17:00:46 | Freitag, 4. November 2011
Die kapitalistische Wohlstandsgesellschaft verschleißt die menschlichen Ressourcen, die einst ihren Aufstieg ermöglichten.

Kinder(reiche Familien) sind die Ressource, die erst die Wohlstandsgesellschaft ermöglichte.
© RobW_,
Flickr, CC(kreuz.net) Konfuzianisch-asiatische Gemeinschaftswerte widersetzen sich dem westlichem Individualismus.
Diese Botschaft verkünden asiatische Vordenker wie Lee Kuan Yew (88), der langjährige Premierminister
Singapurs.
Sie erklären den wirtschaftlichen Erfolg der ostasiatischen Tigerstaaten – Singapur, Malaysia
oder Südkorea – mit den in asiatischen Familien tradierten Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit und Opferbereitschaft
der Einzelnen zugunsten der Gemeinschaft.
In der Tat: Der rasante Aufbau einer dynamischen Wirtschaft
in Ostasien wäre ohne festen Familienzusammenhalt, verwandtschaftliche Netzwerke und Gemeinschaftssinn
nicht möglich gewesen.
Konfuzianische Traditionen haben das sicher begünstigt.
Der Kapitalismus sägt
am AstDie zentrale Rolle von Gemeinschaftswerten für die Industrialisierung ist jedoch keine asiatische
Besonderheit.
Auch die westlichen Industrienationen verdankten ihren wirtschaftlichen Aufstieg seit dem
19. Jahrhundert Tugenden wie Spar- und Opferbereitschaft, Loyalität gegenüber Kollegen, Vorgesetzten
und Firma, Pflichtbewußtsein und Verläßlichkeit im Einhalten von Verträgen.
Das Wirtschaftsleben
setzt diese pro-sozialen Verhaltensweisen voraus, bringt sie aber selber nicht hervor.
Denn viel zu oft
widersprechen sie den kurzfristigen Nutzenkalkülen des Homo oeconomicus.
Das ist die Grundlage des Kapitalismus –
die FamilieSeinen sozialen Kitt bezog der alte Industriekapitalismus nicht aus dem Markt, sondern aus
Gemeinschaftsbindungen, die vor allem die Familie vermittelte.
Als Nukleus der Familie war die Ehe eine
fraglose Selbstverständlichkeit und die Grundinstitution der bürgerlichen Gesellschaft.
Die Symbiose
von Familie und Industriegesellschaft kulminierte im sogenannten Golden Age of Marriage.
Gestiegene Löhne
und Beschäftigungssicherheit ermöglichten es um 1960 mehr Paaren als je zuvor, früh zu heiraten und
Familie zu gründen.
Der Nachkriegsbabyboom war die Folge.
Die linke Dekadenz setzt einNur wenige
Jahre später setzte in allen westlichen Industrieländern ein tiefer Umbruch der privaten Lebensformen
ein.
Nichteheliche Partnerschaftsformen breiteten sich aus. Das Heiratsalter begann zu steigen. Die Heiratsneigung
sank drastisch.
Während in Deutschland noch in den 60er Jahren nur fünf Prozent der Erwachsenen nie
heirateten, bleiben heute in der jüngeren Generation fast vierzig Prozent der Männer und mehr als ein
Drittel der Frauen dauerhaft ledig.
Parallel dazu stiegen die Scheidungsrisiken sprunghaft an. Inzwischen
trennt sich fast jedes zweite Ehepaar.
Ehen sind dabei immer noch stabiler als nichteheliche Partnerschaftsformen,
die oft schon nach wenigen Jahren oder gar Monaten auseinander gehen.
Der linke Narzißmus reitet die
Gesellschaft ins GrabDie Brüchigkeit der Beziehungen hat Folgen für die Kinder.
Viel häufiger als
früher wachsen sie in Patchworkfamilien und bei Alleinerziehenden auf.
Diese „Pluralisierung der Lebensformen“
vermarkten Zeitgeistmedien als emanzipatorischen Fortschritt.
Sein Preis wird unterschlagen.
Milliardenkosten
für den Staat durch Transfers an Alleinerziehende, öffentliche Erziehungshilfen und den gar nicht meßbaren
Schaden durch das Leiden vieler Kinder in zerbrechenden Familien.
Scharfsichtige Historiker analysieren
diese Krise der Ehe als Symptom eines postmodernen Narzißmus, der langfristige Bindungen durch eine Moral
des „jeder für sich“ zersetzt.
Auch Asien verfaultIst die asiatisch-konfuzianische Kultur nun ein
Bollwerk des Widerstands gegen diesen Individualismus?
Die Antwort fällt negativ aus.
Auch in Ostasien
sind die Scheidungsziffern rasant gestiegen. Junge Menschen heiraten später.
Die Anteile Lediger in
den jüngeren Generationen sind gewachsen. Unverheiratetes Zusammenleben breitet sich aus. Traditionelle
Bindungen verlieren an Kraft.
Im Geburtenrückgang hat Ostasien den Westen bereits überholt.
Japan,
Taiwan und Südkorea gehören zu den Ländern mit den niedrigsten Geburtenraten weltweit.
Als Reaktion
auf die Überalterung ihrer Gesellschaft entwickeln die Japaner heute schon Pflegeroboter. Das läßt
weniger an Konfuzius als an Science-Fiction denken.
Die beklemmende FrageAngesichts der Krise der Familie
im Osten wie im Westen stellt sich die beklemmende Frage:
Verschleißt die kapitalistische Wohlstandsgesellschaft
die menschlichen Ressourcen, die einst ihren Aufstieg ermöglichten?
Der Text ist eine Nachricht des
‘Instituts für Demographie, Allgemeinwohl und Familie’ in Olpe.
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