Benedikt XVI.
Zweimal: nein!
Wir haben uns zwei Fragen gestellt: Ist die positivistische Philosophie der Gegenwart vernunftgemäß und folglich allgemeingültig? Und: Ist sie vollständig und genügt sie sich selber? Aus dem letzten Vortrag von Joseph Kardinal Ratzinger.
(kreuz.net) Kann oder soll die positivistische Philosophie ihre historischen christlichen Wurzeln in den Bereich der reinen Vergangenheit verweisen und folglich als etwas betrachten, was nur für den einzelnen gültig sein kann?

Wir müssen beide Fragen mit einem klaren „Nein“ beantworten.

Die positivistische Philosophie, die auf die Aufklärung zurückgeht, ist nicht der Ausdruck einer vollendeten menschlichen Vernunft, sondern nur ein Teil davon. Wegen ihrer Verkürzung der Vernunft kann man sie keinesfalls als vernünftig bezeichnen.

Deshalb ist sie auch unvollständig. Sie kann nur genesen, wenn sie von neuem den Kontakt mit ihren Wurzeln aufnimmt.

Ein Baum ohne Wurzeln verdorrt…

Diese Aussage leugnet nicht alles, was diese Philosophie an Gutem und Wichtigem sagt, sondern bekräftigt eher ihr Bedürfnis nach Vervollkommnung und ihre tiefe Unvollständigkeit.

Deshalb müssen wir erneut auf die zwei kontroversen Punkte in der Präambel der Europäischen Verfassung zu sprechen kommen.

Die Verdrängung der christlichen Wurzeln ist nicht Ausdruck einer höheren Toleranz, die alle Kulturen auf die gleiche Weise achtet und keine von ihnen bevorzugen will. Sie ist vielmehr die Verabsolutierung einer Denk- und Lebensform, die sich den anderen historischen Kulturen der Menschheit radikal entgegenstellt.

Der wahre Widerspruch, welcher die heutige Welt charakterisiert, ist nicht jener zwischen den unterschiedlichen religiösen Kulturen, sondern der Konflikt zwischen der radikalen Emanzipation von Gott und den Wurzeln des Lebens auf der einen und den großen religiösen Kulturen auf der anderen Seite.

Wenn es zu einem Kampf der Kulturen kommen sollte, dann wird er nicht von einem Konflikt zwischen den großen Religionen ausgehen – die von jeher miteinander im Streite liegen, es aber auch immer verstanden haben miteinander zu leben –, sondern von der Auseinandersetzung zwischen der radikalen Emanzipation des Menschen und den großen geschichtlichen Kulturen.

Darum ist auch die Ablehnung des Gottesbezuges nicht Ausdruck einer Toleranz, welche die nicht theistischen Religionen und die Würde der Atheisten und Agnostiker schützt, sondern eher Zeichen eines Bewußtseins, das Gott definitiv aus dem öffentlichen Leben der Menschheit verbannen und in den subjetiven Bereich der Kulturreste der Vergangenheit verdrängen möchte.

Der Relativismus, von dem dieses Bewußtsein ausgeht, entwickelt sich so zu einem Dogmatismus, der sich im Besitz der definitiven Vernunfterkenntnis und im Recht glaubt, den Rest der Geistesgeschichte nur als ein Stadium der Menschheit zu betrachten, das im Grunde überwunden ist und folglich relativiert werden kann.

Das bedeutet in Wirklichkeit, daß wir für unser Überleben Wurzeln benötigen. Wir dürfen Gott nicht aus den Augen verlieren, wenn wir wollen, daß die Menschenwürde nicht verschwindet.

Aus der Rede, die Kardinal Ratzinger am Vorabend des Todes von Johannes Paul II. in Subiaco anläßlich der Verleihung des „Preises des Heiligen Benedikt für die Förderung des Lebens und der Familie in Europa“ gehalten hat.

Große Worte und Werte

Der Titanenkampf um Europa

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Gehört die Türkei in die Europäische Union?

Hat die Menschheit den Stein der Weisen entdeckt?

Zweimal: nein!

Ist die Aufklärung kurzerhand abzulehnen?

Warum Benedikt?
      
1 Lesermeinung
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#1   zwobbel   09:33:07 | Donnerstag, 2. Juni 2005
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Aus dieser Rede wurde ja schon öfters zitiert.
Sie scheint mir einerseits so grundlegend, andererseits so umfassend und genau den Kern der Krise treffend zu sein, daß sie eine viiiiel größere Verbreitung verdient.
Vielleicht findet sich jemand, der sie in mindstens einem Dutzend Sprachen jeweils mindestens 100.000 mal drucken läßt?
In Tageszeitungen wie der FAZ wäre sie auch nicht schlecht aufgehoben.
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