Eine junge Klosterfrau mit einem großen schwarzen Schleier und einem weißen Habit ist mit ihrem Auto auf dem Rückweg ins Kloster. Es ist ein sonniger Morgen im Mai. Der Himmel strahlt und auf der Landstraße ist fast kein Verkehr. Plötzlich beginnt der alte Kloster-Citroën zu stottern und bleibt schließlich stehen.
(kreuz.net) Die Nonne war gerade beim zweiten Geheimnis des Glorreichen Rosenkranzes angelangt. Das technische
Problem reißt sie unsanft aus der Andacht.
Zunächst versuchte sie den Wagen erneut zu starten. Keine
Chance. Der Motor springt nicht mehr an. Schließlich steigt sie aus. Es dauert bestimmt zehn Minuten,
bis es ihr gelingt, die Motorenhaube zu öffnen.
Ratlos schaut die Schwester auf den Motor: „Vielleicht“ –
denkt sie sich – „sollte ich das Öl überprüfen.“ Doch sie findet den Ölstandsanzeiger nicht. Wohnhäuser
sind weit und breit keine zu sehen, nur einige landwirtschaftliche Gebäude. Auf der Straße kommt immer
noch niemand.
Da ruft die Schwester den heiligen Judas Thaddäus an, um in dieser ausweglosen Situation
Hilfe zu finden.
Das Gebet trägt Früchte. Plötzlich hört die Schwester eine Stimme hinter ihrem Rücken:
„Ich glaube, das Problem liegt beim Kühlungswasser.“
Die Schwester dreht sich um, aber hinter ihr sieht
sie nur einen Zaun, ein weidendes Pferd und hundert Meter hinter dem Tier einen Stall. Aber dort ist niemand.
Die Schwester beugt sich abermals mit ihrem großen Schleier über den Motor, kann aber – ungeschickt
wie sie ist – beim Kühlwasser nichts feststellen. Dann sagt sie zu sich selber: „Vielleicht sind es die
Zündkerzen?“
Wieder hört sie die himmlische Stimme von hinten: „Ich habe Dir doch gesagt, daß es das
Kühlungswasser ist.“
Dieses Mal ist die Schwester vorbereitet. Noch bevor der Satz zuende ist, dreht
sie sich um und stellt zu ihrem Erstaunen fest, daß nicht der heilige Judas Thaddäus, sondern das Pferd
zu ihr gesprochen hat.
Die Nonne ist außer sich. Da erinnert sie sich, daß sie gerade eben an einem
Landgasthof vorbeigefahren ist. Sie beschließt dorthin zurückzulaufen, um die Sensation vom sprechenden
Pferd zu verbreiten und Wasser für den Kühler ihres Citroën zu holen.
Nach ungefähr einem Kilometer
Marsch nähert sich ein Traktor. Die Klosterfrau ist immer noch ganz aufgeregt. Der Traktorfahrer – ein
älterer Bauer – bemerkt das und hält an.
„Gelobt sei Jesus Christus“ – sagt er zuvorkommend: „Ist etwas
geschehen?“
Die Schwester vergißt vor Aufregung das „In Ewigkeit. Amen“ und ruft: „Eine Sensation! Wir
müssen die Zeitungen avisieren, das Fernsehen, die Polizei und natürlich den Bischof.“
Ihre Stimme
überschlägt sich: „Beim Kontrollieren des Motors meines Citroën habe ich mehrfach eine Stimme gehört,
die sagte: ‘Ich glaube, das Problem liegt beim Kühlungswasser.’ Zuerst dachte ich an den heiligen Judas
Thaddäus. Dann habe ich mich umgedreht und festgestellt, daß ein Pferd zu mir gesprochen hat. Jetzt
bin ich unterwegs zum Gasthof, um Wasser zu holen.“
Der Bauer nimmt seine Pfeife aus dem Mund und fragt
ruhig: „War es ein dunkelbrauner Gaul, mit einem weißen Punkt auf der Stirn?“
„Genau, genau“ – antwortet
die Schwester immer aufgeregter: „Genau dieses Pferd war es.“
Da schaut der Bauer herablassend auf die
Schwester: „Dann, liebe Schwester, können sie sich das Wasserholen sparen. Der Gaul hat von Fahrzeugen
keine Ahnung.“
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