf einen körperlichen Aspekt des Menschen verengt:
„Solche naturalistische Verengungen drängen sich erst viel später in den Vordergrund und sie enden,
wie wir alle wissen, konsequent in den rassistischen Definitionen des Menschen, die den eigentlichen Menschen
nur in einer ganz bestimmten Rasse verwirklicht sahen.“
Bei den National-Sozialisten habe der Rassebegriff
die praktische Folge gehabt, daß die Fortpflanzung dieser Rasse hohe Priorität besaß.
Lütz weist
darauf hin, daß natürlich auch die National-Sozialisten den Zölibat als „unnatürlich“ diffamierten.
Er erinnert an die berüchtigten
Sittlichkeitsprozesse der Jahre 1936/37. Durch sie wurde versucht, alle
Priester und Ordensleute als Homo-Gestörte hinzustellen:
„Leider kann man nicht sagen, daß diese geistige
Tradition des Vorwurfs ‘Unnatürlich!’ heute nicht weiterlebt.“
Der heidnische Körperkult feiert fröhliche
UrständeHeute stellt Lütz einen heidnischen Körperkult fest, der fröhliche Urstände feiert.
Dieser
Kult produziere zugleich millionenfaches Unglück: „Das ganze Projekt muß schon an der banalen Tatsache
scheitern, daß jeder Mensch altert.“
Der Zölibat konterkariert für den Psychiater den allgemeinen
Körperwahnsinn.
Außerdem: Es könnte einem in sich ruhenden Menschen völlig egal sein, ob andere Menschen
freiwillig auf Sexualität verzichten.
Die Wut der Anti-Zölibat-Vorwürfe deutet für Lütz aber darauf,
daß der Aggressor selber ein Problem mit der Unterhose besitzt.
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