10:29:20 | Mittwoch, 17. November 2004
St. Pölten liegt zwischen Linz und Wien
(kreuz.net/
theologisches, Don Reto Nay) Wie wird es in der Diözese St. Pölten nach den Ereignissen des
vergangenen Juli weitergehen? Ich befürchte, daß diese Frage nicht schwer zu beantworten ist. Denn inzwischen
weiß man, wie in Rom der Hase läuft. Der Prophet von heute hat ein leichtes Geschäft:
Der eingesetzte
Apostolische Visitator, Bischof Klaus Küng von Feldkirch, wird pflichtgetreu untersuchen und viele Leute
befragen. Irgendwann wird er einen langen Bericht verfassen und in Rom abgeben. Dort wird das Schreiben
in einem Büro des vatikanischen Staatssekretariates auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Kurze Zeit später
wird Bischof Kurt Krenn entweder aus gesundheitlichen Gründen zurücktreten oder nach Rom befördert
(eine Erzdiözese Rohrbach im Mühlviertel wird es vermutlich nicht geben). Zeitgleich mit Bischof Krenn
wird auch sein Weihbischof, der die Altersgrenze schon erreicht hat, in Pension geschickt. Eine salomonische
Lösung. Bischof und Weihbischof von St. Pölten, die sich gegenseitig spinnefeind sind, werden gemeinsam
abtreten müssen. Das wird – wenigstens symbolisch – auch das Rachebedürfnis der „Konservativen“ befriedigen.
Es lebe der römische Kompromiß!
Gleichzeitig kann man auf www.vatican.va unter „Rinunce e nomine“ lesen,
daß der Bischof von Feldkirch, Dr. Klaus Küng, zum neuen Oberhirten von St. Pölten ernannt wurde. Die
Begeisterung der Presse wird grenzenlos sein. Wer hätte gedacht, daß die Einsetzung eines Opus-Dei-Bischofs
in der viertgrößten Diözese Österreichs einen solchen Medienjubel auslösen würde? Das linke klerikale
Establishment in St. Pölten wird den neuen Diözesanbischof unter einer Wagenladung von Vorschußlorbeeren
lebendig begraben.
Danach werden die üblichen Zeremonien folgen: eine schnelle Verabschiedung der Alten
und die feierliche Einsetzung der Neuen. Nach einiger Zeit wird auch der Weihbischof einen Nachfolger
bekommen, ein relativ profilloser Ordensmann aus einem Kloster der Diözese St. Pölten.
Was wird mit
den „rechts-konservativen“ kirchlichen Gruppen geschehen, die von Bischof Krenn in die Diözese aufgenommen
wurden und die heute ein gefundenes Fressen für zähnefletschende journalistische Verschwörungstheoretiker
sind? Gar nichts. Sie werden wie bisher unbehelligt in der Diözese St. Pölten weiterleben. Und die Verschwörungstheorien?
Sie werden bald vergessen sein, selbst von der „online Qualitätszeitung“, wie sich eine österreichische
Tageszeitung im Internet nennt. Gundula, die online Qualitätsverschwörungstheoretikerin vom Dienst,
wird in Zukunft über Maibäume und Verkehrsunfälle berichten müßen. Sogar um das Priesterseminar und
die Philosophisch-Theologische Hochschule wird es still werden, als ob es den „Skandal“ nie gegeben hätte
und niemals mehr wird geben können. Nach Jahren der Unruhe wird in St. Pölten wieder „Frieden“ einkehren.
Spruch des Propheten.
Nicht Frieden. Der Prophet hat „Frieden“ gesagt, mit Anführungszeichen. Der wahre
Friede ist etwas anderes. Man braucht nur beim heiligen Augustinus nachzulesen: Frieden, sagt der theologische
Leuchtturm, ist nicht bloße Ruhe, sondern Ruhe in der richtigen Ordnung. Oder umgekehrt gesprochen: Ruhe
in der Unordnung ist kein Frieden, sondern die letzte Phase der Agonie auf dem Totenbett. Der wirkliche
Frieden besteht somit aus zwei Teilen: aus Ruhe und aus Ordnung. Beim Frieden ist gewöhnlich die Ordnung
das größere Problem als die Ruhe. Daran muß man sich in der Kirche häufig erinnern. Nach Jahren eines
chaotischen Ökumenismus und konfusen Dialoges scheint heute in den heiligen vatikanischen Hallen die
Vorstellung zu herrschen, daß Frieden darin besteht, den Feinden der Kirche zu gefallen, so daß sie
zu bellen aufhören. Das ist eine Illusion. Friede ist nicht nur negativ die Abwesenheit von Krieg, sondern
positiv das Vorhandensein alle notwendigen Dinge am Ort, wo sie hingehören.
Frieden beginnt nicht, wenn
der Feind zu bellen aufhört, sondern wenn die Auslegeordnung wiederhergestellt ist. Der neue Bischof
von St. Pölten würde nur dann seine Pflicht erfüllen, wenn er sich in erster Linie um die Ordnung kümmerte.
So hochtrabende Erwartungen kann man wohl nicht hegen. Das wäre eine absolute Premiere – nicht nur in
Österreich. Dann wäre es um den so sehr herbeigesehnten „Frieden“ geschehen. Weil aber Ruhe schlechthin
schon seit längerem zum kirchlichen Universalsakrament avanciert ist, sieht es danach aus, daß die einst
so angesehene vatikanische Diplomatie es in St. Pölten nicht weiter bringen wird oder will als zu einem
faulen Frieden – womit das Matthäusevangelium in den Wind reimt: „Nehmt an, ein Baum ist faul, so wird
auch seine Frucht faul sein. Denn an der Frucht erkennt man den Baum (Mt 12,33).“
Ein Bischof, der dem
wirklichen Frieden dienen will, muß sich zuerst um die Ordnung kümmern. Wie wird man merken, ob er sein
Diözesanhaus in Ordnung gebracht hat? Im Matthäusevangeliums steht es: wenn die Früchte in Ordnung
sind. Und die ersten und besten Früchte einer Diözese sind ihre Seminaristen. Darum braucht man sich,
um zu sehen, was ein Bischof taugt, nicht seine Predigten anzuhören – Papier ist geduldig. Man muß einen
Blick ins Priesterseminar werfen und die Seminaristen betrachten. Wie man den Baum an den Früchten erkennt,
so erkennt man den Bischof an den Seminaristen, die er hat beziehungsweise nicht hat.
Früher mag das
noch anders gewesen sein: Aber heute wird sich ein junger Mensch nicht zuletzt den Diözesanbischof anschauen,
vermutlich sogar zweimal, bevor er eine Diözese wählt: Wahltag ist auch hier Zahltag. Von den katholischen
Parteien sagt man, daß sie in den alten Tagen einen Kartoffelsack hätten nominieren können und daß
dieser auch problemlos gewählt worden wäre. Es bleibe dahingestellt, ob das heute anders wäre, nicht
nur bei den katholischen Parteien. Aber eines ist sicher. In der Kirche funktioniert die Kartoffelsackpolitik
nicht mehr. Kein vernünftiger junger Mensch wird heutzutage sein Leben einem Kartoffelsack in die Hände
versprechen. Wenn ein Seminarist es trotzdem tut, wird man sich fragen müßen, welche ungesunden Beweggründe
dahinterstecken.
Die Tragik besteht darin, daß der Kartoffelsackbischof in der heutigen Kirche bei weitem
kein Auslaufmodell ist, sondern von den Verantwortlichen geradezu als Glücksfall betrachtet wird. Er
ist beliebt, weil er so stehen bleibt, wie man in hinstellt und sich dann nicht mehr rührt. Man atmet
auf, daß er in seiner Unbeweglichkeit keinerlei „Unruhe“ – die Sünde der Sünden in unseren auf Ausgleich
bedachten Zeiten – in die Diözese bringt. Das liegt auch daran, daß er die Presse auf seiner Seite hat.
Diese preist den Kartoffelsack als Vater des Friedens. Daß Christus auf die Erde gekommen ist, um sich
mit ihr anzulegen und den Frieden mit Gott – nicht mit der Welt – zu bringen, bleibt ein exegetisches
Detail. Im pastoralen Alltag folgt man einem anderen, leicht abgewandelten Bibelspruch: Feuerlöscher
bin ich gekommen auf die Erde zu werfen.
Warum sind Kartoffelsäcke bei der Presse beliebt? Weil sie
nicht in den Krieg ziehen. Wenn der Wolf in die Herde einbricht, werden sie die Alarmglocke nicht läuten,
um keine unnötige Unruhe zu produzieren. Hauptsache, der Wolf hängt sein Geschäft nicht an die große
Glocke. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Für die aufmüpfigen 68er Altprogressisten, die
heute in der Kirche das Sagen haben, stellt der Kartoffelsack-Bischof keine Gefahr dar. Im Gegenteil.
Er dient als willkommene Deckung. Denn ein Kartoffelsack unterdrückt nur jene, die das Unglück haben,
unter ihm zu sein: die Gehorsamen.
Nur eines haben Kartoffelsack-Bischöfe nicht: Seminaristen.
Keiner
wird sein Erstgeburtsrecht für ein Kartoffelgericht verkaufen. Der Preis, Priester zu werden, ist hoch,
viel höher als für jeden anderen Beruf. Ein frommer, hochherziger und intelligenter junger Mensch wird
diesen Preis für die Perle des Priestertums gerne bezahlen. Aber er wird schlau genug sein, um eine Mogelpackung
vom Original zu unterscheiden. Hier beginnt das Problem. Der Kartoffelsack-Bischof ist eine Mogelpackung,
und er steht für eine Mogelpackungspriesterausbildung und ein Mogelpackungspriestertum.
Was wäre von
einem jungen Mann zu halten, der sich fünf Jahre mit einer Priesterausbildung auf Kindergartenniveau
abfindet, fünf Jahre lang klaglos theologische Schwatzfächer belegt, für deren Examen es genügt, die
Nacht vorher etwas zu lernen, und der anschließend freiwillig in eine schwind- und windsüchtige Pastoral
einsteigt, wo jeder kleinste Erneuerungsversuch ein schweres Verbrechen ist, durch das man in den tödlichen
Ruf gerät, ein „Konservativer“ zu sein? Niemand würde heute die Namen des hl. Dominikus, des hl. José
Maria Escrivà de Balaguer oder der heiligen Theresia von Avila kennen, hätten sich diese Heiligen damals
auf ein solches Puppenspiel eingelassen. Der hl. Pfarrer von Ars hat in seiner Priesterausbildung noch
mit der Lateinischen Sprache gekämpft. Was für Hürden erwarten den modernen Priesterzögling, außer
daß es von Jahr zu Jahr schwieriger wird, am Morgen aufzustehen? Kartoffelsack-Bischöfe erzeugen Kartoffelsack-Priester.
Aber das scheint niemandem aufzufallen: Hauptsache die sakrosankte Ruhe wird nicht gestört. Das hat den
Nachteil, daß man keinen jungen Menschen, der seinen Verstand noch halbwegs beisammen hat, vernünftigerweise
dazu bringen kann, so etwas auf sich zu nehmen. Ein hochherziger intelligenter junger Mann erwartet zurecht
eine intelligente und herausfordernde Ausbildung und einen Beruf, der mehr ist als ein Sandkastenspiel.
Seriöse Angebote in der Privatwirtschaft gibt es genug. Würde letztere heutzutage im Stile unserer Diözesen
und Pfarreien geführt, wären wir schon lange bastrockgeschürzte Bewohner von Drittweltländern.
Der
Weg zum wahren Frieden wird an der Ordnung nicht vorbeiführen. Ich hoffe darum sehr, daß sich der Apostolische
Visitator in der Diözese St. Pölten nicht darauf beschränkt, pornographisches Beweismaterial auszuwerten
und den gordischen Knoten der Klerikerintrigen zu entwirren. Es geht um viel mehr, nämlich um die Wiederherstellung
einer geordneten ernstzunehmenden Priesterausbildung, die in Österreich schon seit Jahren zusammengebrochen
ist, ohne daß auch nur ein Kuckuck nach einem Apostolischen Visitator gerufen hätte. Sonst wird das
Resultat der Übung bloß darin bestehen, daß man in Österreich schon bald ein weiteres leeres Priesterseminar
vorweisen kann.
Um die Sache auf den Punkt zu bringen. Letztes Jahr kamen in Österreich auf einen Diözesanseminaristen
ungefähr 44.444 Katholiken. Das ist eine beklemmende Zahl, die nächstes Jahr mit Sicherheit noch unterboten
wird. Es gibt zwei österreichische Diözesen, wo es besonders schlimm außieht: Die Millionendiözese
Linz mit 11 Seminaristen (1 Seminarist auf 97.000 Katholiken) und die Erzdiözese Wien mit 17 Seminaristen
(1 Seminarist auf 80.000 Katholiken).
Glücklicherweise sind beide Städte von St. Pölten nicht weit
entfernt. Darf man hoffen, daß der um die Priesterausbildung besorgte Apostolische Visitator auch in
diesen Städten nach dem Rechten sehen wird?
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.