Modernismus
Die Spiritualität boomt – in welche Richtung hinkt die Kirche?
Eine ‘Lange Nacht der Kirchen’ lockt in Wien mit einem Monsterprogramm. Mehr als 150x Kunst – über 200x Musik – 50x Diskussionen – 1200x Kirche neu erleben: Das beeindruckende Angebot einer ausgezehrten Kirche, die der Welt nichts anzubieten hat. Ein Kommentar.
(kreuz.net, Wien) Vor allem kirchenferne Menschen sollen durch die nächtlichen Veranstaltungen in die Gotteshäuser gelockt werden – und dort auf sichere Distanz zum neuen Jerusalem des Glaubens gehalten werden.

Für den Anlaß werden heute um 18.00 Uhr sämtliche Wiener Kirchenglocken läuten – als ob der Papst gestorben wäre. Danach geht das Programm los: 8 Stunden in über 190 Kirchen.

Das Angebot ist rekordverdächtig: 1200 Veranstaltungen für alle Altersstufen.

Zuerst werden die Kinder bedient. Rätsel-Rallies oder ein Blick aus dem Luftballon auf eine Kirchturmspitze. Ältere Kinder werden ab 22.00 Uhr in der „Jugendkirche“ St. Florian mit Rock und Elektro in Disco-Schwingung gebracht. Man arbeitet mit Dumping-Preisen. Der Eintritt ist frei.

Ab 23.15 Uhr bittet Sankt Josef mit den Musikgruppen „Tyler“ und „Facelift“ österreichischen Alternative-Nachwuchs auf die FM4-Bühne.

Wer von der Kirche eher einen museal-konservativen Auftritt erwartet, wird auch nicht enttäuscht. Es gibt viel klassische Musik und kunsthistorische Führungen.

Die Wiener Sängerknaben gastieren in der Burgkapelle.

Der Zisterzienser-Abt von Heiligenkreuz bei Wien betätigt sich als einfacher Touristenführer. Im Stephansdom wird die Bischofsgruft geöffnet. Highlight: der Sarg von Kardinal König.

Dem unvermeidlichen Dialog wird ausgiebig die Ehre erwiesen: 50 mal wird diskutiert. In der Donaustadt vertiefen sich der Kardinal und ein österreichische Schriftsteller in die brennende Frage des Zugangs von Kunst und Kirche zum Menschen.

Wer nach der Diskussion so klug ist wie zuvor, kann sich anschließend den Film „Jesus, du weißt“ anschauen.

Im 18. Bezirk versammeln sich eine Grüne Klubobfrau aus der zweiten politischen Reihe, der Klubobmann der Jörg-Haider-Partei und der Vorstand der Wiener Philharmoniker unter der Leitung des Chefredakteurs einer Wiener Tageszeitung.

Sie werden sich mit vereinten Geisteskräften der Frage stellen: „Die Spiritualität boomt – hinkt die Kirche nach?“ Angesichts der 2000 Veranstaltungen der Langen Nacht und der Kompetenz der Diskussionsteilnehmer ist das wohl eine rhetorische Frage.

Sogar der eher kirchenfeindlichen Wiener Tageszeitung „Die Presse“ fällt es auf: Das spirituelle Angebot steche nicht so bunt ins Auge. Es sei aber auch vorhanden.

Am Beginn wird es im Stephansdom eine ökumenische Gebetsstunde mit den Vertretern aller teilnehmenden christlichen Gemeinschaften geben.

Die vom Opus Dei bediente Peterskirche stellt sich in eine – kirchenpolitisch unkluge? – Außenseiterrolle. Dort werden der Rosenkranz gebetet und Meditationstexte des hl. Josefmaria Escriva de Balaguer verlesen.

Die katholische Frauenbewegung tritt unter dem mitreißenden Titel „Lust statt Frust – Frauengedanken zum guten Leben“ auf. Von 19 Uhr bis 22 Uhr veranstaltet sie in der Ruprechtskirche ein ‘Politisches Nachtgebet’.

Der Anlaß steht in der Tradition der verstorbenen Gott-ist-tot-Theologin Dorothee Sölle. Mit Texten der umstrittenen Protestantin will man gesellschaftliches Unrecht aufzeigen und Frauen Mut zur Gestaltung eines guten Lebens im Sinne der 70er Jahre machen.

Die ersten ‘Politischen Nachtgebete’ führten Atheisten vor fast vierzig Jahren in Köln durch. Diese Anlässe sind inzwischen aus der Mode gekommen.

Der liberale Kölner Kardinal Joseph Frings untersagte die Benutzung einer katholischen Kirche für solche Manifestationen.

Wem das alles zu kopflastig ist, kann sich auf die Suche nach der „Frömmigkeit“ machen, „die im Wein steckt“. Sie ist in der Weinbergkirche – und nicht nur dort – zu finden. Dazu gibt es Wiener Lieder.

Ob den Veranstaltern aufgefallen ist, daß der Name der Großveranstaltung „Lange Nacht der Kirchen“ zweideutig ist?
      
3 Lesermeinungen
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#3   Josef Gadient   16:16:02 | Dienstag, 3. Januar 2006
Die Kirche hinkt mit solchen Veranstaltungen
talwärts und bei der boomenden Spiritualität stellt sich die Frage, ob der Geist von „oben“ oder von „unten kommt? Wenn die Kirche meint, sie könne durch Unterhaltung „nachhaltige“ röm. kath. Gläubige gewinnen, dann ist sie dem Teufel auf den Leim gekrochen!
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#2   Doritta   23:53:09 | Samstag, 11. Juni 2005
Nichts mehr anzubieten?
Die Kirche hat sehr wohl etwas anzubieten, man muß es
eben für sich persönlich entdecken. Auf jeden Fall war das Programm dieser Nacht sehr beeindruckend und dem Image der Kirche sicher zuträglich.
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#1   Yersinia   18:02:38 | Freitag, 10. Juni 2005
so, so, „Atheisten“ führten „politische Nachtgebete“ durch
wohl eher tiefgläübige Menschen, die hofften, einen Vorgeschmack des Reiches Gottes auf Erden zu verwirklichen; immerhin können ChristInnen nicht zu ungerechter Politik schweigen – aber jeder und jedem nach individuellem Plaisier.
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