Der ehemalige Regensburger Dogmatiker und Ratzinger-Schüler Wolfgang Beinert äußerte sich zur Person und Biographie seines Lehrers: „Ratzinger ist ein sehr wandlungsfähiger Mensch. Wer gut denken kann, kann auch gut umdenken.“
(kreuz.net, Regensburg) Schon am ersten Mai unterhielt sich das „Konradsblatt“ mit dem Priester Wolfgang
Beinert, ehemaliger Professor für Dogmatik an der Universität Regensburg.
Das „Konradsblatt“ ist die
Kirchenzeitung des Erzbistums Freiburg. Sie erscheint einmal wöchentlich. Freiburg befindet sich im Südwesten
Deutschlands.
„Benedikt XVI. hat andere Aufgaben als der Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation“,
erklärt Professor Beinert: Er blicke persönlich „ganz eindeutig“ mit Hoffnung auf das neue Pontifikat.
Das bedeute nicht, daß es nicht auch Bedenken gebe: „Die Situation der Kirche ist ungewiß, die Situation
der Welt ist irgendwie delikat. Aber die Hoffnung überwiegt bei weitem.“
Was er denen sage, die eher
Befürchtungen hegen?
Beinert: Nicht der Präfekt der Glaubenskongregation sei zum Papst gewählt worden,
sondern der Nachfolger des heiligen Petrus:
„Dieser hat die Aufgabe, die Einheit in der Vielfalt zu wahren
und miteinander in Ausgleich zu bringen. Das ist eine völlig andere Aufgabe als die eines Glaubenspräfekten.
Das Amt bedingt völlig andere Perspektiven und ein anderes Vorgehen.“
Papst Benedikt XVI. werde nichts
anderes sagen als Kardinal Ratzinger: „Aber er kann mehr sagen.“
Ein Präfekt der Glaubenskongregation
liebäugle von Amtes wegen eher mit der Bremse: „Wenn der heilige Petrus dagegen Menschen fischen soll,
muß er – im Bild des Autos – den Gashebel bedienen.“
Er brauche auch einen, der die Bremse nicht vergißt.
Doch das seien verschiedene Aufgaben:
„Als Ratzinger sich hier in Regensburg als Professor verabschiedete,
um in München Bischof zu werden, hat er bei einem Abschiedsessen gesagt: »Ich stehe jetzt auf der anderen
Seite des Tisches«.“
Damit habe er gemeint, daß ein Bischof andere Aufgaben habe als ein Professor.
Nach seiner Wahl zum Papst stehe er wieder „auf einer anderen Seite“.
Wie sich die Studentenrevolte vom
1968 auf Professor Ratzinger ausgewirkt habe, wird Professor Beinert weiter gefragt.
„Bis zur Studentenrevolution,
die Ratzinger in Tübingen erlebte, war ein deutscher Professor gewissermaßen einem Halbgott ähnlich.
Das hörte 1968 schlagartig auf. Das war wie eine Götterdämmerung.“
Ratzinger erklärte damals, daß
er durch seine liberalen Ansichten einige Schuld daran gehabt habe, daß es soweit kam. Er wolle das wieder
gutmachen:
„Die Dämme, die er – zum Schaden der Kirche – brechen sah, wollte er ausbessern und verstärken.“
Es gebe in der Gesellschaft – so Professor Beinert – die Aufgabe, Dämme zu bewahren oder aber die Gesellschaft
weiterzuentwickeln:
„Insofern habe ich Hoffnungen, daß Neuaufbrüche möglich sind, an die man heute
noch gar nicht denkt. Ratzinger ist ein sehr wandlungsfähiger Mensch. Wer gut denken kann, kann auch
gut umdenken.“
Dem ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation sei ein pessimistisches Weltbild nachgesagt
worden.
Da sei etwas dran, antwortet Professor Beinert: „Bis hin zum Apokalyptischen.“
Doch seit seiner
Wahl zum Papst sei ein anderer Ratzinger im Bild:
„Ich habe Ratzinger – und das werden Ihnen viele andere
auch bestätigen – nie richtig lachen sehen, nur lächeln.“
Auf der Loggia des Petersdoms sei aber ein
anderer, ein gelöster und entspannter Ratzinger sichtbar gewesen:
„Und das hält offenbar an. In den
Medien sind Bilder zu sehen, die ihn beim Bad in der Menge zeigen. Da zeigt er eine ganz offene Haltung,
so daß ich annehme, er könnte ein anderer Mensch geworden sein, der diesen apokalyptischen Pessimismus
nicht mehr teilen muß.“
Wo erwartet der Professor unter Benedikt XVI. Kursänderungen?
„Ratzinger hat
schon vor einigen Jahren, als Präfekt der Glaubenskongregation, den Zentralismus in der Kirche sehr beklagt,
die geringen Einflußmöglichkeiten der Ortsbischöfe. Die Frage nach dem Verhältnis von Ortskirche und
Universalkirche beschäftigt ihn.“
Ob die ökumenischen Akzente überraschend seien?
Nein. Ratzinger
sei seit vielen Jahren und nominell noch heute Mitglied des „Ökumenischen Arbeitskreises“ – früher nach
seinen ersten Vorsitzenden „Jaeger-Stählin-Kreis“ genannt. Dieser habe auch die Studie „Lehrverurteilungen –
kirchentrennend?“ erarbeitet:
„Von frühesten Professorenjahren an war er ökumenisch interessiert. Nicht
wie Johannes Paul II. in Richtung Orthodoxie, sondern in Richtung reformatorische Kirchen.“
Und die Unterschiede
zwischen Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger?
„Wojtyla war von seinem ganzen Charakter offener und
kommunikativer, auch was persönliche Beziehungen anbelangt. Ratzinger war immer etwas distanziert. Bis
jetzt als Papst. Ratzinger hatte auch immer eine sehr delikate Gesundheit.“
Solche Leute würden oft
besonders alt – wendet der Journalist ein.
„… wie Pius XII. beispielsweise“ – reagiert der Professor.
Also werde Benedikt XVI. doch kein Übergangspapst …
„Was heißt das schon Übergangspapst?“ – antwortet
Beinert: „Jeder Papst ist ein Übergangspapst.“
Email-Adressen der Empfänger
3 Lesermeinungen
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
Übergangspapst G.B.M. schrieb 1964: „In dieser unserer Zeit entstanden als lebendiger Ausdruck der immerwährenbden
Jugend der Kirche. Wir schätzen den feurigen Eifer für die Seelen, der es anspornt auf den steigen und
schwierigen Pfaden eines Apostolates der Präsenz und des Zeugnisses in allen Bereichen des heutigen Lebens.“
Duc in altum! Und so darf ich schließlich ein letztes Mal Jean Guitton zitieren: „Ich bin überzeugt,
dass die Zukunft, die den Neunzigjährigen das Regieren ermöglicht, für die sensiblen Charaktere günstig
ist. Und das wird zum Besten aller gereichen, weil die Sensiblen durch die Liebe veredelt werden.“ Von
Übergang zu Übergang: Nie war die Begegnung des Papstes mit dem ital. Staatsoberhaupt so familiär wie
heute im Quirinal. Es geht voran.
gas geben gas geben, auf die bremse treten, lächeln oder lachen, gesundheit oder nicht, auf welcher seite
des tisches steht ein papst oder steht er vielleicht auf dem tisch… hat die deutsche theologie nicht
mehr zu bieten als inhaltsleeres geschwafel? mit solchen populistischen leerformeln werden niedere regungen
stimuliert. mit inhaltlicher auseinandersetzung hat das wohl nicht viel zu tun.
Wunschdenken Was Professor Beinert kurz nach der Wahl Benedikts XVI. geäußert hat, spiegelt eher die
Wünsche der in die Jahre gekommenen „Reformer“ der unmittelbaren Nachkonzilszeit wider, als die Realität.
Noch schlimmer und geradezu peinlich war die Rede des ZDK-Vorsitzenden zum Antritt des neuen Papstes.
Nachdem er ihm artig gratuliert hatte, schwelgte er in nostalgischen Erinnerungen an die Zeit zwischen
Konzil und Würzburger Synode (1975). Natürlich hat ein Papst andere Aufgaben als ein Präfekt der Glaubenskongregation
aber eben auch andere Aufgaben als ein Theologieprofessor. Und es ist kaum anzunehmen, daß so ein brillianter
Denker wie Benedikt XVI. einen intellektuellen Salto-Mortale rückwärts in die sechziger Jahre des zwanzigsten
Jahrhunderts machen wird. Im Gegensatz zu seinen Kritikern im deutschsprachigen Raum ist Joseph Ratzinger
nämlich nicht vor vierzig Jahren stehengeblieben. Zahlreiche Äußerungen und Maßnahmen des neuen Papstes
geben wirklich zu Hoffnung Anlaß: die Verknüpfung von Vaticanum II und Tradition in der Antrittsrede,
der Hinweis auf den Kommunionempfang bei der Einführungsmesse, die Rede zu Gunsten der Familie. Vor einigen
Tagen hat er bei einem ad-limina-Besuch gesagt, Ökumene dürfe nicht zu Relativismus und Verunsicherung
der Gläubigen führen. Lassen wir nicht nach in unseren Gebeten für den Heiligen Vater!