11:58:21 | Mittwoch, 9. März 2011
Die USA werden sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, ihre Kriegsmaschinerie auch in Libyen einzusetzen. Von Fidel Castro Ruz.

Demonstration Ende Februar in den USA
© Euan Slorach, Flickr, CC(kreuz.net) Im Unterschied zu Ägypten und Tunesien nimmt Libyen im ‘Human Development Index’ von Afrika
den ersten Platz ein.
Libyen hat die höchste Lebenserwartung des Kontinents.
Bildung und Gesundheit
werden vom Staat besonders gefördert.
Das Kulturniveau der Bevölkerung ist zweifellos sehr hoch. Die
Probleme des Landes liegen nicht hier.
Der Bevölkerung mangelt es nicht an Nahrungsmitteln oder elementaren
sozialen Dienstleistungen.
Das Land wirbt viele ausländische Arbeitskräfte an, um seine ehrgeizigen
Ziele in der Produktion und in der sozialen Entwicklung zu erreichen.
Daher bietet es Beschäftigung
für Hunderttausende Arbeiter aus Ägypten, Tunesien, China und anderen Ländern an.
Libyen verfügt
über enorme Einnahmen und Reserven in konvertierbarer Währung, die in den Banken der reichen Länder
lagern.
Mit ihnen erwirbt es Konsumgüter und hochentwickelte Waffen, die von eben den Ländern geliefert
wurden, die jetzt im Namen der Menschenrechte in das Land einmarschieren wollen.
Die Situation ist schwer
zu verstehenDie kolossale Lügenkampagne, die von den Massenmedien gestartet wurde, hat in der öffentlichen
Meinung weltweit ein Durcheinander hervorgebracht.
Es wird einige Zeit vergehen, bevor man rekonstruieren
kann, was in Libyen tatsächlich vor sich ging, und die wirklichen Ereignisse von den gefälschten – über
die man breit berichtete – unterschieden werden können.
Seriöse und angesehene Sender wie ‘Telesur’
standen in der Pflicht, Reporter zu den Aktivitäten der einen Gruppe und dann zu denen der Gegenseite
zu entsenden, um zu berichten, was wirklich geschah.
Ehrliche diplomatische Mitarbeiter riskierten ihr
Leben, indem sie Tag und Nacht Quartiere besuchte und Aktivitäten beobachteten, um über die Vorgänge
berichten zu können.
Die Wahrheit des ImperiumsDas Imperium und seine Hauptverbündeten benützten
ausgeklügelte Medien, um Informationen über die Ereignisse zu verbreiten, aus denen man Wahrheitsfetzen
herausfiltern mußte.
Ohne Zweifel: In den Gesichtern der jungen Menschen, die in Bengasi protestierten –
Männer wie Frauen, mit Schleiern und ohne – war wirkliche Empörung zu sehen.
Man kann den Einfluß
der Stammeskomponente in diesem arabischen Land festhalten, ungeachtet dessen, daß 95 Prozent der Bevölkerung
dem islamischen Glauben folgen.
Sie haben Appetit auf eine InterventionDer Imperialismus und die NATO
sorgen sich ernstlich wegen der revolutionären Welle, die in der arabischen Welt ausgelöst wurde.
Diese
Welt produziert einen großen Teil des Öls, das die Ökonomie der entwickelten und reichen Länder aufrecht
erhält.
Daher dürfte die Gelegenheit nicht ungenutzt bleiben, um angesichts des inneren Konflikts in
Libyen eine Intervention voranzutreiben.
Günstige UmständeDie Erklärungen der USA waren in dieser
Hinsicht von Anfang an klar.
Die Umstände könnten nicht günstiger sein.
Die republikanische Rechte
versetzte dem US-Präsident Barack Obama, einem Fachmann für Rhetorik,in den Novemberwahlen einen heftigen
Schlag.
Die faschistische Gruppierung ‘Mission Accomplished’, die ideologisch von der extremistischen
Tea Party unterstützt wird, teilte dem amtierenden Präsidenten lediglich eine dekorative Rolle zu.
Im übrigen sind sein Gesundheitsprogramm und die zweifelhafte Erholung der Wirtschaft wegen des Haushaltsdefizits
und des unkontrollierten Ansteigens der Staatsverschuldung – die alle historischen Rekorde gebrochen haben –
in Gefahr.
Doch die USA konnten trotz der Lügenflut und der dadurch erzeugten Verwirrung China und Rußland
im UN-Sicherheitsrat nicht dazu bringen, einer Intervention in Libyen zuzustimmen – obwohl sie im Menschenrechtsrat
ihre Ziele erreichten.
Was eine militärische Intervention angeht, erklärte die US-Außenministerin
in Worten, die nicht den leichtesten Zweifel lassen: „Keine Option ist vom Tisch.“
Die Libyer wollen
keine Amerikaner im LandLibyen ist, wie wir vorhergesehen hatten, in einen Bürgerkrieg verwickelt.
Es gibt nichts, was die UNO hätte tun können, um ihn zu vermeiden – ausgenommen daß ihr Generalsekretär
eine gute Dosis Benzin ins Feuer goß.
Das unvorhergesehene Problem bestand darin, daß die Anführer
der Rebellion die komplizierte Lage noch mit einer Erklärung erschwerten, daß sie jede ausländische
militärische Intervention zurückweisen.
Nachrichtenagenturen berichteten, daß Abdel Hafis Ghoga, der
Sprecher des Libyschen Nationalrates, am Montag, dem 28. Februar, erklärte, daß „der Rest Libyens vom
libyschen Volk befreit werden wird.“
„Wir zählen auf die Armee, um Tripolis zu befreien“ – versicherte
Ghoga.
Er kündigte die Bildung eines „Nationalrates“ an, der die in der Hand der Aufständischen befindlichen
Städte repräsentieren sollte.
„Wir wollen Aufklärungsinformationen, aber auf keinen Fall, daß die
Souveränität unseres Luftraums, des Landes oder des Meeres berührt wird“ – fügte er hinzu.
„Die Kompromißlosigkeit
der Oppositionsführer bezüglich der nationalen Souveränität spiegelt auch die gegenüber der internationalen
Presse geäußerte Meinung vieler Libyer in Bengasi wieder“ – hieß es in einem AFP-Bericht am vorletzten
Montag.
Irak als SchreckgespenstAm selben Tag erklärte Abeir Imneina, Professorin für Politikwissenschaften
an der Universität von Bengasi: „Es gibt in Libyen ein sehr starkes Nationalgefühl.“
„Darüber hinaus
ist das Beispiel des Irak in der arabischen Welt ein Schreckgespenst“ – unterstrich sie mit Blick auf
die US-Invasion 2003.
Diese wollte die Demokratie in das Land und dann – durch Ansteckung – in die ganze
Region tragen. Das war freilich eine Hypothese, die durch die Tatsachen völlig widerlegt wurde.
Die
Professorin fuhr fort:
„Wir wissen, was im Irak geschah, der sich in voller Instabilität befindet, und
wir wünschen wahrhaftig nicht, diesen Weg zu beschreiten. Wir wollen nicht, daß die Nordamerikaner kommen
mit dem Ergebnis, daß wir noch der Herrschaft Ghaddafis nachtrauern müssen.“
Laut Frau Imneina gibt
es das Empfinden, „daß dies unsere Revolution ist und daß es an uns ist, vorwärtszukommen.“
Bemühungen
um einen MilitärschlagWenige Stunden nach Veröffentlichung dieses Berichts beeilten sich zwei große
US-Zeitungen – die ‘New York Times’ und die ‘Washington Post’ – neue Versionen zu dem Thema zu verbreiten.
Das berichtete die Nachrichtenagentur ‘dpa’ am folgenden Tag – dem 1. März:
„Die libysche Opposition
könnte den Westen bitten, Luftschläge auf strategische Positionen der Ghaddafi-Kräfte auszuführen,
erklärt die US-Presse heute.“
Die Frage wurde – laut ‘New York Times’ und ‘Washington Post’ – im Libyschen
Nationalrat diskutiert.
Die ‘New York Times’ schrieb, daß diese Diskussionen die wachsende Frustration
der Rebellenführer erkennen lasse – angesichts der Möglichkeit, daß Ghaddafi wieder die Macht übernimmt.
„Falls Luftschläge im Rahmen der Vereinten Nationen erfolgen, würde das keine internationale Intervention
einschließen“ – erläuterte der Sprecher des Rates laut Zitat der ‘New York Times’.
Der Rat setzt sich
aus Anwälten, Akademikern, Richtern und prominenten Mitgliedern der libyschen Gesellschaft zusammen.
Im Bericht heißt es: „Die ‘Washington Post’ zitierte Aufständische, die erklären, daß Kämpfe mit
den Ghaddafi-Streitkräften ohne westliche Hilfe lange Zeit dauern könnten und eine große Zahl an Menschenleben
kosten würden.“
Die Vorzeige-AufständischenEs ist auffällig, daß in dem Bericht keine Industrie-,
Land- oder Bauarbeiter erwähnt werden, also Leute, die im Arbeitsleben stehen, oder Studenten oder Demonstrations-Teilnehmer.
Warum bemüht man sich, die Aufständischen als prominente Mitglieder der Gesellschaft zu präsentieren,
die US- und NATO-Luftschläge fordern, um Libyer zu töten?
Eines Tages wird die Wahrheit bekannt werden –
durch Menschen wie die Professorin der Politikwissenschaften der Universität von Bengasi.
Sie erzählt
von der schrecklichen Erfahrung, wie Menschen im Irak getötet wurden und ihre Häuser verloren und wie
Millionen arbeitslos und zur Emigration gezwungen wurden.
Zweideutige MeldungenAm 2. März präsentierte
die Nachrichtenagentur EFE den bekannten Sprecher der Rebellen. Er machte Aussagen, die meiner Meinung
nach jene vom Tag zuvor zugleich bestätigten und dementierten:
„Bengasi (Libyen), 2. März. Die Anführer
der libyschen Rebellen baten heute den UN-Sicherheitsrat, einen Luftangriff »gegen die Söldner« des
Regimes von Muamar el Gaddafi zu starten.“
Und: „»Unsere Armee kann aufgrund ihrer Verteidigungsrolle
keine Angriffe gegen die Söldner ausführen«, erklärte der Rebellen-Sprecher Abdelhafiz Ghoga in einer
Pressekonferenz in Bengasi.“
Oder: „»Ein strategischer Luftangriff ist etwas anderes als eine fremde
Intervention, die wir ablehnen«, unterstrich der Sprecher der Oppositionskräfte, die sich in dem libyschen
Konflikt immer gegen eine fremde Militärintervention ausgesprochen haben.“
Ein weiterer von den USA
angezettelter Krieg?Welchem der vielen imperialistischen Kriege würde das ähnlich sehen?
Jenem in
Spanien im Jahr 1936? Dem Krieg Mussolinis gegen Äthiopien im Jahr 1935? Dem Krieg von George W. Bush
gegen den Irak im Jahr 2003 oder einem der Dutzenden von Kriege der USA gegen die Völker Amerikas, von
der Invasion von Mexico im Jahr 1846 bis zur Invasion der Falkland Islands im Jahr 1982?
Dabei soll der
Söldner-Überfall auf die Schweinebucht, der schmutzige Krieg und die Blockade unseres Heimatlandes in
den 50er Jahren nicht ausgenommen werden.
In allen diesen Kriegen, wie dem Krieg von Vietnam, der Millionen
von Menschen das Leben kostete, behielten zynischste Rechtfertigungen und Maßnahmen die Oberhand.
Die
Vorbilder aus der VergangenheitWer noch Zweifel an einer unvermeidlichen Militärintervention hegt,
die in Libyen stattfinden wird, sollte einen meiner Meinung nach gut informierten Bericht der Nachrichtenagentur
AP vom 2. März zur Kenntnis nehmen.
Darin wird bestätigt:
„Einige NATO-Länder entwerfen nach dem
Modell der Flugverbotszonen über dem Balkan in den 90er Jahren Pläne für den Fall, daß die internationale
Gemeinschaft entscheidet, ein Luftembargo über Libyen zu verhängen, erklärten Diplomaten.“
Und am
Schluß:
„Die Diplomaten, die wegen des heiklen Themas nicht genannt werden wollten, erklärten, daß
die erwogenen Optionen dem Modell einer Flugverbotszone folgen, die vom westlichen Militärbündnis im
Jahr 1993 mit einem UN-Mandat über Bosnien eingerichtet wurde sowie nach dem Modell des NATO-Luftangriffs
gegen Jugoslawien im Jahr 1999, für den sie kein Mandat besaßen.“
Der Verfasser (84) ist der von Linken
und Altliberalen verehrte erste Sekretär der Kommunistischen Partei von Kuba. Der Text erschien am 2.
März.
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