18:31:57 | Samstag, 19. März 2011
Kann man sich die Empörung vorstellen, wenn Gaddafi die Armeen aus Tschad, Mali oder Burkina Faso ins Land rufen würde, um die Rebellen in Bengasi anzugreifen? Von Craig Murray.

Die Webseite von Craig Murray
(kreuz.net) Ein Diplomat einer westlichen UNO-Mission in New York hat mir versichert, daß Hillary Clinton
dem grenzüberschreitenden Gebrauch von Truppen zugestimmt hat, um die Demokratie-Bewegung in den Golfstaaten
zu zerschlagen.
Ich kenne den Diplomaten seit zehn Jahren und vertraue ihm.
Als Gegenleistung für diese
Zustimmung forderte die Arabische Liga eine westliche Intervention in Libyen.
Der abscheuliche König
von Bahrain hat Truppen aus Saudi Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait angefordert,
um die pro-demokratischen Demonstranten in seinem Land niederzuschlagen.
Kann man sich die Empörung
vorstellen, wenn Gaddafi die Armeen aus Tschad, Mali oder Burkina Faso ins Land rufen würde, um die Rebellen
in Bengasi anzugreifen?
Doch will man im Ernst glauben, daß die Mächtigen, die Gaddafis Einsatz von
ausländischen Söldnern verurteilen, auch dagegen sind, daß die Ölscheichs fremde Truppen aufbieten,
um Mehrheits-Demonstranten in Bahrain niederzuschlagen?
Natürlich nicht.
Das hat mit Humanität nichts
zu tunDer Fernsehsender ‘Sky News’ hat das diese Vorgehensweise damit gerechtfertigt, daß der ‘Gulf
Cooperation Council’ eine militärische Allianz besitze, die ein Staat hineinrufen könne, wenn er angegriffen
werde.
Aber ein Angriff durch das eigene – zufälligerweise unbewaffnete Volk – dürfte in dieser Abmachung
nicht eingeschlossen sein.
Die NATO ist eine Militärallianz. Sie bedeutet aber nicht, daß Kamerun US-Truppen
anfordern kann, um Studenten niederzuschießen, die auf dem Parlamentsplatz gegen Studiengebühren demonstrieren.
Dieser furchtbare Frevel der arabischen Scheiche wird vom Westen schweigend geschluckt, weil sie „unsere“
Bastarde sind.
Sie beherbergen unsere Truppen und kaufen unsere Waffen.
Ich hoffe, daß diese Entwicklung
jenen die Augen öffnen wird, die sich übertölpeln ließen, eine westliche Intervention in Libyen zu
unterstützen, und die glauben, daß die Befehlshaber der westlichen Armeen von humanitären Sorgen getrieben
werden.
In Bahrain wird die Demokratie nicht verteidigtVor dem Einmarsch Saudi Arabiens in Bahrain
gab es dort bereits ausländische Kräfte – vor allem die Fünfte US-Flotte.
Werden Clinton oder Obama
mit einer Intervention drohen, wenn fremde Armeen gegen pro-demokratische Demonstranten vorgehen?
Gewiß
nicht.
Ob dieses Verhalten eine Auswirkung auf den Versuch hat, die öffentliche Meinung hinter die Militärintervention
gegen Libyen zu bringen, ist ungewiß.
Aber ich möchte gerne von Ming Campbell und Phillippe Sands –
die in der britischen Tageszeitung ‘Guardian’ über „Unsere Pflicht, das libysche Volk zu schützen“ schrieben –
hören, ob wir auch im Fall der pro-demokratischen Demonstranten von Bahrain in der Pflicht stehen, sie
von Angriffen durch fremde Truppen zu schützen.
Was will das Flugverbot?Wir wissen aus dem Irak, aus
Afghanistan, Serbien, Libanon und Gaza, daß die sogenannten Kollateralschäden aus Bombardierungen gegen
die libysche Luftabwehr mehr Opfer erzeugen werden als jene, die bereits in Libyen sterben.
Ein Flugverbot
würde die Moral der Rebellen heben.
Doch den größten Schaden erleiden die Rebellen gegenwärtig durch
die schwere Artillerie.
Ohne eine panzerfreie, artilleriefreie und kanonenbootfreie Zone wird ein bloßes
Flugverbot die militärische Ausgangslage nicht verändern.
Somit scheint, daß Gaddafis Beseitigung
länger dauern wird als gewünscht.
Ein Versuch, die Sache schnell zu lösen, wird in einen zweiten Irak
führen und dem Revolutionsführer einen unverdienten patriotischen Mantel geben.
In Libyen will man
eine „Demokratie“ nach dem Modell ÄgyptensDer ehemalige britische Botschafter in Libyen, Oliver Miles,
hat erklärt, daß eine westliche Militärintervention in Libyen wegen der nicht beabsichtigten Folgen
zu vermeiden sei.
Eine Folge ist bereits eingetreten.
Sie lag nicht in der Intention der Liberalen,
die in den Schrei nach einem Militärangriff auf Gaddafi einstimmten.
Diese Liberalen haben mitgeholfen,
die Unterdrückung der Demokratie in Bahrain durch ausländische Truppen einzuleiten.
Clinton und Obama
befinden sich sowohl in Libyen als auch im Golf – wo sie keine Demokratie wünschen – in einer Win-Win-Situation.
Menschen mit einem guten Herzen sollten weinen.
Der Autor (52) war von August 2002 bis Oktober 2004
britischer Botschafter in Usbekistan.
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.