15:59:44 | Mittwoch, 15. Juni 2005
„Wer wie ich ein Weltbild hat, wo es keinen lieben Gott gibt und wo der Mensch Herr seiner selbst ist, der muß die Situationen eben lösen, wie sie kommen“. Ein Streitgespräch.
(kreuz.net, Bern) Die abtreibungsfreundliche ‘Neue Zürcher Zeitung’ veröffentlichte vor zehn Tagen ein
Streitgespräch zwischen zwei Politikern zur Frage der Designer-Babys.
Designer-Babies sind Kinder, die
im Labor im Hinblick auf bestimmte genetische Eigenschaften produziert und zur Geburt zugelassen werden.
Mit Hilfe von biotechnischen Verfahren lassen sich Kinder bereits im Reagenzglas nach bestimmten Kriterien
aussondern. Besitzen sie das gewünschte Erbgut, dann bekommen sie eine Mutter. Behinderte werden weggeworfen.
Vor vier Monaten wurde
das erste eidgenössische Designer-Baby geboren. Das Mädchen wurde in einem Biotech-Labor
in Belgien produziert. Der Ausflug ins Ausland war notwendig, weil die Zeugung von „Kindern nach Maß“
in der Schweiz verboten ist.
Doch der Schweizer Nationalrat – die größere Parlamentskammer – will an
dem Verbot rütteln. Die christdemokratische Nationalrätin Kathy Riklin und der sozialdemokratische Nationalrat
Franco Cavalli führten in der ‘Neuen Zürcher Zeitung’ ein Streitgespräch.
Franco Cavalli (62) sitzt
seit 1995 als Nationalrat der Tessiner Sozialisten im Parlament in Bern. Der für seine linksextremen
Ansichten bekannte Politiker ist ein bekannter Krebsspezialist in Bellinzona.
Cavalli sprach zugunsten
der Zulassung der Präimplantationsdiagnose.
Kathy Riklin (52) ist Christdemokratin. Sie arbeitet als
Gymnasiallehrerin und Schulleiterin an der Züricher Maturitätsschule für Erwachsene. Frau Riklin sitzt
seit 1999 im Nationalrat.
In der parlamentarischen Vorberatung hat sie sich gegen eine Zulassung der
Präimplantationsdiagnose ausgesprochen. Beim
Referendum zur Forschung mit Kinderzellen kämpfte sie dagegen
auf der Seite der Kinderschlächter.
Kathy Riklin argumentiert im Interview mit Emotionen. Sie sei von
der Nachricht des ersten Designer-Babys „erschüttert“ gewesen: „Man hat zwar immer davon gesprochen,
aber es war mir nicht bewußt, daß es so rasch geht. Wir bewegen uns darauf zu, daß man Menschen mit
gewissen Eigenschaften und Fähigkeiten richtiggehend produziert.“
Franco Cavalli meint dagegen, daß
er zwar vom ersten Schweizer Designer-Baby nicht begeistert war. Doch ein Skandal sei das nicht: „Diese
Möglichkeiten sind heute einfach da. Wir können sie nicht aus der Welt schaffen.“
„Doch dies weckt
sofort Wünsche nach noch mehr“ – kontert die CVP- Politikerin.
Frau Riklin weist daraufhin, daß man
genetische Defekte auch akzeptieren müsse: „Die einen haben eine krumme Nase, die nächsten haben die
falsche Haarfarbe. Die Grenzen zu ziehen und zu fragen, was man darf und was nicht, ist sehr schwierig.“
Als das Parlament 1998 die Fortpflanzungsmedizin beraten habe – erinnert sich die Nationalrätin – sei
versprochen worden, daß die Präimplantationsdiagnostik verboten bleibe.
Am morgigen 16. Juni kommt
bereits der dritte Versuch ins Parlament, dieses Verbot zu umgehen. „Wie wollen wir dem Volk glaubhaft
machen, daß wir unsere Versprechen halten?
„Wenn man ein Weltbild hat wie ich, wo es keinen lieben Gott
gibt und der Mensch Herr seiner selbst ist, dann muß man eben die Situationen lösen, wie sie kommen“ –
wehrt Nationalrat Cavalli ab.
Er sei auch nicht bereit zu sagen, daß aktive Sterbehilfe immer gut sei
und man sie nie bestrafen solle. Aber es gebe Fälle, in denen sie angebracht sei.
Das gilt nach Cavalli
auch für die Präimplantationsdiagnostik: „Ich würde einer positiven Auslese nie zustimmen. Man darf
Embryonen nicht dahingehend auswählen, daß das Kind braune Augen hat oder besser Eishockey spielt.“
Aber – relativiert er sogleich – daß man versuche mit der Präimplantationsdiagnostik Leid zu vermeiden,
scheine ihm vernünftig zu sein.
Es gebe bei der Präimplantationsdiagnostik auch keine prinzipiellen
Unterschiede zur Abtreibung:
„Sie wollen Embryos vor der Implantation nicht auf Krankheiten untersuchen
lassen. Aber wenn sich nach vier Monaten Schwangerschaft herausstellt, daß der Fötus krank ist, sind
Sie nicht gegen eine Abtreibung?“
Die Christdemokratin weicht einer direkten Antwort aus.
Sie weist
lediglich darauf hin, daß es um die Frage gehe, welche Krankheiten man wegselektionieren dürfe und welche
nicht. Derzeit denke man an einige wenige Ausnahmefälle wie Erbkrankheiten:
„Es gibt aber auch Fälle,
in denen das Kind nicht so herauskommt, wie Eltern das gerne möchten. Werden solche Leiden auch plötzlich
wegselektioniert?“
Die moderne Fortpflanzungsmedizin gleiche heute, nach dem Dammbruch der In-vitro-Fertilisation
einem Selbstbedienungsladen – erklärt Frau Riklin:
„Viele Ehepaare warten, bis die Frau 45 ist, bevor
sie ein Kind haben wollen. Sie sind dann auf die Anwendung modernster Methoden angewiesen und geraten
so in eine ethische Zwickmühle.“
Genosse Cavalli sieht darin kein Problem:
„Jedes Paar soll für sich
entscheiden, ob es der Natur freien Lauf lassen oder die Geschichte ein Stück weit selbst in die Hand
nehmen will.“
Für manche Menschen sei es ein Tabu – weist die Nationalrätin in ihrem Gegenargument
von sich auf andere –, daß man mit Embryos hantiert oder sie sogar vernichtet:
„Die Frage ist doch,
wo und wann das menschliche Leben beginnt, und die Antworten darauf werden immer schwieriger.“
„Beim
sicheren Vorhandensein von Mißbildungen oder genetischen Krankheiten war die Abtreibung schon vor der
Fristenlösung erlaubt“ – bringt Cavelli sein altes Argument wieder in die Diskussion.
Er sehe nicht
ein, wieso eine Abtreibung nicht bereits in einem früheren Stadium erlaubt sein sollte.
Die Nationalrätin
gibt sich wieder emotional: Es mache ihr Angst, daß immer mehr Türen geöffnet würden: „Wir gelangen
in Sphären, von wo wir nicht mehr zurückkönnen.“
Das führe eines Tages noch dazu, daß man bestraft
oder gesellschaftlich geächtet werde, wenn man nicht das perfekte Kind zur Welt bringt.
Die Christdemokratin
findet ein eigenwilliges Argument:
„Wenn das Gesetz in zehn Jahren gekommen wäre, hätte ich das eventuell
verstanden.“
Aber jetzt schicke sich das Parlament an – Frau Riklin wiederholt sich – das Versprechen
zu brechen, das man beim Fortpflanzungsmedizingesetz abgegeben habe:
„Dabei wissen wir, daß ein Großteil
der Menschen diese Technik ablehnt.“ Sie habe eine Umfrage gesehen, wonach 80 Prozent der Menschen erklärten,
daß sie gegen Designer-Babys sind.
Cavalli bekennt daraufhin freimütig, daß das Parlament schon viel
versprochen und anschließend nicht gehalten habe.
Der Sozialist glaubt nicht, daß die Leute gegen die
Präimplantationsdiagnostik sind. Auch die Kinderabtreibung ohne Begründungen sei vom Volk anstandslos
akzeptiert worden. Schließlich habe man vermutet, daß die Leute gegen die Stammzellenforschung seien.
Doch auch dafür habe sich eine Mehrheit ausgesprochen.
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