11:58:17 | Montag, 28. Februar 2011
Der Gründer der Legion Christi verschwand regelmäßig aus seiner Gemeinschaft – einmal für fast ein Jahr. Niemand stellte Fragen. Von Hw. Richard Gill.

Pressebild der Legionäre Christi zum Tod von Pater Macial Maciel
(kreuz.net) Kardinal Velasio de Paolis – der Päpstliche Delegat für die Legion Christi – hat durch seine
Vorgehensweise verschiedene Schwierigkeiten geschaffen.
Neben der immer noch nicht geklärten
Frage nach
dem Ordenscharisma hat er offenbar auch entschieden, auf die Forderungen nach einer umfassenden Untersuchung
des Maciel-Skandals – die über jene der Apostolischen Visitatoren der Jahre 2009 und 2010 hinausgehen
würde – nicht einzutreten.
Die Untersuchung der Visitatoren bestand vor allem aus Unterredungen mit
Legionären.
Sie zielte darauf ab, Unregelmäßigkeiten im Lebensstil der Gemeinschaft festzustellen.
Tatsachen, die Pater Maciel, seine Mißbräuche von Minderjährigen, seine zwei Geliebten und drei Söhne
und die von seinem Lebensstil hervorgerufenen finanziellen Unregelmäßigkeiten betrafen, kamen nicht
direkt in den Blick.
Der Kardinal hat mehr als einmal erklärt, daß sein Auftrag darin bestehe, die
Reformanstrengungen zu überwachen und nicht weitere Untersuchungen durchzuführen.
Zu viele offene Fragen
Es ist von grundsätzlicher Bedeutung, daß die Wahrheit über Pater Maciel und die Legion ans Licht
gebracht wird.
Weder die Legion noch der Vatikan haben eine erschöpfende Untersuchung durchgeführt,
die Antworten auf die folgenden Fragen hätte geben können:
Wie war es möglich, daß Pater Maciel im
Jahr 1959 als Generaloberer wiedereingesetzt wurde, nachdem er zweieinhalb Jahre lang während einer vatikanischen
Untersuchung, die sein Verhalten betraf, suspendiert gewesen war?
Die damaligen Anklagen gegen ihn haben
sich alle als wahr erwiesen.
Es wurde ihm erlaubt, bis 2005 als Generaloberer zu wirken und mit mehr
Mißbräuchen und unmoralischen Verhaltensweisen weiterzumachen – darin eingeschlossen die Zeugung von
Kindern.
Wie war es möglich, daß Pater Maciel im Jahr 1965 von Paul VI. ein Lobesdekret erhielt?
Was
steckt hinter der Tatsache, daß er Ende der 70er Jahre für fast ein Jahr aus der Kongregation verschwand?
Warum unternahmen andere Obere der Legion nichts?
Als er danach wieder auftauchte, war einer seiner
Söhne geboren.
Maciel verschwand regelmäßig für Wochen oder für einen ganzen Monat, ohne daß jemand
Fragen stellte.
Wie konnte er während Jahrzehnten ein Doppelleben führen, wobei er mindestens drei
Söhne von zwei Geliebten zeugte, ohne daß das jemand gewußt hätte oder sein Komplize gewesen wäre?
Schwere geistliche MängelEs war unter den Oberen der Legion bekannt, daß Pater Maciel selten die
Messe zelebrierte oder das Brevier las oder an Einkehrtagen teilnahm.
Warum richtet niemand das Augenmerk
auf solche Alarmzeichen?
Warum sah niemand darin einen Hinweis auf ein schwaches geistliches Leben, wie
man das bei jedem anderen auch gemacht hätten?
Wie konnte der Vatikan versagen?Wie kam es, daß die
Konstitutionen der Legion, deren schwerwiegende Mängel und Gegensätze zum Kirchenrecht heute bekannt
sind, im Jahr 1983 dank Kardinal Pironio, dem ehemaligen Präfekten der Ordenskongregation, approbiert
wurden.
Wie konnte eine Person wie Maciel Zugang zu Papst Johannes Paul II. bekommen und ihn über Jahre
hinweg reinlegen?
Wie kann man erklärten, daß Kardinal Angelo Sodano, der ehemalige Staatssekretär,
und Kardinal Franc Rodé, der ehemalige Präfekten der Ordenskongregation, Macielunaufhörlich verteidigten
und die Legionäre ermutigten, ihn weiterhin zu achten, auch noch nachdem die Glaubenskongregation ihn
mit Zustimmung des Heiligen Vaters im Jahr 2006 zensuriert hatte?
Was muß man angesichts der Tatsache,
daß Maciel bei seinem sechzigsten Priesterjubiläum im Jahr 2004 von Kardinal Sodano gerühmt wurde,
während gleichzeitig in der Glaubenskongregation von Kardinal Joseph Ratzinger eine Untersuchung gegen
ihn lief, über die inneren Zustände im Vatikan sagen?
Wie war es möglich, daß die Oberen der Legion
unter den Mitgliedern von ‘Regnum Christi’ eine Version der Statuten verbreiten konnten, die sich von
der im Jahr 2004 von Kardinal Rodé approbierten unterschied?
Neokonservative Leugnung der Wirklichkeit
Solange die Fragen nach den Vorgehensweisen von Pater Maciel nicht geklärt sind, werden viele in Zweifel
ziehen, daß die angegangenen Reformen angemessen sind.
Es bleibt die Frage, wie die Legionäre und die
Verantwortlichen des Heiligen Stuhles von diesem Mann so in Besitz genommen werden konnten und warum niemand
in der Legion Einwände gegen ihn erhob und – sollte jemand es getan haben – warum solche Warnungen ignoriert
wurden.
Was machte es in der Legion möglich, daß Menschen, die in anderer Hinsicht sehr intelligent
waren, so betrogen werden konnten?
Man wird auch sehen müssen, wie der Vatikan aus dem Desaster um Macieldie
notwendigen Lehren ziehen kann, um interne Reformen vorzunehmen und eine Wiederholung ähnlicher Tragödien
zukünftig zu vermeiden.
Der Verfasser ist ein ehemaliger Pater der Legion Christi und gegenwärtiger
Diözesanpriester von New York. Sein Beitrag erschien ursprünglich auf der Webseite des italienischen
Vatikanisten Sandro Magister.
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