10:59:41 | Mittwoch, 15. Juni 2005
„Ganz und gar nicht.“ Aus dem letzten Vortrag von Kardinal Ratzinger anläßlich einer Preisverleihung in Subiaco bei Rom am Vorabend des Todes von Papst Johannes Paul II.
(kreuz.net) Von Anfang an hat sich das Christentum als die Religion des Logos – des Wortes – begriffen:
als eine Religion also, die der Vernunft folgt.
Das junge Christentum fand seine Vorläufer nicht so
sehr in den anderen Religionen als in der klassischen philosophischen Aufklärung, die den Weg von vielen
Traditionen befreite, um sich der Suche nach der Wahrheit, dem Guten und dem einzigen Gott, der über
allen Götzen steht, zuzuwenden.
Als universale Religion der Verfolgten – jenseits der verschiedenen
Staaten und Völker – verweigerte das Christentum dem Staat das Recht, die Religion als ein Teil des Staatswesens
zu betrachten. Auf diese Weise hat es die Glaubensfreiheit gefordert.
Es definierte alle Menschen unterschiedslos
als Geschöpfe und Abbilder Gottes und verkündigte prinzipiell – wenn auch in den notwendigen Grenzen
der sozialen Ordnung – deren gleiche Würde.
In diesem Sinn ist die Aufklärung christlichen Ursprungs
und ist nicht zufälligerweise und ausschließlich im Umfeld des christlichen Glaubens geboren.
In späteren
Zeiten wurde das Christentum leider und gegen seine Natur zu einer Tradition und zu einer Staatsreligion.
Obwohl die Philosophie als Suche nach der Vernünftigkeit – auch nach der Vernünftigkeit des Glaubens –
immer ein Teil des Christentums gewesen ist, wurde ihre Stimme mit der Zeit allzusehr gezähmt.
Es war
und ist das Verdienst der Aufklärung, diesen ursprünglichen Wert des Christentums wiederentdeckt und
der Vernunft ihre eigene Stimme wiedergegeben zu haben.
In der „Konstitution über die Kirche in der
modernen Welt“ hat das Zweite Vatikanische Konzil die tiefe Übereinstimmung zwischen dem Christentum
und der Aufklärung erneut bekräftigt und versucht, zu einer echten Versöhnung zwischen der Kirche und
der Modernität zu kommen. Diese Versöhnung ist ein großes Gut, das von beiden Seiten bewahrt werden
muß.
Das setzt aber voraus, daß beide Seiten bereit sind, über sich nachzudenken und sich zu korrigieren.
Das Christentum muß sich immer daran erinnern, daß es die Religion des Logos – des Wortes – ist. Der
Logos ist der Glaube an den „Creator spiritus“, den Schöpfergeist, von dem alles Wirkliche stammt.
Das
sollte heute die philosophische Kraft des Christentums sein, angesichts der Frage, ob die Welt aus dem
Unvernünftigen hervorgegangen und die Vernunft daher nichts Anderes sei als ein vielleicht sogar schädliches
„Unterprodukt“ der Entwicklung der Welt, oder ob die Welt von der Vernunft herstammt und diese folglich
ihr Kriterium und Ziel ist.
Der christliche Glaube neigt dem zweiten Standpunkt zu. Dieser besitzt von
einem rein philosophischen Standpunkt gute Karten, obwohl die erste Meinung heute von vielen als die einzig
„vernünftige“ und moderne betrachtet wird.
Aber eine Vernunft, die aus dem Irrationalen hervorgeht und
schlußendlich selber irrational ist, kann keine Lösung unserer Probleme darstellen. Nur die schöpferische
Vernunft, die sich im gekreuzigten Gott als Liebe geoffenbart hat, vermag uns in Wahrheit den Weg zu weisen.
Im so notwendigen Dialog zwischen den Ungläubigen und den Katholiken, müssen wir Christen dieser Grundlinie
treu bleiben: einen Glauben zu leben, der vom Logos und von der schöpferischen Vernunft herkommt und
der deshalb auch für alles offen ist, was wahrhaft vernünftig ist.
An diesem Punkt möchte ich als
Glaubender den Ungläubigen einen Vorschlag machen.
In der Zeit der Aufklärung versuchte man, die moralischen
Grundnormen so zu definieren, daß sie Gültigkeit hätten „etsi Deus non daretur“ – „auch im Fall, daß
Gott nicht existieren würde“.
Im Widerstreit der Konfessionen und in der damaligen Krise des Gottesbildes
bemühte man sich, die Grundwerte der Moral jenseits dieser Widersprüche zu bewahren und sie unabhängig
von den vielfältigen Trennungen und Ungewißheiten der verschiedenen Philosophien und Konfessionen zu
begründen.
Auf diese Weise wollte man die Grundlagen des Zusammenlebens und – allgemeiner – die Fundamente
der Menschheit, retten.
Das schien in dieser Epoche möglich zu sein, weil die Grundüberzeugungen, die
aus dem Christentum hervorgegangen waren, damals größtenteils Bestand hatten und unleugbar erschienen.
Das ist heute nicht mehr so.
Die Suche nach einer Gewißheit, die jenseits aller Unterschiede Bestand
hat, ist gescheitert. Nicht einmal die wahrhaft großartige Anstrengung des Philosophen Immanuel Kant
(† 1804) war in der Lage, eine solche gemeinsame Gewißheit zu schaffen.
Kant leugnete, daß Gott im
Bereich der
reinen Vernunft erkennbar sei. Gleichzeitig dachte er Gott, die Freiheit und die Unsterblichkeit
als Postulate der
praktischen Vernunft. Ohne die praktische Vernunft war für ihn kein kohärentes moralisches
Handeln möglich.
Läßt uns die gegenwärtige Lage der Welt nicht von neuem erahnen, daß Immanuel Kant
vielleicht doch recht gehabt hat?
Ich möchte es mit anderen Worten sagen.
Der bis zum bitteren Ende
durchgeführte Versuch, die menschlichen Angelegenheiten völlig ohne Gott zu gestalten, führt uns mehr
und mehr an den Rand des Abgrundes – hin auf eine völlige Verdrängung des Menschen.
Wir müssen darum
das Axiom der Aufklärer umkehren und sagen:
Auch wer in seinem Leben nicht in der Lage ist, die Existenz
Gottes anzunehmen, sollte dennoch versuchen sein Leben so auszurichten „veluti si Deus daretur“ – „als
ob es Gott gäbe“.
Das ist der Rat, den schon der Philosoph und Theologe Blaise Pascal († 1662) seinen
ungläubigen Freunden gab. Das ist der Ratschlag, den wir auch heute unseren ungläubigen Freunden geben
wollen.
Auf diese Weise wird niemand in seiner Freiheit eingeschränkt.
Aber gleichzeitig finden alle
unsere Angelegenheiten einen Halt und ein Kriterium, welches sie dringend benötigen.
Aus dem Vortrag
von Joseph Kardinal Ratzinger anläßlich der Verleihung des „Preises des Heiligen Benedikt für die Förderung
des Lebens und der Familie in Europa“ in Subiaco bei Rom am Vorabend des Todes von Papst Johannes Paul
II.Große Worte und WerteDer Titanenkampf um EuropaWen beleidigen die christlichen Wurzeln Europas?
Gehört die Türkei in die Europäische Union?Hat die Menschheit den Stein der Weisen entdeckt?Zweimal:
nein!Ist die Aufklärung kurzerhand abzulehnen?Warum Benedikt?
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