09:18:32 | Donnerstag, 2. Juni 2005
Benedikt XVI.
Wir haben uns zwei Fragen gestellt: Ist die positivistische Philosophie der Gegenwart vernunftgemäß und folglich allgemeingültig? Und: Ist sie vollständig und genügt sie sich selber?
Aus dem letzten Vortrag von Joseph Kardinal Ratzinger.
(kreuz.net) Kann oder soll die positivistische Philosophie ihre historischen christlichen Wurzeln in den
Bereich der reinen Vergangenheit verweisen und folglich als etwas betrachten, was nur für den einzelnen
gültig sein kann?
Wir müssen beide Fragen mit einem klaren „Nein“ beantworten.
Die positivistische
Philosophie, die auf die Aufklärung zurückgeht, ist nicht der Ausdruck einer vollendeten menschlichen
Vernunft, sondern nur ein Teil davon. Wegen ihrer Verkürzung der Vernunft kann man sie keinesfalls als
vernünftig bezeichnen.
Deshalb ist sie auch unvollständig. Sie kann nur genesen, wenn sie von neuem
den Kontakt mit ihren Wurzeln aufnimmt.
Ein Baum ohne Wurzeln verdorrt…
Diese Aussage leugnet nicht
alles, was diese Philosophie an Gutem und Wichtigem sagt, sondern bekräftigt eher ihr Bedürfnis nach
Vervollkommnung und ihre tiefe Unvollständigkeit.
Deshalb müssen wir erneut auf die zwei kontroversen
Punkte in der Präambel der Europäischen Verfassung zu sprechen kommen.
Die Verdrängung der christlichen
Wurzeln ist nicht Ausdruck einer höheren Toleranz, die alle Kulturen auf die gleiche Weise achtet und
keine von ihnen bevorzugen will. Sie ist vielmehr die Verabsolutierung einer Denk- und Lebensform, die
sich den anderen historischen Kulturen der Menschheit radikal entgegenstellt.
Der wahre Widerspruch,
welcher die heutige Welt charakterisiert, ist nicht jener zwischen den unterschiedlichen religiösen Kulturen,
sondern der Konflikt zwischen der radikalen Emanzipation von Gott und den Wurzeln des Lebens auf der einen
und den großen religiösen Kulturen auf der anderen Seite.
Wenn es zu einem Kampf der Kulturen kommen
sollte, dann wird er nicht von einem Konflikt zwischen den großen Religionen ausgehen – die von jeher
miteinander im Streite liegen, es aber auch immer verstanden haben miteinander zu leben –, sondern von
der Auseinandersetzung zwischen der radikalen Emanzipation des Menschen und den großen geschichtlichen
Kulturen.
Darum ist auch die Ablehnung des Gottesbezuges nicht Ausdruck einer Toleranz, welche die nicht
theistischen Religionen und die Würde der Atheisten und Agnostiker schützt, sondern eher Zeichen eines
Bewußtseins, das Gott definitiv aus dem öffentlichen Leben der Menschheit verbannen und in den subjetiven
Bereich der Kulturreste der Vergangenheit verdrängen möchte.
Der Relativismus, von dem dieses Bewußtsein
ausgeht, entwickelt sich so zu einem Dogmatismus, der sich im Besitz der definitiven Vernunfterkenntnis
und im Recht glaubt, den Rest der Geistesgeschichte nur als ein Stadium der Menschheit zu betrachten,
das im Grunde überwunden ist und folglich relativiert werden kann.
Das bedeutet in Wirklichkeit, daß
wir für unser Überleben Wurzeln benötigen. Wir dürfen Gott nicht aus den Augen verlieren, wenn wir
wollen, daß die Menschenwürde nicht verschwindet.
Aus der Rede, die Kardinal Ratzinger am Vorabend
des Todes von Johannes Paul II. in Subiaco anläßlich der Verleihung des „Preises des Heiligen Benedikt
für die Förderung des Lebens und der Familie in Europa“ gehalten hat.Große Worte und WerteDer Titanenkampf
um EuropaWen beleidigen die christlichen Wurzeln Europas?Gehört die Türkei in die Europäische Union?
Hat die Menschheit den Stein der Weisen entdeckt?Zweimal: nein!Ist die Aufklärung kurzerhand abzulehnen?
Warum Benedikt?
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zwobbel 09:33:07 | Donnerstag, 2. Juni 2005