Gentechnik
Wer keinen Gott kennt, muß selber wursteln
„Wer wie ich ein Weltbild hat, wo es keinen lieben Gott gibt und wo der Mensch Herr seiner selbst ist, der muß die Situationen eben lösen, wie sie kommen“. Ein Streitgespräch.
(kreuz.net, Bern) Die abtreibungsfreundliche ‘Neue Zürcher Zeitung’ veröffentlichte vor zehn Tagen ein Streitgespräch zwischen zwei Politikern zur Frage der Designer-Babys.

Designer-Babies sind Kinder, die im Labor im Hinblick auf bestimmte genetische Eigenschaften produziert und zur Geburt zugelassen werden.

Mit Hilfe von biotechnischen Verfahren lassen sich Kinder bereits im Reagenzglas nach bestimmten Kriterien aussondern. Besitzen sie das gewünschte Erbgut, dann bekommen sie eine Mutter. Behinderte werden weggeworfen.

Vor vier Monaten wurde das erste eidgenössische Designer-Baby geboren. Das Mädchen wurde in einem Biotech-Labor in Belgien produziert. Der Ausflug ins Ausland war notwendig, weil die Zeugung von „Kindern nach Maß“ in der Schweiz verboten ist.

Doch der Schweizer Nationalrat – die größere Parlamentskammer – will an dem Verbot rütteln. Die christdemokratische Nationalrätin Kathy Riklin und der sozialdemokratische Nationalrat Franco Cavalli führten in der ‘Neuen Zürcher Zeitung’ ein Streitgespräch.

Franco Cavalli (62) sitzt seit 1995 als Nationalrat der Tessiner Sozialisten im Parlament in Bern. Der für seine linksextremen Ansichten bekannte Politiker ist ein bekannter Krebsspezialist in Bellinzona.

Cavalli sprach zugunsten der Zulassung der Präimplantationsdiagnose.

Kathy Riklin (52) ist Christdemokratin. Sie arbeitet als Gymnasiallehrerin und Schulleiterin an der Züricher Maturitätsschule für Erwachsene. Frau Riklin sitzt seit 1999 im Nationalrat.

In der parlamentarischen Vorberatung hat sie sich gegen eine Zulassung der Präimplantationsdiagnose ausgesprochen. Beim Referendum zur Forschung mit Kinderzellen kämpfte sie dagegen auf der Seite der Kinderschlächter.

Kathy Riklin argumentiert im Interview mit Emotionen. Sie sei von der Nachricht des ersten Designer-Babys „erschüttert“ gewesen: „Man hat zwar immer davon gesprochen, aber es war mir nicht bewußt, daß es so rasch geht. Wir bewegen uns darauf zu, daß man Menschen mit gewissen Eigenschaften und Fähigkeiten richtiggehend produziert.“

Franco Cavalli meint dagegen, daß er zwar vom ersten Schweizer Designer-Baby nicht begeistert war. Doch ein Skandal sei das nicht: „Diese Möglichkeiten sind heute einfach da. Wir können sie nicht aus der Welt schaffen.“

„Doch dies weckt sofort Wünsche nach noch mehr“ – kontert die CVP- Politikerin.

Frau Riklin weist daraufhin, daß man genetische Defekte auch akzeptieren müsse: „Die einen haben eine krumme Nase, die nächsten haben die falsche Haarfarbe. Die Grenzen zu ziehen und zu fragen, was man darf und was nicht, ist sehr schwierig.“

Als das Parlament 1998 die Fortpflanzungsmedizin beraten habe – erinnert sich die Nationalrätin – sei versprochen worden, daß die Präimplantationsdiagnostik verboten bleibe.

Am morgigen 16. Juni kommt bereits der dritte Versuch ins Parlament, dieses Verbot zu umgehen. „Wie wollen wir dem Volk glaubhaft machen, daß wir unsere Versprechen halten?

„Wenn man ein Weltbild hat wie ich, wo es keinen lieben Gott gibt und der Mensch Herr seiner selbst ist, dann muß man eben die Situationen lösen, wie sie kommen“ – wehrt Nationalrat Cavalli ab.

Er sei auch nicht bereit zu sagen, daß aktive Sterbehilfe immer gut sei und man sie nie bestrafen solle. Aber es gebe Fälle, in denen sie angebracht sei.

Das gilt nach Cavalli auch für die Präimplantationsdiagnostik: „Ich würde einer positiven Auslese nie zustimmen. Man darf Embryonen nicht dahingehend auswählen, daß das Kind braune Augen hat oder besser Eishockey spielt.“

Aber – relativiert er sogleich – daß man versuche mit der Präimplantationsdiagnostik Leid zu vermeiden, scheine ihm vernünftig zu sein.

Es gebe bei der Präimplantationsdiagnostik auch keine prinzipiellen Unterschiede zur Abtreibung:

„Sie wollen Embryos vor der Implantation nicht auf Krankheiten untersuchen lassen. Aber wenn sich nach vier Monaten Schwangerschaft herausstellt, daß der Fötus krank ist, sind Sie nicht gegen eine Abtreibung?“

Die Christdemokratin weicht einer direkten Antwort aus.

Sie weist lediglich darauf hin, daß es um die Frage gehe, welche Krankheiten man wegselektionieren dürfe und welche nicht. Derzeit denke man an einige wenige Ausnahmefälle wie Erbkrankheiten:

„Es gibt aber auch Fälle, in denen das Kind nicht so herauskommt, wie Eltern das gerne möchten. Werden solche Leiden auch plötzlich wegselektioniert?“

Die moderne Fortpflanzungsmedizin gleiche heute, nach dem Dammbruch der In-vitro-Fertilisation einem Selbstbedienungsladen – erklärt Frau Riklin:

„Viele Ehepaare warten, bis die Frau 45 ist, bevor sie ein Kind haben wollen. Sie sind dann auf die Anwendung modernster Methoden angewiesen und geraten so in eine ethische Zwickmühle.“

Genosse Cavalli sieht darin kein Problem:

„Jedes Paar soll für sich entscheiden, ob es der Natur freien Lauf lassen oder die Geschichte ein Stück weit selbst in die Hand nehmen will.“

Für manche Menschen sei es ein Tabu – weist die Nationalrätin in ihrem Gegenargument von sich auf andere –, daß man mit Embryos hantiert oder sie sogar vernichtet:

„Die Frage ist doch, wo und wann das menschliche Leben beginnt, und die Antworten darauf werden immer schwieriger.“

„Beim sicheren Vorhandensein von Mißbildungen oder genetischen Krankheiten war die Abtreibung schon vor der Fristenlösung erlaubt“ – bringt Cavelli sein altes Argument wieder in die Diskussion.

Er sehe nicht ein, wieso eine Abtreibung nicht bereits in einem früheren Stadium erlaubt sein sollte.

Die Nationalrätin gibt sich wieder emotional: Es mache ihr Angst, daß immer mehr Türen geöffnet würden: „Wir gelangen in Sphären, von wo wir nicht mehr zurückkönnen.“

Das führe eines Tages noch dazu, daß man bestraft oder gesellschaftlich geächtet werde, wenn man nicht das perfekte Kind zur Welt bringt.

Die Christdemokratin findet ein eigenwilliges Argument:

„Wenn das Gesetz in zehn Jahren gekommen wäre, hätte ich das eventuell verstanden.“

Aber jetzt schicke sich das Parlament an – Frau Riklin wiederholt sich – das Versprechen zu brechen, das man beim Fortpflanzungsmedizingesetz abgegeben habe:

„Dabei wissen wir, daß ein Großteil der Menschen diese Technik ablehnt.“ Sie habe eine Umfrage gesehen, wonach 80 Prozent der Menschen erklärten, daß sie gegen Designer-Babys sind.

Cavalli bekennt daraufhin freimütig, daß das Parlament schon viel versprochen und anschließend nicht gehalten habe.

Der Sozialist glaubt nicht, daß die Leute gegen die Präimplantationsdiagnostik sind. Auch die Kinderabtreibung ohne Begründungen sei vom Volk anstandslos akzeptiert worden. Schließlich habe man vermutet, daß die Leute gegen die Stammzellenforschung seien.

Doch auch dafür habe sich eine Mehrheit ausgesprochen.
      
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