16:53:47 | Dienstag, 25. Oktober 2011
Die Überfälle gehen weiter: In den kommenden paar Monaten werden US-Kampftruppen nach Südsudan, Kongo und in die Zentralafrikanische Republik entsandt. Von John Pilger.

Bomben auf fremde Leute und Länder zur „Selbstverteidigung“
© شبكة برق | B.R.Q, Flickr, CC(kreuz.net/
antikrieg.org) Am 14. Oktober gab US-Präsident Barack Obama bekannt, daß er Spezialkommandos
nach Uganda abkommandiert hat, die dort am Bürgerkrieg teilnehmen.
In den kommenden paar Monaten werden
US-Kampftruppen nach Südsudan, Kongo und in die Zentralafrikanische Republik entsandt.
Sie werden nur
„zur Selbstverteidigung kämpfen“ – sagte Obama satirisch.
Jetzt kommt die US-Invasion in AfrikaNachdem
Libyen unter Dach und Fach ist, ist eine US-Invasion des afrikanischen Kontinents im Gang.
Obamas Entscheidung
wird in der Presse als „höchst unüblich“ und „überraschend,“ ja sogar als „eigenartig“ beschrieben.
Sie ist nichts von alledem.
Das ist die Logik der US-Außenpolitik seit 1945.
Die Überfälle werden
„Selbstverteidigung“ genanntNehmen Sie Vietnam.
Vorrangig bestand die Aufgabe im Vietnam-Krieg darin,
den Einfluß des mächtigen Rivalen China zurückdrängen und Indonesien zu „beschützen“, das US-Präsident
Richard Nixon als „den reichsten Hort von natürlichen Ressourcen der Region“ oder als „größten Gewinn“
bezeichnete.
Vietnam kam nur in den Weg. Die Abschlachtung von über drei Millionen Vietnamesen und die
Verwüstung und Vergiftung ihres Landes war der Preis dafür, daß Amerika sein Ziel erreichte.
Wie bei
allen nachfolgenden US-Invasionen, die einen Strom von Blut von Lateinamerika nach Afghanistan und Irak
erzeugten, war die Begründung üblicherweise „Selbstverteidigung“ oder „humanitär“ – Wörter, die schon
lange ihrer wörterbuchmäßigen Bedeutung entleert sind.
Der Feind erinnert an den FreundIn Afrika
besteht Obamas „humanitäre Mission“ in der Unterstützung der Regierung von Uganda bei ihrem Kampf gegen
die ‘Lord’s Resistance Army’ – die ‘Widerstandsarmee des Herrn’.
Diese hat nach Obama „Zehntausende Männer,
Frauen und Kinder in Zentralafrika ermordet, vergewaltigt und entführt“.
Das ist eine zutreffende Beschreibung
der ‘Lord’s Resistance Army’, welche die Erinnerung an eine Reihe von durch die USA verübte Greueltaten
wachruft, wie:
• das Blutbad in den 1960er Jahren, das auf die von der CIA organisierte Ermordung Patrice
Lumumbas († 1961) – des unabhängigen Anführers des Kongo und ersten freien legal gewählten Premierministers –
folgte;
• den CIA-Staatsstreich, der Mobutu Sese Seko († 1997) an die Macht brachte, der als Afrikas
korruptester Tyrann galt.
Der Feind war noch nie so schwach wie heuteAuch Obamas weitere Rechtfertigung
lädt zur Satire ein.
Der Einsatz in Uganda betreffe die „nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten.“
Die ‘Lord’s Resistance Army’ hat ihr böses Werk 24 Jahre lang verrichtet. Die USA haben sich so gut
wie nicht dafür interessiert.
Heute verfügt sie über weniger als 400 Mann und war noch nie schwächer.
Ein anderer Propaganda-FeindDer Ausdruck „nationale Sicherheit“ der USA bedeutet üblicherweise die
Korrumpierung eines käuflichen und diebischen Regimes, das etwas besitzt, das Washington haben möchte.
Ugandas „Präsident auf Lebenszeit“, Yoweri Museveni (67), bekommt bereits den größeren Teil von 45
Millionen Dollar sogenannter Militärhilfe der USA – zu der auch Obamas beliebte Drohnen gehören.
Das
ist das Schmiergeld für den Stellvertreterkampf gegen den neuesten islamischen Phantomfeind der US-Amerikaner –
die zusammengewürfelte al-Shabaab-Gruppe in Somalia.
Diese Gruppierung wird eine Rolle in der Propaganda
spielen, indem sie westliche Journalisten mit ihren dauernden Horrorgeschichten ablenkt.
Der wirkliche
FeindDer Hauptgrund für die Invasion der USA in Afrika unterscheidet sich nicht von dem, der hinter
dem Krieg gegen Vietnam stand. Es ist China.
In der Welt selbsterfüllender institutionalisierter Paranoia,
die begründet, was General David Petraeus – der vormalige US-Oberbefehlshaber und jetzige Direktor der
CIA – einen Zustand des fortwährenden Krieges genannt hat, ersetzt China al-Qaeda als die offizielle
sogenannte Bedrohung der USA.
Als ich letztes Jahr Bryan Whitman – einen stellvertretenden Staatssekretär
für Verteidigung im Pentagon – interviewte, bat ich ihn, die derzeitige Gefahr für die USA zu beschreiben.
Sichtbar strampelnd wiederholte er: „asymmetrische Bedrohungen … asymmetrische Bedrohungen.“
Diese
rechtfertigen die geldwaschenden staatlich geförderten Waffenkonglomerate und das größte Militär-
und Kriegsbudget der Geschichte.
Nachdem Osama bin Laden in Luft aufgelöst wurde, übernimmt China die
Rolle.
Die Chinesen aus Libyen vertriebenAfrika ist Chinas Erfolgsgeschichte.
Wo die Amerikaner Drohnen
und Destabilisierung bringen, bauen die Chinesen Straßen, Brücken und Dämme.
Was sie wollen sind Rohstoffe,
besonders fossile Treibstoffe.
Mit den größten Erdölreserven Afrikas war Libyen unter Muammar Gaddafi
einer der wichtigsten Erdöllieferanten für China.
Als der Bürgerkrieg ausbrach und die NATO die sogenannten
Rebellen mit einer erfundenen Geschichte über einen von Gaddafi geplanten angeblichen Völkermord in
Benghazi unterstützte, evakuierte China seine 30.000 Arbeiter in Libyen.
35 Prozent der libyschen Erdölproduktion
Die nachfolgende Resolution des UN-Sicherheitsrates erlaubte eine sogenannte humanitäre Intervention
des Westens.
Sie wurde lapidar erklärt in einem Vorschlag des Nationalen Übergangsrates der sogenannten
Rebellen an die französische Regierung, den die Zeitung ‘Libération’ im September aufdeckte:
Dem französischen
Staat wurden 35 Prozent der libyschen Erdölproduktion „im Austausch“ für eine „volle und ständige“
französische Unterstützung für den Übergangsrat angeboten.
Als er im vergangenen Monat die US-Fahne
im „befreiten“ Tripoli hißte, platzte der US-Botschafter heraus:
„Wir wissen, daß Öl das Juwel in
der Krone der natürlichen Ressourcen Libyens ist.“
Ein Krieg der WahrnehmungDie de-facto-Eroberung
Libyens durch die USA und deren imperialisische Partner läutet eine moderne Version des „Drängens nach
Afrika“ am Ende des 19. Jahrhunderts ein.
Wie beim „Sieg“ im Irak spielten Journalisten eine entscheidende
Rolle bei der Einteilung von Libyern in würdige und unwürdige Opfer.
Vor kurzem erschien auf der Titelseite
der britischen Tageszeitung ‘Guardian’ das Photo eines verschreckten „Gaddafi“-Kämpfers und seiner wild
dreinblickenden Häscher, die – wie der Bildtext sagte – „feiern.“
Laut General Petraeus gibt es jetzt
einen Krieg „der Wahrnehmung“.
Dieser werde „ununterbrochen durch die Nachrichtenmedien betrieben“.
Jetzt können die US-Brückenköpfe gebaut werdenSeit über einem Jahrzehnt haben die USA versucht,
eine Befehlszentrale für ihr AFRICOM auf dem afrikanischen Kontinent zu errichten.
AFRICOM ist das Oberkommando
über US-Militäroperationen auf dem gesamten afrikanischen Kontinent mit Ausnahme von Ägypten.
Die
US-Amerikaner wurden aber von Regierungen abgewiesen, welche dadurch verursachte regionale Spannungen
fürchteten.
Libyen und jetzt Uganda, Südsudan und Kongo bieten jetzt dafür die besten Aussichten.
Die Invasion ist in vollem GangWie WikiLeaks-Depeschen und die Nationale Strategie der USA gegen den
Terrorismus enthüllen, sind die US-Pläne für Afrika Teil einer weltweiten Planung.
In deren Rahmen
sind bereits 60.000 Spezial-Einsatzkommandos, darunter Todesschwadrone, in 75 Ländern im Einsatz. Bald
sollen es 120 sein.
Dick Cheney führte schon in seinem „Verteidigungsstrategie“-Plan in den 1990er Jahren
aus, daß Amerika einfach die Welt beherrschen will.
Daß das jetzt Barack Obama, dem „Sohn Afrikas“
zufällt, ist im höchsten Ausmaß ironisch. Oder ist es das wirklich?
Wie Frantz Fanon im Jahr 1952
in seinem Werk „Black Skin, White Masks“ – Schwarze Haut, weiße Masken – ausführte, zählt nicht so
sehr die Farbe der Haut, sondern die Macht, der man dient und die Millionen von Menschen, die man verrät.
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