Legionäre Christi
Die schwierige Frage der Mentalität
Die Reibungspunkte wurden nie ernsthaft angesprochen – nicht einmal anerkannt. Von Hw. Richard Gill.
Webseite der 'Legionäre Christi' über Berufungen
Webseite der ‘Legionäre Christi’ über Berufungen
(kreuz.net) Es gibt in der Legion Christi ein ernsthaftes Problem, das vom größten Teil jener Legionäre gut verstanden wird, die nicht aus lateinamerikanischen Staaten stammen.

Es geht um das Ausmaß, in dem die Gemeinschaft von einer „lateinischen Mentalität“ geprägt ist – wie wir das Phänomen mangels eines besseren Wortes nennen wollen.

Diese Mentalität zeigt Reibungspunkte mit der europäischen und anglo-amerikanischen Art, den katholischen Glauben zu leben.

Alles wurde verborgen gehalten

Der größte Teil der internationalen Ordensgemeinschaften erlaubt ein dezentes Miteinander verschiedener Bräuche und Ausdrucksformen.

Doch wegen Pater Maciels Manie für weltweite Uniformität, Einheit und einen einzigen Block von Regeln für alle wurden die nationalen und kulturellen Unterschiede auf ein Minimum reduziert.

Die Reibungspunkte wurden nie ernsthaft angesprochen – nicht einmal anerkannt.

So haben die tragischen Fehler und Unterlassungen in der Auseinandersetzung mit dem Skandal um Pater Marcial Maciel sichtbar werden lassen, daß die vorwiegend mexikanische Führung kaum daran interessiert war, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen und ans Licht zu bringen sowie sicherzustellen, daß die Wahrheit offen anerkannt und die Konsequenzen gezogen würden.

Von ihrer Mentalität her tendieren die Lateiner zu einem toleranteren Umgang mit schlechtem Verhalten, Verderbnis und Unehrlichkeit.

Es ist heute klar, daß sie nicht verstanden, daß die Mitglieder der Kongregation tatsächlich ein Recht besaßen, die Wahrheit über das Leben des Gründers zu erfahren.

Darum hielten sie alles verborgen.

Viele sind sauer

Während Pater Maciel an der Macht war, wurde das einfach das Nebenprodukt eines streng hierarchischen Systems anerkannt.

Doch heute stößt das vielen als plumpe Form des Paternalismus auf.

Es ist kein Zufall, daß die über die Leitung am meisten verärgerten Legionäre vor allem aus den USA und Spanien stammen.

Das sind die in der Legion nach den Mexikanern am stärksten vertretenen Nationalitäten.

In diesen beiden Ländern sind die Berufungen – wie im restlichen Europa – massiv zurückgegangen.

Von den Legionären, die in den Weltklerus übertraten, waren die meisten US-Amerikaner oder Spanier.

Die Legion, die einst stolz auf ihre Internationalität war, steht jetzt vor der realen Perspektive, zu einer vorwiegend mexikanischen Gemeinschaft zu werden.

Die monolithische Einheit bröckelt

Es muß zur Kenntnis genommen werden, daß viel von dem, was Pater Maciel als „von Gott inspiriert“ präsentierte, in Wahrheit eher Beschränktheiten und Defekte seiner Mentalität waren.

Einen Weg zu finden, um den verschiedenen Territorien der Legion Autonomie zu verschaffen, die von Pater Maciel so sehr gelobte „monolithische Einheit“ abzuschwächen und eine gesunde Sorge für Wahrheit und Verantwortung einzuflössen, scheinen heute offensichtliche Vorgaben zu sein.

Wenn das erreicht werden kann, werden sehr starke Änderungen im Leben und in der Mentalität der Legion Christi die Folge sein.

Eine andere Möglichkeit wäre die Schaffung einer radikal verschiedenen Kongregation, autonomer und weniger zentralisiert.

In den Vereinigten Staaten könnte sie zum Beispiel einen offeneren und transparenteren amerikanischen Stil annehmen.

Sind Partikularnomen die Lösung?

In der Zeit, als die Mentalität von Pater Maciel dominierte, wäre das in der Kongregation völlig undenkbar gewesen.

Es wäre aber nicht das erste Mal, daß der Heilige Stuhl in einer Ordensgemeinschaft, die in verschiedenen Ländern unterschiedlich arbeiten muß, die Notwendigkeit von Flexibilität und Autonomie anerkennen würde.

Eine solche Lösung würde die Legion in den USA in die Lage versetzen, das Vertrauen der Kirche noch einmal zu gewinnen und ihr – nach dem Wunsch des Heiligen Vaters – einen wertvollen Dienst zu leisten.

Der Verfasser ist ein ehemaliger Pater der Legion Christi und gegenwärtiger Diözesanpriester von New York. Sein Beitrag erschien ursprünglich auf der Webseite des italienischen Vatikanisten Sandro Magister.
Der Artikel ist Teil der folgenden Reihe:
1. Kann die Legion Christi zusammengeflickt werden 2. Pleitegeier über der Legion Christi 3. Die Erneuerung der Legion geht nur schleppend vorwärts 4. Besitzt die Legion Christi überhaupt ein Ordens-Charisma? 5. Der Vatikan wird Antworten geben müssen 6. Die Verantwortlichen müssen benannt werden 7. Die Legion Christi braucht eine neue Führung 8. Alte Gewohnheiten sterben schwer
9. Die schwierige Frage der Mentalität
      
5 Lesermeinungen
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#5   Rudolfus   00:45:57 | Dienstag, 15. März 2011
Ich nehme an, im englischen Original spricht Hw. Gill von einer „Latino-Mentalität“,
nicht von einer „lateinischen Mentalität“, er meint die „Latin Americans“. Das sollte in der deutschen Übersetzung berücksichtigt sein. Denn „Lateiner“ sind wir in der lateinischen Rituskirche alle. Er meint die „Latinos“, nicht die „Lateiner“.
Hierzu ist zu sagen, daß Hw. Gills Vorwürfe auf die von Angelsachsen geführten US-Diözesen und US-Orden genauso zutreffen.
Als Angelsachse in einer mexikanisch geführten Legion wird er die Schuld natürlich „den Mexikanern“ geben. Das ist verständlich, nachdem er zur ethnischen Minderheit gehörte, die nicht zur Führung gehörte und sich ausgeschlossen fühlte. Viele hatten den Eindruck eher für Wojtylas polnischen Schlendrian und polnische Protektionswirtschaft, die Macials Betrug erst ermöglichte.
Der Vorwurf gegen Latinos ist aber trotzdem ein angelsächsisches Vorurteil und abzulehnen. Die Angelsachsenkirchenorganisationen haben die höchsten Raten an Mißbrauchsvorwürfen und -vertuschung, sowohl in US-Amerika als auch in Austalien. Die Angelsachsen sollten sich also vor nationalen Vorurteilen hüten. Kirchenhierarchisch haben wir ihnen die meisten Jugendskandalfälle zu verdanken, so wie afrikanische Kleriker polygam leben. Man zog bereits einen Zusammenhang zu angelsächsischem Alkoholismus. Der Modernismus, die Antidisziplin, die erst die Vorrausetzungen zum Mega-GAU Vaticanum II schafften, stammen dagegen aus Deutschland und Frankreich, also Europa.
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#4   hieronymus333   23:07:40 | Montag, 14. März 2011
Alle, die hier
posten haben Recht!
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#3   diakonus   15:39:59 | Montag, 14. März 2011
wohltuend…
Ich kanbn nicht beurteilen, wiueweit das Geschriebene zutrifft.Aber endlich einmal ein Artikel hier, der sich um Differenzierung und Verständnis bemüht!
:(3
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#2   Lycobates   14:55:35 | Montag, 14. März 2011
Widerspruch?
Es geht um das Ausmaß, in dem die Gemeinschaft von einer „lateinischen Mentalität“ geprägt ist – wie wir das Phänomen mangels eines besseren Wortes nennen wollen.
Es ist kein Zufall, daß die über die Leitung am meisten verärgerten Legionäre vor allem aus den USA und Spanien stammen.
Ist das kein Widerspruch?
oder sind Spanier keine Lateiner?
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#1   clarissa colonia   14:30:25 | Montag, 14. März 2011
Was man so alles erfährt …
„Von ihrer Mentalität her tendieren die Lateiner zu einem toleranteren Umgang mit schlechtem Verhalten, Verderbnis und Unehrlichkeit.“
(Und, gesetzt das stimmte, auf welche Enthüllungen wird man erst aus der Fraternitas latina gefaßt sein müssen?)
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