14:25:29 | Sonntag, 15. Januar 2012
Den Beitrag von Regierungen und Geheimdiensten zum islamischen Erwachen darf man nicht unterschätzen. Von Uri Avnery.

Muselmanen in der Al-Jazzar-Moschee in Akkon
© David Ortmann, Flickr, CC(kreuz.net) Wenn islamische Bewegungen im Nahen Osten zur Macht kommen, sollten sie ihre Dankesschuld
dem gegenüber abtragen, der ihnen ein Greuel ist – Israel.
Ohne die aktive oder passive Hilfe aufeinanderfolgender
israelischer Regierungen wären sie nicht in der Lage gewesen, ihre Träume zu verwirklichen.
Das gilt
für Gaza, Beirut, Kairo und sogar für Teheran.
Sie konnten die Moscheen nicht verbietenNehmen wir
als erstes Beispiel die Hamas.
In allen arabischen Ländern sahen sich die Diktatoren einem Dilemma gegenüber.
Sie konnten alle politischen und zivilen Aktivitäten verbieten. Aber es war nicht möglich, die Moscheen
zu schließen.
Dort konnten sich die Leute zum Beten versammeln, Hilfsdienste organisieren und – im geheimen –
politische Organisationen aufbauen.
Vor den Twitter- und Facebook-Zeiten war dies der einzige Weg, um
Massen von Menschen zu erreichen.
Israel verhängt ein radikales Politik-VerbotEin Diktator, der sich
diesem Dilemma gegenübersah, war der israelische Gouverneur in den besetzten palästinensischen Gebieten.
Von Anfang an verbot er jegliche politischen Aktivitäten. Sogar Friedensaktivisten landeten im Gefängnis.
Befürworter von gewaltfreiem Widerstand wurden deportiert. Zivile Zentren wurden geschlossen.
Nur die
Moscheen blieben offen. Dort konnten sich die Leute treffen.
Der Hauptfeind war die PLOAber diese Toleranz
war nicht nur passiv.
Der israelische Sicherheitsdienst – als Schin Bet oder Shabak bekannt – hatte ein
aktives Interesse daran, daß das, was in den Moscheen geschah, sich gut entwickelte.
Leute, die fünfmal
am Tag beten, haben keine Zeit, Bomben zu bauen – dachten sie.
Der Hauptfeind war, wie der Shabak meinte,
die fürchterliche PLO, angeführt von dem Monster Yassir Arafat († 2004).
Die PLO war eine säkulare
Organisation mit vielen prominenten christlichen Mitgliedern, denen es um einen „nicht konfessionellen“
palästinensischen Staat ging.
Sie waren die Feinde der Islamisten, die von einem pan-islamischen Kalifat
sprachen.
Sehr erfolgreichWenn sich die Palästinenser dem Islam zuwenden – dachte man – würden die
PLO und ihre Hauptfraktion, die Fatah, geschwächt werden.
Also wurde insgeheim alles unternommen, um
der islamistischen Bewegung zu helfen.
Es war eine sehr erfolgreiche Politik, und der Nachrichtendienst
gratulierte sich selbst zu seiner Klugheit.
Aber dann geschah ein Unglück.
Die Hamas wird aus der Taufe
gehobenIm Dezember 1987 brach die erste Intifada aus.
Die Mainstream-Islamisten mußten mit den radikaleren
Gruppen konkurrieren.
Innerhalb von Tagen verwandelten sie sich in die islamistische Widerstandsbewegung –
Acronym: Hamas – und wurden der gefährlichste Feind Israels.
Doch dauerte es für den Shabak noch länger
als ein Jahr, bevor er Scheich Ahmad Yassin († 2004), den Anführer von Hamas, verhaftete.
Um diese neue
Bedrohung zu bekämpfen, erreichte Israel mit der PLO in Oslo ein Abkommen.
Hamas kommt an die Macht
Jetzt ist die Hamas – Ironie aller Ironien – dabei, in die PLO einzutreten und an einer palästinensischen
Einheitsregierung teilzunehmen.
Die Hamas sollte uns wirklich eine Botschaft mit Schukran – Arabisch
für „Danke“ – schicken.
Die Schiiten empfingen Israel als BefreierUnser Anteil am Aufstieg der Hisbollah
war weniger direkt, aber nicht weniger effektiv.
Als der damalige israelische Verteidigungsminister Ariel
Sharon (83) im Jahr 1982 den Libanon überfiel, mußten seine Soldaten die hauptsächlich schiitischen
Gebiete des Südlibanon durchqueren.
Die israelischen Soldaten wurden wie Befreier empfangen – Befreier
von der PLO, die dieses Gebiet in einen Staat innerhalb eines Staates verwandelt hatte.
Während ich
den Soldaten in meinem privaten Wagen folgte, um die Front zu erreichen, mußte ich ein Dutzend schiitischer
Dörfer durchqueren.
In jedem wurde ich von Dorfbewohnern angehalten.
Sie bestanden darauf, daß ich
in ihrem Haus eine Tasse Kaffee trinke.
Die schiitische Freude kühlt sich abWeder Sharon noch sonst
jemand schenkte den Schiiten viel Aufmerksamkeit.
In dem Bund autonomer ethnisch-religiöser Gemeinschaften,
wie der Libanon genannt wird, waren die Schiiten die am meisten unterdrückte und machtloseste Minderheit.
Doch die Israelis verzögerten ihren Weggang.
Die Schiiten brauchten nur ein paar Wochen, bis ihnen
klar wurde, daß die Israelis nicht die Absicht hatten, schnell wieder zu gehen.
Deshalb rebellierten
sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte.
Israel ermuntert die HisbollahDie wichtigste politische Gruppe,
‘Amal’ – „Hoffnung“, begann mit kleinen bewaffneten Aktionen.
Als die Israelis den Wink nicht verstanden,
wurden die Operationen häufiger und zu einem richtiggehenden Guerillakrieg.
Um ‘Amal’ zu überlisten,
ermutigte Israel einen kleinen, doch radikaleren Rivalen, die Partei Gottes, die Hisbollah.
Die mächtigste
Kraft im StaatWenn Israel damals den Libanon verlassen hätte – wie meine Tageszeitung ‘Haolam Hazeh’
forderte – wäre nicht viel Schaden angerichtet worden.
Aber Israel blieb volle 18 Jahre.
Diese lange
Zeit verwandelte die Hisbollah in eine wirksame Kampfmaschine. Sie erhielt überall die Bewunderung der
arabischen Massen und übernahm die Führung der schiitischen Gemeinschaft.
Schließlich wurde die Hibollah
zur mächtigsten Kraft in der libanesischen Politik.
Auch sie schuldet uns ein großes Schukran.
Leidenschaftliche
Pan-IslamistenDer Fall der Muslimbruderschaft in Ägypten ist noch komplexer.
Die Organisation wurde
1928 gegründet – zwanzig Jahre vor dem Staat Israel.
Ihre Mitglieder kämpften freiwillig 1948 gegen
Israel.
Sie waren leidenschaftliche Pan-Islamisten. Der palästinensische Kampf ging ihnen nahe.
Die
Popularität wächstAls der israelisch-palästinensische Konflikt sich verschärfte, wuchs die Popularität
der Bruderschaft.
Nach dem Krieg von 1967, in dem Ägypten den Sinai verlor, und nach dem separaten Friedensabkommen
sogar noch mehr, heizte die Bruderschaft den tiefsitzenden Groll der ägyptischen und arabischen Massen
an.
Sie hatte keinen Anteil an dem Mord an Anwar al-Sadat († 1981).
Aber sie freute sich darüber.
Die getäuschten ÄgypterHinter der Opposition gegen das Friedensabkommen mit Israel steckte nicht nur
eine islamische, sondern auch eine echt ägyptische Reaktion.
Die meisten Ägypter fühlten sich von
Israel getäuscht und betrogen.
Das Camp-David-Abkommen hat eine bedeutende palästinensische Komponente,
ohne die das Abkommen für Ägypten unmöglich gewesen wäre.
Sadat – ein Visionär – schaute auf das
große Bild und glaubte, daß das Abkommen schnell zu einem palästinensischen Staat führen würde.
Der israelische Ministerpräsident Menachem Begin († 1992) – ein Jurist – sah sich das Kleingedruckte
an.
Generationen von Juden sind mit dem Talmud aufgewachsen, der hauptsächlich eine Abfassung von rechtlichen
Vorfällen ist. Ihr Geist ist durch juristische Argumente geschult.
Nicht umsonst sind eine Reihe jüdischer
Juristen in aller Welt berühmt.
Tatsächlich erwähnte das Abkommen keinen palästinensischen Staat,
nur eine Autonomie – in einer Weise formuliert, die Israel erlaubte, die Besatzung fortzuführen.
Das
war nicht das, was man den Ägyptern gesagt hatte, zu glauben, und ihr Groll war eindeutig.
Der Lakai
IsraelsDie Ägypter sind davon überzeugt, daß ihr Land der Anführer der arabischen Welt ist und deshalb
eine besondere Verantwortung für alle arabischen Länder trägt.
Sie können es nicht aushalten, als
Verräter der armen, hilflosen palästinensischen Cousins angesehen zu werden.
Lang bevor Hosni Mubarak
gestürzt wurde, war er als Lakai Israels verachtet, der von den USA bezahlt wurde.
Für die Ägypter
war seine widerwärtige Rolle bei der israelischen Blockade von anderthalb Millionen Palästinensern im
Gazastreifen besonders schändlich.
Die Bruderschaft war immer beim VolkSeit Beginn der Bruderschaft
in den 20er Jahren wurden Mitglieder und Aktivisten gehenkt, in Gefängnisse gesteckt, gefoltert und auf
andere Weise verfolgt.
Ihre Anti-Regime-Referenzen sind untadelig.
Ihre Haltung gegenüber den Palästinensern
hat zu diesem Image beigetragen.
Hätte Israel mit dem palästinensischen Volk irgendwann Frieden geschlossen,
hätte die Bruderschaft eine Menge ihres Ruhmes verloren.
Sie tauchen jetzt bei den gegenwärtigen demokratischen
Wahlen als die zentrale Kraft in Ägypten auf.
Schukran, Israel!
Schon damals: Westliche Marionetten-Regime
Vergessen wir nicht die islamische Republik Iran.
Auch sie hat uns einiges zu verdanken – sogar eine
ganze Menge.
Im Jahr 1951 – bei den ersten demokratischen Wahlen in einem islamischen Land der Region –
wurde Mohammad Mosaddegh († 1967) zum Ministerpräsidenten gewählt.
Schah Muhammad Reza Pahlevi († 1980),
der von den Briten während des Zweiten Weltkrieges eingesetzt worden war, wurde hinausgeschmissen.
Mossadek
verstaatlichte die lebenswichtige Ölindustrie.
Bis dahin hatten die Britten dem iranischen Volk für
eine lächerliche Summe das schwarze Gold abgekauft.
Zwei Jahre später brachten der britische Geheimdienst
MI6 und der US-amerikanische CIA den Schah mittels eines Staatsstreichs wieder zurück.
Das Öl wurde
den verhaßten Briten und ihren Partnern zurückgegeben.
Israel trainiert die FoltererIsrael hatte
wahrscheinlich nicht an dem Streich teilgenommen.
Aber unter dem wiederhergestellten Schah-Regime blühte
Israel auf.
Die Israelis machten ihr Glück durch den Verkauf von Waffen an die iranische Armee.
Schin
Bet-Agenten trainierten die gefürchtete Geheimpolizei des Schah, die Savak.
Man ist auch weithin davon
überzeugt, daß sie Foltertechniken weitergaben.
Der Schah half eine Pipeline zu bauen, die iranisches
Öl von Eilat nach Ashkalon brachte – und bezahlte sie.
Israels Generäle reisten durch den Iran ins
irakische Kurdistan, wo sie der Rebellion gegen Bagdad halfen.
Der große und der kleine SatanIn der
Zeit arbeitete Israels Führung mit dem südafrikanischen Apartheidsystem an der Entwicklung nuklearer
Waffen zusammen.
Die beiden boten dem Schah an, bei diesen Bemühungen Partner zu sein, damit auch der
Iran eine Nuklearmacht würde.
Bevor diese Partnerschaft wirksam wurde, wurde der verachtete Herrscher
von der islamischen Revolution im Februar 1979 gestürzt.
Seit damals hat der Haß gegen den großen
Satan – die USA – und den kleinen Satan – Israel – eine große Rolle in der Propaganda der islamischen
Regime gespielt.
Er half, die Loyalität der Massen zu halten. Jetzt nützt ihn Mahmoud Ahmadinejad,
um seine Herrschaft zu untermauern.
Die Atombomben-GeschichteEs scheint, daß alle iranischen Parteien –
die Opposition eingeschlossen – die iranischen Anstrengungen, eine eigene Atombombe zu erlangen, unterstützen.
Es geht dabei darum, Israel von einem Angriff abzuschrecken.
In dieser Woche verkündete der Chef des
Mossad, daß eine iranische Nuklearbombe keine „existentielle Gefahr“ für Israel darstellen würde.
Wo würde die islamische Republik ohne Israel sein?
Also schuldet sie uns auch ein großes Schukran.
Der politische FundamentalismusDoch seien wir nicht zu größenwahnsinnig.
Israel hat eine Menge zum
islamischen Erwachen beigetragen.
Aber das ist wohl nicht die Hauptursache.
So seltsam es auch scheinen
mag, obskurer religiöser Fundamentalismus scheint den Zeitgeist auszudrücken.
Eine englische Historikerin –
ursprünglich eine Nonne – Karen Armstrong (67), hat ein interessantes Buch über die drei fundamentalistischen
Bewegungen – in der muslimischen Welt, in den USA und in Israel – geschrieben.
Es zeigt ein klares Muster.
All diese Bewegungen – die muslimische, die christliche [neoprotestantische] und die jüdische – haben
fast identisch und gleichzeitig dieselben Stadien durchgemacht.
„Teheran ist hier“Gegenwärtig ist
ganz Israel im Aufruhr, weil die mächtige orthodoxe Gemeinde die Frauen in vielen Teilen des Landes zwingt,
in den Bussen getrennt – nämlich hinten – zu sitzen – wie die Schwarzen in den guten alten Tagen von
Alabama, USA.
Die Frauen müssen auch auf getrennten Fußgängerwegen, also auf der andern Seite der
Straße gehen.
Religiösen Soldaten wird von ihren Rabbinern verboten, singenden Soldatinnen zuzuhören.
In orthodoxen Stadtteilen werden Frauen gezwungen, sich in Gewänder zu hüllen, die nur das Gesicht
und die Hände freilassen – selbst bei Temperaturen von 30 Grad Celsius und mehr.
Ein achtjähriges Mädchen
aus einer religiösen Familie wurde auf der Straße angespuckt, weil es nicht züchtig genug gekleidet
war.
Bei Gegendemonstrationen schwenkten säkulare Frauen Poster mit den Worten: „Teheran ist hier!“
Vielleicht wird eines Tages ein fundamentalistisches Israel unter der Schirmherrschaft eines fundamentalistischen
US-Präsidenten mit einer fundamentalistisch muslimischen Welt Frieden machen.
Es sei denn, wir tun noch
rechtzeitig etwas, um diesen Prozeß anzuhalten.
Uri Avnery (88) wurde in der nordrhein-westfälischen
Stadt Beckum als Helmut Ostermann geboren. Er ist ein israelischer Publizist und Friedensaktivist und
veröffentlicht auf seiner Webseite regelmäßig Stellungnahmen zum Konflikt im Nahen Osten.
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