11:18:02 | Montag, 13. Juni 2005
Pater David-Maria A. Jaeger OFM äußerte sich vor kurzem über die zwielichtige Rolle der israelischen Regierung bei der Absetzung des griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem.
(kreuz.net, Jerusalem) Die
Absetzung des griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, Irenaios I.,
hat in den letzten Wochen viel Staub aufgewirbelt.
Doch die Lage hat sich noch nicht beruhigt. Denn die
israelische Regierung hat die
Entscheidung der panorthodoxen Synode in Istanbul – Konstantinopel – nicht
ratifiziert.
Es gibt nämlich ein ungeschriebenes Gesetz aus der Zeit der Ottomanen – Türken –, wonach
ein Wechsel auf dem griechisch-orthodoxen Patriarchenthron zu Jerusalem von den jeweiligen Besatzungsmächten
des Heiligen Landes bestätigt werden muß.
Die katholische Nachrichtenagentur ‘AsiaNews’ sprach dazu
mit Pater David-Maria A. Jaeger OFM. Pater Jaeger ist ein Franziskaner und gehört zur Provinz des Heiligen
Landes.
Er gilt als der führende katholische Experte in Fragen des Verhältnisses zwischen Kirche und
Staat in Israel. Pater Jaeger ist israelischer Staatsbürger und in Tel Aviv aufgewachsen. Er ist ein
Konvertit aus dem Judentum.
„Die israelische Regierung hat in einem unerhörten Schritt bewaffnete Polizisten
in das griechisch-orthodoxe Kloster der Altstadt von Jerusalem geschickt, um dem abgesetzten Patriarchen
Irenaios I. zu helfen, in seinen patriarchalen Wohngemächern bleiben zu können“, erklärt der Franziskaner.
Damit stelle sich die israelische Regierung gegen den Heiligen Synod von Jerusalem, gegen praktisch alle
Priester und Gläubigen des Patriarchates sowie gegen die orthodoxen Patriarchen der ganzen Welt.
„Es
scheint unmöglich, daß ein Staat – jeder demokratische Staat – im 21. Jahrhundert immer noch ernsthaft
den Anspruch stellt, zu entscheiden, wer Bischof einer christlichen Gemeinschaft ist oder nicht ist“,
erklärt Pater Jaeger: „Das steht im völligen Widerspruch zum israelischen Grundgesetz und zur Unabhängigkeitserklärung,
die allen die völlige Religionsfreiheit verspricht.“
Der Jerusalemer Franziskaner wirft einen interessanten
Blick in die Geschichte der Beziehungen zwischen Staat und Kirche im Heiligen Land.
Während des oströmischen –
byzantinischen Reiches – übte der christliche Kaiser eine Art Oberherrschaft über die Kirche aus.
Diese
Situation – die man irgendwie noch hätte verteidigen können – sei völlig ins Groteske abgeglitten als
die moslemischen Türken nach dem Fall von Konstantinopel im Jahre 1453 eine ähnliche Herrschaft über
die Kirche, besonders über die Ernennung von Bischöfen, forderten.
Die Türken verlangten damit – so
Pater Jaeger – die gleiche oder sogar eine noch größere Kontrolle über die Kirche als jene, die von
den ehemaligen christlichen Kaisern ausgeübt wurde.
Diese Situation wurde auch dem Heilige Land aufgezwungen,
als die Türken das Gebiet einige Jahrzehnte später ebenfalls eroberten.
Das war in der Zeit nach den
Beschlüssen des Unionskonzils von Florenz (1439). Der orthodoxe Patriarch von Jerusalem stand damals –
wenigstens theoretisch – in Gemeinschaft mit Rom.
Eine solche Union wollten die Türken um keinen Preis.
Wie vorher in Konstantinopel bemühten sie sich um die Einsetzung eines romfeindlichen neuen Patriarchen.
Dazu importierten sie schismatische Mönche aus Griechenland und verdrängten den einheimischen Klerus.
Die importierten Mönche gründeten die ‘Hagiotaphische Bruderschaft’ – die Bruderschaft vom Heiligen
Grab –, die bis heute die Ämter und die Besitztümer des Patriarchates kontrolliert.
Auch die Prinzipien
des Caesaropapismus – der Herrschaft des Staates über die Kirche – blieben erhalten.
Die Ernennung eines
neuen Patriarchen war abhängig vom Willen der Regierung. Als rechtliche Struktur sei das griechisch-orthodoxe
Patriarchat von Jerusalem eine Erfindung des ottomanischen Rechtes, so Pater Jaeger.
Von 1948 bis 1967
wurde das griechisch-orthodoxe Patriarchat in der Jerusalemer Altstadt von Jordanien kontrolliert. Jordanien
beanspruchte für sich die Rechte des ehemaligen ottomanischen Reiches.
Im Juni 1967 eroberte Israel
die Jerusalemer Altstadt. Der Judenstaat hat formell nie einen politischen Anspruch über das griechisch-orthodoxe
Patriarchat erhoben. Er hat auch keine entsprechenden Gesetze erlassen.
Nichtsdestotrotz behaupten einflußreiche
Kräfte in der israelischen Gesellschaft – so der Franziskaner –, daß der Staat Israel der Erbe des ottomanischen
Reiches sei.
Der gegenwärtige Polizeieinsatz sei ein Beweis dafür, daß dieser Theorie nachgelebt werde.
Man wolle beweisen, daß der Staat das letzte Wort darüber habe, wer Patriarch sei und wer nicht:
„Wäre
das Oberste Israelische Gericht mit einem Einspruch konfrontiert, der auf den internationalen Gesetzen
zur Religionsfreiheit und auf den von Israel selber niedergelegten Werten basiert, hätte es große Schwierigkeiten,
das bewaffnete Eindringen der Polizei in das griechisch-orthodoxe Kloster gutzuheißen. Dieser Einsatz
ist darauf angelegt, der griechisch-orthodoxen Kirche einen Patriarchen aufzuzwingen, den dort niemand
will und der bereits mit Nachhall abgesetzt wurde.“
Die Wurzel des Problems um das griechisch-orthodoxe
Patriarchat von Jerusalem sieht Pater Jaeger in der griechischstämmigen ‘Bruderschaft vom Heiligen Grab’,
die über den arabischen niederen Klerus und die örtlichen Gläubigen schaltet und waltet.
Ein Auswuchs
daraus sei, daß die griechischen Patriarchen – schon vor Irenaios I. – damit begannen, kirchliche Immobilien
zu verschachern, ohne offenzulegen, was mit dem Geld geschah.
Arabische Gläubige hätten solche Verkäufe
verschiedentlich vor israelische Gerichte gezogen, um zu zeigen, daß der Patriarch und die Bischöfe
das Kirchengut nur verwalten und damit nicht umspringen können, als ob es ihr Privatbesitz wäre.
Bisher
fanden sie aber bei den Gerichten kein Gehör.
Pater Jaeger erklärt, daß Irenaios I. in diesem unverantwortlichen
Immobilienschacher eine Besserung versprochen habe. Es blieb bei Worten: „Kurz darauf verkaufte er einige
der wichtigsten Besitztümer des Patriarchates gleich am Eingang in die Altstadt.“
Jetzt habe der Zorn
nicht nur die arabischen Gläubigen und Priester, sondern die Griechen selber ergriffen: „Letztere verstanden,
daß ein schnelles Handeln gefragt war, weil plötzlich die gesamte ‘Bruderschaft vom Heiligen Grab’ in
Gefahr war.“
Pater Jaeger erinnert an die Ereignisse von 1899, als sich die arabischen Priester und Gläubigen
des Patriarchates von Antiochia in Syrien erhoben und den griechischstämmigen Klerus entmachteten.
Welche
Rolle spielen die Katholiken?
Die Katholiken seien in die Zustände nicht direkt involviert und auch
nicht traurig, daß Irenaios I. abgesetzt wurde: „Seine Amtszeit war von Anfang an von einem Klima der
Feindschaft, Aggression und Gewalt gegen die katholische Kirche geprägt“, erklärt der Franziskaner:
„Am 27. September 2004 leitete Patriarch Irenaios I. persönlich einen brutalen Angriff gegen die Katholiken
in der Grabeskirche. Der Überfall wurde gefilmt.“
Schläge bekamen damals auch die herbeigeeilten israelischen
Polizisten, welche die rasenden griechisch-orthodoxen Mönche zu stoppen versuchten. Mehrere Ordnungshüter
wurden verletzt.
„Es ist darum ironisch – so Pater Jaeger –, daß sich die Polizei jetzt dazu hergibt,
den abgesetzten Patriarchen im alten ottomanischen Stil in seinem Amt zu erhalten.“
Man könne sich vorstellen,
daß die Polizei mit diesem Befehl, den sie von den Politikern erhalten hat, nicht besonders glücklich
sei.
„Unglaublich sind dagegen die Motive der Politiker für diese Befehle“, so der Franziskaner abschließend:
„Wie paßt dieser bewaffnete Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht einer christlichen Gemeinschaft mit
dem Selbstverständnis Israels als ‘jüdischer und demokratischer Staat’?“
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