11:37:41 | Montag, 4. April 2011
Die Zeitung durchschaut ihn: Wenn wir die Kirchen vor allem als eine Art gehobener Tanzschule brauchen und als Wertespeicher – wozu dann noch Religiosität, Frömmigkeit und all das?

Der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf an der Universität München
(kreuz.net) „Was ist so schlimm an der Feminisierung der Pfarrhäuser?“- fragte die ‘Frankfurter Allgemeine
Sonntagszeitung’ den evangelischen Theologen
Friedrich Wilhelm Graf am 27. März.
Im vergangenen November
hatte Graf festgestellt, daß
immer weniger Männer evangelische Pfarrer werden wollen.
Jetzt erneuert
er diese Aussage vor der ‘Frankfurter Allgemeinen’.
Durch die Femininisierung der Pfarrerschaft verändere
sich das „Rollenprofil des Berufes“.
Das führe zur Frage: „Was bedeutet es, wenn ein Beruf für Männer
nicht mehr attraktiv ist?“
Die altliberale Beschwichtigungs-ReligionIm vergangenen November hatte Graf
noch einen heute verbreiteten „Kuschelgott“ angesprochen.
Mit dieser Aussage konfrontiert, weicht er
jetzt aus: „Ich will sensibel machen für einen Wandel der Religionskultur.“
Graf sieht zwei Trends –
eine Eventisierung – „Papstbesuch, Kirchentag“ – und die Umstellung auf einen Psychojargon, in dem es
permanent um das „Fühl dich wohl“ geht.
Die elementaren Spannungen und Widersprüche des Lebens würden
darin kaum eine Rolle spielen.
„Das Wochenende ist schließlich zur Erholung da – Spannungen hat man
ja im Alltag genug“ – wendet die Zeitung ein.
Grafs Antwort: „Aber es käme doch gerade darauf an, die
existentiellen Spannungen des Lebens religiös zu deuten und nicht einfach durch ein bißchen Wohlfühlrhetorik
zum Verschwinden zu bringen.“
Die Kirche setzt auf seichtDer Theologe wird auf sein neues Buch „Kirchendämmerung –
wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen“ angesprochen.
Darin macht er den kirchlichen Niedergang an
sieben Untugenden fest – zum Beispiel das tiefe Niveau der Predigten.
Es gebe bei den Protestanten inzwischen
sehr viel „symbolische Kommunikation“ – erklärt er: „Es werden Kerzen von links nach rechts getragen
und so weiter.“
Das sei auch alles schön und wichtig: „Aber Wortkultur, Predigtkultur war einst ein
ganz wichtiges Kennzeichen des Protestantismus.“
Statt dessen erlebt Graf heute eine Infantilisierung
der Kommunikation:
„Man sagt dann immer, man solle die Menschen nicht vom Kopf her anreden, und dann
kommt genau dieser ganze Psycho-Jargon dabei heraus.“
Ob er keine Angst habe, die „letzten, die noch
in die Kirche gehen“, mit zu viel Gelehrsamkeit in die Flucht zu schlagen – wendet die Zeitung ein.
Graf:
„Sie können doch nicht in einer Gesellschaft, in der Komplexität permanent gesteigert wird, nun gerade
in der Religionskultur den Gegenkurs fahren und auf seicht und infantil setzen!“
Viele fühlten sich
so in der Kirche „nicht ernst genommen“.
Wenn nichts mehr einfällt, kommt die MoralGraf kritisiert
eine Moralisierung der Religion: Man müsse Religion von Metaphysik und Moral unterscheiden – betont er:
„Was wir in der Geschichte vor allem der Bundesrepublik erlebt haben, ist im Grunde die permanente Moralisierung
der religiösen Kommunikation.“
Denn: „Wenn einem nichts mehr einfällt, wirklich überhaupt nichts mehr,
dann fällt einem noch Moral ein.“
Der Theologe weist darauf hin, daß Moralisieren eine „intellektuell
relativ anspruchslose Veranstaltung“ ist:
„Wenn Sie sich das anschauen, was Bischöfe oder Ratsvorsitzende
so verlautbaren, dann sind das fast immer moralische Pathosbotschaften, zum Beispiel im Bereich der Biopolitik,
und da wird immer versucht, moralische Eindeutigkeit zu erzeugen.“
Der Bischof als Fachmann für Atomfragen
Graf sieht ein „interessantes Zusammenspiel zwischen politischem Betrieb und kirchlicher Kultur, weil
im politischen Betrieb den Kirchen diese Rolle immer zugeschoben wird.“
Dabei werde suggeriert, daß
man über Problemlösungskompetenz verfüge:
„Ich würde gern, ein einziges Mal, einen [Laien]-Bischof
Huber erleben, der sagt: Wir wissen es auch nicht so genau.“
Die Zeitung nimmt ihm das nicht ab: „Kirchliche
Würdenträger sollen die Hosen runterlassen und sagen: Wir wissen es auch nicht besser als ihr? Wofür
zahlen die Leute dann Kirchensteuer?“
Graf korrigiert sich brav: „Weniger Interventionen, aber prägnantere
und durchdachtere.“
Er nennt als Beispiel den regelmäßig auf Kirchentagen geforderten Ausstieg aus
der Atomenergie:
„Aber dann fragen Sie sich doch mal, woher dann der Strom kommen soll.“
Hier finde
eine moralistische Reduktion von Komplexität statt: „Das ist langfristig ruinös.“
Polemik gegen den
PapstAls weiteren Punkt prangert Graf in seinem Buch eine angebliche „Demokratievergessenheit“ an.
Er stellt fest, daß das vor allem dem Islam vorgeworfen werde.
Doch er dreht den Spieß gegen die Kirche:
„Es könnte doch sein, daß es bei den christlichen Kirchen im Lande nicht so grundlegend anders ist.“
Sein Beispiel: „Die Katholische Kirche tut sich ausgesprochen schwer damit, bestimmte Spielregeln der
parlamentarischen Demokratie zu akzeptieren.“
Denn: „Der Papst polemisiert, wenn Sie seine Texte lesen,
permanent gegen das Mehrheitsprinzip.“
Er schalte dem staatlichen Recht immer ein Naturrecht vor – verdreht
Graf.
Ein bißchen kritisiert er auch seine evangelische Gemeinschaft. Dort gebe es „immer noch“ sehr
viel Autoritätskultus, alte Gemeinwohlideale, die überhaupt nicht in eine „pluralistische Gesellschaft“
paßten.
Die ‘Frankfurter Allgemeine’ hält Distanz: „Aber ist das nicht das, was die Leute sich auch
davon erwarten dürfen? Daß man mal abgeben kann?“
Demokratisch könne man im Alltag selber schon genug
sein.
In seiner Antwort schiebt Graf den deutschen Kirchenhaß der Kirche in die Schuhe.
Heute würden
die Deutschen einem Polizisten oder Feuerwehrmann ungleich mehr vertrauen als einem katholischen Priester:
„Das ist kein Zeichen dafür, daß dieser überkommene Modus der Autoritätsbildung durch Institutionen
noch funktioniert“ – glaubt er.
Mit dem gleichen Interpretationsmuster hätte er den deutschen Juden
der 30er Jahre vorwerfen können, daß deren überkommener Modus des Finanzgebarens durch jüdische Institutionen
nicht mehr funktioniere.
Die tote Kirche darf noch ihre Toten begrabenAuf die Frage, warum es die Kirche
„heute noch“ brauche, wird Graf sehr dünn.
Er spricht von einer Weitergabe „bestimmter Grundlagen unserer
Kultur“.
Oder: „Sie müssen sonst jemanden finden, der die Leistungen erbringt, die im Moment von Caritas
und Diakonie erbracht werden.“
Er glaubt, „daß es immer auch gut ist, wenn so ein bestimmter Bestand
an Konventionen, an Üblichkeiten, an Höflichkeitsregeln eingeübt wird“.
Und: „Wenn wir weiterhin wollen,
daß es zum entscheidenden Stichwort der politischen Ordnung, »Würde des Menschen«, auch eine symbolische
Kultur gibt, dann brauchen Sie dafür Institutionen.“
Die ‘Frankfurter Allgemeine’ bringt den Wischi-Waschi-Theologen
in der Frage auf den Punkt:
„Wenn wir die Kirchen vor allem als eine Art gehobener Tanzschule brauchen
und als Wertespeicher – wozu dann auch noch Religiosität, Frömmigkeit und all das?“
Graf kommt ins
Schleudern:
„Ich weiß, daß es für viele Menschen etwas Wichtiges ist, wenn ein Angehöriger stirbt,
daß er vernünftig bestattet wird“ – definiert er die Kirche als Beerdigungsinstitut.
„Da gibt es eine
ganz elementare Sehnsucht danach, daß es dafür eine funktionierende religiöse Institution gibt.“
Das
Geld-Rezept auch für die MoslemsDie ‘Frankfurter Allgemeine’ konfrontiert den theologischen Schwätzer
mit der Realität der Kirchensteuer:
„Wo es so sehr ums Geld geht und um alte Ansprüche – wie realistisch
ist da eine Haltung der Demut, wie Sie sie fordern?“
„Solange es den Kirchen ökonomisch so gut geht,
kommen bestimmte Reformimpulse gar nicht bei ihnen an, das ist mir schon klar“ – redet sich der beamtete
Theologe heraus.
Er lenkt schnell auf den Islam ab:
„Hinzu kommt, daß wirklich Gerechtigkeitsprobleme
entstehen, wenn der Staat die christlichen Kirchen privilegiert, die islamischen Gemeinden aber nicht.“
Hier fordert er „in bestimmten Punkten“ eine Gleichstellung:
„Zum Beispiel Angebote für muslimische
Theologen in deutschen Universitäten zur Ausbildung von Imamen.“
Das würde im Nebeneffekt auch Grafs
Position als Staatstheologe festigen.
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