09:27:31 | Donnerstag, 23. Juni 2005
Der Kardinalvikar von Rom stellte letzte Woche das Buch eines Kurienerzbischofs über das Zweite Vatikanum vor. Es kritisiert ein weltweit sehr verbreitetes Standardwerk zur Konzilsgeschichte. Dieses möchte der Kardinal am liebsten auf den Index der verbotenen Bücher setzen.
(kreuz.net, Vatikan) Der Sekretär des Päpstlichen Rates für die Migrantenseelsorge, Erzbischof Agostino
Marchetto (64), hat kürzlich ein Buch zum Verständnis des Zweiten Vatikanums publiziert.
Das Werk trägt
den Titel „Das Zweite Vatikanische Konzil. Eine Gegenansicht über seine Geschichte“.
Das Buch wurde
am letzten Freitag auf dem römischen Kapitol präsentiert. Das Kapitol ist der Sitz der römischen Stadtverwaltung.
Bei der Buchvorstellung sprachen unter anderem der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz, Kardinal
Camillo Ruini, der ehemalige italienische Staatspräsident, Francesco Cossiga, und der Gründer der Gemeinschaft
von Sant’ Egidio, der Kirchenhistoriker Andrea Riccardi.
Die ‘Gemeinschaft von Sant’ Egidio ist eine
Laienbewegung, die sich nach dem Zweiten Vatikanum in Rom bildete. Sie besteht aus 50.000 Mitgliedern
und ist in über 70 Ländern karitativ tätig.
Das Buch von Erzbischof Marchetto erschien im vatikanischen
Verlag ‘Libreria Editrice Vaticana’. Der Autor ist Kirchenhistoriker und ein ehemaliger Mitarbeiter der
vatikanischen Diplomatie.
Warum eine „Gegenansicht“? – fragte Kardinal Ruini bei der Buchpräsentation.
Erzbischof Marchetto vertrete eine Gegenposition zu der von Giuseppe Alberigo herausgegebenen großen
‘Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils’.
Das mehrbändige Werk Alberigos ist in sechs Sprachen –
unter anderem auf Deutsch – erschienen. Es hat das Verständnis des letzten Konzils maßgeblich und einseitig
beeinflußt.
Seit vierzig Jahren warte das Zweite Vatikanum – so Kardinal Ruini –, daß seine Geschichte
nicht nach einem parteiischen Gesichtspunkt, sondern gemäß der Wahrheit geschrieben werde.
Kardinalvikar
Ruini begann seine Ansprache mit einem „etwas scherzhaften“ Vergleich zwischen Alberigos Geschichte des
Zweiten Vatikanums und der ‘Geschichte des Konzils von Trient’ des Servitenpaters Paolo Sarpi († 1623).
Pater Sarpis Werk erschien 1619 in London und wurde augenblicklich auf den Index der verbotenen Bücher
gesetzt. Es behauptete, daß kuriale Intrigen eine Wiedervereinigung der Protestanten mit den Katholiken
verhindert hätten.
Kardinal Ruini bezeichnete Pater Sarpis Konzilsgeschichte als „brillant“ und „erfolgreich“.
Sie sei aber zugleich polemisch und unsachlich gewesen.
17 Jahre später habe ein Jesuitenpater eine
nicht minder pointierte Gegen-Geschichte verfaßt.
Es seien drei Jahrhunderte vergangen, bis zwischen
1949 und 1975 eine „ausgewogene“ und „sorgfältige“ Darlegung der Dinge publiziert wurde: die „Geschichte
des Konzils von Trient“ des deutschen Priesters Prof. Dr. Hubert Jedin.
Kardinal Ruini wünschte sich
für das Zweite Vatikanum ebenfalls eine „großartige und positive“ Darlegung seiner Geschichte – vorzugsweise
noch vor dem Ablauf der nächsten drei Jahrhunderte.
Das neue Buch von Erzbischof Marchetto gebe auf
seinen letzten Seiten einige Hinweise für eine andere Konzilsgeschichte.
Die im Werk des Erzbischofs
kritisierte zentrale These der „Geschichte des Zweiten Vatikanums“ von Giuseppe Alberigo tauchte bereits
in den 60er Jahren auf.
Diese These erklärt, daß nicht die Dokumente des Konzils im Vordergrund stünden,
sondern das konziliäre Ereignis als solches.
Das wahre Konzil sei der „Geist des Konzils“.
Denn man
könne das Konzil nicht auf den bloßen Buchstaben seiner Texte reduzieren. Das Konzil gehe weit darüber
hinaus.
Dagegen erklärte Kardinal Ruini, daß das Konzil keinen Bruch zwischen einer „vorkonziliaren“
und einer „nachkonziliaren“ Kirche oder den Anfang einer neuen Kirchengeschichte markiere. Ein solches
Wegbrechen der Tradition sei theologisch unstatthaft.
Der Kardinal zitierte dazu Papst Johannes Paul
II.:
„Es ist ein klarer Fehler, das Konzil so zu interpretieren, als ob es einen Bruch mit der Vergangenheit
darstellen würde, wo es in Wahrheit in Kontinuität mit dem Glauben aller Zeit steht.“
Aber in der Kontinuität
mit der biblischen und patristischen Tradition habe das Zweite Vatikanum – so Kardinal Ruini – neue Entwicklungen
und Öffnungen angekündigt.
Die wichtigste sei die Rezeption der zentralen Rolle des menschlichen Subjekts,
das heißt: die Rezeption der „anthropologischen Wende, welche die geschichtliche Entwicklung des Westens
seit dem Humanismus und der Renaissance charakterisiert“.
Kardinal Ruini verwies zur Frage eines angeblichen
Traditionsbruchs auf die Autobiographie des neuen Papstes in der Konzilszeit:
„Während der Diskussionen,
die zur Konstitution über die Heilige Schrift ‘Dei Verbum’ geführt wurde, fragte sich Ratzinger, was
in der Ordnung des Glaubens zuerst komme: die historisch-kritische Exegese der Bibel oder die Tradition
der gläubigen Gemeinschaft.“
„Ratzinger gab der Tradition den Vorrang. Das Konzil stimmte mit ihm überein.
Die Alternative wäre gewesen, die Kirche in eine parlamentarische Demokratie von Theologen und Exegeten
zu verwandeln.“
Abschließend kritisierte Kardinal Ruini noch einmal die von Alberigo herausgegebene
Konzilsgeschichte. Obwohl diese das akademische Feld weiterhin beherrsche, sagte ihr der Kardinal ein
Scheitern voraus:
„Es ist Zeit für die Geschichtsschreibung, eine neue Rekonstruktion des Zweiten Vatikanums
vorzulegen, welche die wahre Geschichte des Konzils erzählt.“
Agostino Marchetto: „Il Concilio Ecumenico
Vaticano II. Contrappunto per la sua storia [Das ökumenische Konzil Vatikan II: Eine Gegenansicht über
seine Geschichte]“
Libreria Editrice Vaticana, Vatican City, 2005, pp. 410, euro 35.00.
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