[ « 453 454 455 456 457 » ]
Donnerstag, 23. Juni 2005 15:15
Neunjährige Dämmerung
Täglich wurde der inzwischen 44-jährige Donald Herbert gewaschen, umgezogen, ernährt, in den Garten geschoben. Am Wochenende kam Besuch: Herberts Frau und – öfter noch – seine Mutter. Seit neun Jahren. Herbert sagte nie danke: Er dämmerte in einem vegetativen Zustand vor sich hin.
Donald Herbert
Donald Herbert
(kreuz.net, Neu York) Der ehemalige Feuerwehrmann verbrachte sein Leben seit neun Jahren im katholischen Father-Baker-Pflegeheim bei Buffalo, New York. Das berichtete Ende Mai das deutsche Boulevardmagazin „Der Spiegel“.

Herberts Tragik begann am 29. Dezember 1995. Der Feuerwehrmann hatte sich gerade in ein brennendes Einfamilienhaus vorgekämpft. Da stürzte das Dach ein. Herbert blieb unter den Trümmern liegen, minutenlang und ohne Sauerstoff. Als man ihn raustrug, war er bewußtlos.

Seither befand sich Herbert in einem Zustand, den die Ärzte als „beinahe vegetativ“ bezeichneten. Sein Gehirn war wie ausgeschaltet. Er hatte keinen Kontakt zum eigenen Körper oder zu seiner Umwelt.

Vor dem Unfall war Herbert ein kraftvoller, sportlicher Mann. Davon blieb nichts übrig. Er war so gut wie blind, sprach nichts. Wenn man ihn berührte, zeigte er keine Reaktion. Es gab praktisch keine Anzeichen von Bewußtsein.

Ein klassisches Opfer für die Euthanasie, wie Terri Schiavo.

Herbert lebte in einem fernen Dämmerland, für niemanden zu erreichen.

Nach zweieinhalb Monaten Koma war Herbert einmal kurz aufgewacht. Das war eine kleine Sensation. Man begann sofort mit Sprach- und Bewegungstherapie. Sogar das Fernsehen kam und zeigte wie Herbert, gestützt auf einen Pfleger, langsam den Krankenhausflur entlangschlich.

Keiner weiß, warum er aufwachte, auch nicht, warum er den Ärzten nach ein paar Wochen wieder entglitt. Herbert verlernte das Laufen. Er wurde immer apathischer. Schließlich fiel er in einen tiefen jahrelangen Dämmerzustand.

Seine Familie brachte ihn in ein Pflegeheim. In den folgenden Jahre blieb sein Zustand unverändert.

Dann kam der letzte Samstag im April. Es war gegen 14.00 Uhr. Man hatte ihn gerade für einen Ausflug in den Garten hergerichtet. Die Pflegerin stand am Fenster. Plötzlich hörte sie hinter sich eine Stimme: „Ich will meine Frau sprechen.“

Bei Donald Herbert war es wieder Tag geworden. Er war aufgewacht, als käme er vom Mittagsschlaf.

„Wie lange war ich weg?“, fragte er seine Frau, als sie im Pflegeheim eintraf: „Drei Monate?“

Herbert erinnerte sich an seine Freunde und an den ehemaligen Chef der Feuerwehr. Schwierigkeiten hatte er mit dem 13jährigen Jungen, der ihn umarmte: Nicholas, sein jüngster Sohn. Ihn hatte er das letzte Mal als Vierjährigen wahrgenommen.

Doktor Jamil Ahmed, der Arzt, der den Patienten in den letzten zwei Jahren betreut hatte, ließ ihn ein paar einfache Aufgaben erledigen: den Kopf bewegen, den rechten und linken Arm anheben, bis 200 zählen. Donald zählte los. Das Gehirn funktionierte, nicht so schnell wie früher vielleicht, aber überraschend gut.

Ein paar Wochen vor Donald Herberts Erwachen hatte ein Richter in Florida befohlen, die Wachkomapatientin Terry Schiavo verhungern zu lassen.

Tausende protestierten damals gegen diesen Justizmord. Sie wollten nicht glauben, daß es für Terry keine Hoffnung mehr gab.

Donald Herbert ist nun ihr Kronzeuge dafür, daß sich Koma-Patienten nicht als Kanonenfutter für die Euthanasie eignen.

„Ich habe mir gedacht, daß Herr Herbert Fortschritte machen würde“, sagt der Arzt Jamil Ahmed im Nachhinein. Als Arzt hatte er beobachtet, daß einige Hirnverletzte gut auf eine bestimmte Kombination von Medikamenten ansprachen. Im Frühjahr wandte er diese Mischung mit Erlaubnis der Familie auch auf Herbert an.

Das war ein Versuch ohne Garantien. Ahmed mischte Aricept, ein Alzheimer-Medikament, Sinemet, ein Mittel gegen Parkinson, sowie Provigil, einen Stoff, der das zentrale Nervensystem stimuliert.

Das Ganze sollte die Hirnzellen zu mehr Aktivität anregen.

Der Erfolg blieb aus.

Ahmed testete weiter. Er fügte ein Antidepressivum hinzu und ein weiteres Psychomedikament. Die genaue Zusammensetzung will er nicht preisgeben. Damit könnte man auch reich werden.

Ganz über dem Berg ist der ehemalige Feuerwehrmann noch nicht. Seit seinen ersten Worten im April ist Donald Herbert immer wieder bei Bewußtsein gewesen, nicht mehr so lange am Stück und auch oftmals nicht so klar wie beim ersten Mal.

Aber er spricht wieder. Er lacht. Er wird lernen zu essen, und die Pfleger machen die ersten Geh-Übungen mit ihm. Neulich hat er sogar einen Fußball gekickt.

Dr. Jamil Ahmed ist sich sicher, daß er Herbert nicht noch einmal verlieren wird.
Keine Lesermeinungen
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen sowie Leser aus der Debatte auszuschließen.
Copyright © 2008 kreuz.net