13:52:45 | Montag, 4. Juli 2005
In Bochum soll eine große neogotische Kirche abgerissen werden. Klerus und Denkmalamt scheinen einander bei der Zerstörung des Gotteshauses in die Hände zu spielen. Dafür leistet die örtliche Stromgesellschaft ihren Beitrag, um die Kirche ins rechte Licht zu rücken.
(kreuz.net, Bochum) Warum gibt es für die Marienkirche in Bochum-Mitte keine sogenannte Feststellung
des Denkmalwertes? Warum wird das Gotteshaus nicht unter Schutz gestellt?
Die Stadt Bochum befindet sich
20 km westlich von Dortmund im Bundesland Nordrhein-Westfalen.
Für einen Denkmalpfleger aus einem anderen
deutschen Bundesland ist die Antwort offensichtlich:
Der Grund ist eine fachlich fehlerhafte Anwendung
beziehungsweise Nichtanwendung des Denkmalschutzgesetzes durch die zuständigen Behörden.
In Bochum
gebraucht man in Sachen St. Marien schon ganz offen ein anderes Wort: Korruption.
Wer kann erklären,
warum St. Marien nicht auf der Denkmalliste steht? Die Kirche ist das viertälteste, vollkommen erhaltene,
intakte und stadtprägendste Gebäude des Citybereichs.
Doch beim geplanten Abriß des Gotteshauses ziehen
verschiedene verstrickte Gremien am selbstgemachten Strick.
Das Zugpferd bei der beabsichtigten Zerstörung
der Kirche ist der katholische Klerus. Unermüdlich arbeitet Propst Hermann-Josef Bittern mit Rückendeckung
des Bischofs von Essen, Mons. Felix Genn, an der Vernichtung von St. Marien.
Es ist kein Geheimnis, daß
der Boden, auf dem die Kirche steht, ein höchst attraktives „Filetgrundstück“ inmitten der City ist.
Jetzt schauen alle Augen auf Frau Oberbürgermeister Dr. Ottilie Scholz (56). Sie kann die Marienkirche
retten, wenn sie will.
Denn um auf die Liste der Denkmäler der Stadt Bochum gesetzt zu werden, braucht
es nicht viel.
Das beweist die vollkommen unbedeutende St. Josef-Kirche im Ortsteil Wattenscheid aus
den Jahren 1959-1961.
Vor 14 Tagen wurde das Gotteshaus auf Antrag der unteren Denkmalbehörde der Stadt
Bochum unter Denkmalschutz gestellt. Die Kirche ähnelt einer phantasielosen Fabrikhalle und hat im Laufe
der Zeit verschiedene Veränderungen erfahren.
St. Josef ist außerdem vollkommen unsichtbar in ein Siedlungsgebiet
eingefügt.
Der Denkmalschutz erklärt, daß ein „öffentliches Interesse“ an der Erhaltung und sinnvollen
Nutzung von St. Josef besteht, „da dieses Objekt bedeutend für die Stadt Bochum ist und für seine Erhaltung
und Nutzung wissenschaftliche, baugeschichtliche und städtebauliche Gründe vorliegen.“
Die Unterschutzstellung
erfolgte im Einvernehmen mit dem Landschaftsverband Westfalen Lippe.
Der Landschaftsverband ist die obere
Denkmalbehörde in Münster unter Leitung von Prof. Dr. Eberhard Grunsky – der gleiche Dr. Grunsky, der
es weiterhin ablehnt, die Marienkirche als schützenswert zu bezeichnen.
Doch was für die Josefskirche
recht ist, sollte für die Marienkirche billig sein.
Die St. Marienkirche ist sehr zentral gelegen. Ihr
70m hoher Turm ist von allen Einfahrtsachsen der Stadt sichtbar.
Ein Rätsel.
Den Schaden, den diese
Vorgehensweise im Fall der Marienkirche der katholischen Kirche einzubringen droht, scheinen die Funktionäre
der kirchlichen Führungsebene nicht zu sehen.
Derzeit interessiert das Grundstück offensichtlich mehr
als das Gotteshaus. Doch auch das hat seinen Haken.
Denn nach wie vor ist die Stiftungsurkunde von St.
Marien unauffindbar. Somit sind die Eigentumsverhältnisse rechtlich nicht geklärt. Damit ist die Frage
offen, wem das Grundstück zufällt, sollte die Kirche abgerissen werden.
Erst kürzlich schrieb ein
Diplom-Theologe in einer lokalen Tageszeitung:
„Die Hirten im Bistum Essen sind nicht mehr bereit, die
ihnen anvertraute, mittlerweile kurzgeschorene und leergemolkene Herde zu weiden.“
Dafür bekommen die
Katholiken Unterstützung vom Stromwerk der Stadt Bochum.
Am nächsten Wochenende findet in der Stadt
ein großes Musikfestival statt.
Dabei wird die „bedürftige Marienkirche“ – wie sich die Stadtwerke
Bochum ausdrücken – drei Tage lang ab 23.00 Uhr durch
eine Lasershow ins rechte Licht gesetzt.
Die Bürger
von Bochum kämpfen mit den Stadtwerken Bochum weiterhin um den Erhalt dieses bedeutenden Sakralbaus,
das den Bochumern ein Stück Heimat ist.
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