14:01:00 | Samstag, 28. Januar 2012
Es besteht sogar die Gefahr, daß die Hamas einen von Israel gewünschten Krieg gegen den Gaza-Streifen vereitelt. Von Uri Avnery.

© SonOfJordan, Flickr, CC (kreuz.net) Seit einigen Wochen hat unser fast neuer Generalstabschef Benny Gantz bei fast jeder möglichen
Gelegenheit verkündet, ein neuer Krieg gegen den Gazastreifen sei unvermeidbar.
Mehrere Kommandeure
der Truppen rund um den Gazastreifen haben diese schlimme Voraussage wiederholt wie auch ihre Anhänger,
die sogenannten Militärkommentatoren.
„Härter und schmerzlicher“Einer von diesen tröstet uns. Es
stimmt, Hamas kann jetzt mit ihren Raketen auch Tel Aviv erreichen.
Aber das wird nicht so schrecklich
sein, weil es ein kurzer Krieg sein wird. Nur drei oder vier Tage.
Wie einer der Generäle sagte, wird
er nur „härter und schmerzlicher“ – für die Araber – werden, als die
„Operation Geschmolzenes Blei I“
in den Jahren 2008 und 2009.
So wird er keine drei Wochen dauern wie diese. Wir werden alle in unsern
Luftschutzkellern bleiben – auf jeden Fall jene von uns, die einen haben.
Auf jeden Fall nur ein paar
Tage.
Massendemonstrationen statt GewaltWarum ist der Krieg unvermeidlich?
Wegen des Terrorismus –
eine dumme Frage.
Hamas ist doch eine terroristische Organisation – nicht wahr?
Aber jetzt kommt der
oberste Hamas-Führer Khaled Mash’al (55) und erklärt, die Hamas habe jede gewalttätige Aktion aufgegeben.
Ab jetzt will man sich auf gewaltlose Massendemonstrationen konzentrieren, im Geist des arabischen Frühlings.
Der Vorwand fehlt – oder ist gar nicht nötigWenn die Hamas dem Terrorismus abschwört, gibt es für
einen Angriff auf den Gazastreifen keinen Vorwand.
Aber ist denn ein Vorwand nötig?
Unsere Armee wird
sich doch von dergleichen wie Mash’al nicht einen Strich durch die Rechnung machen lassen.
Kein Zynismus
Wenn die Armee einen Krieg wünscht, wird sie einen Krieg haben.
Dies wurde 1982 bewiesen, als Ariel
Sharon den Libanon angriff, trotz der Tatsache, daß die libanesische Grenze seit elf Monaten absolut
ruhig war.
Nach dem Krieg wurde der Mythos geboren, ihm wären täglich Schießereien voraus gegangen.
Heute kann sich fast jeder Israeli an die Schießerei „erinnern“ – ein erstaunliches Beispiel für die
Macht der Vorstellung.
Warum will der Stabschef angreifen? Ein Zyniker könnte sagen, daß jeder neue
Stabschef einen Krieg benötigt, den er als den seinigen ausgeben kann.
Aber das ist doch kein Zynismus?
Das bekannte RitualAlle paar Tage wird eine einzelne Rakete aus dem Gazastreifen nach Israel abgeschossen.
Sie trifft selten mehr als ein leeres Feld. Seit Monaten ist niemand verletzt worden.
Die übliche Reihenfolge
ist die folgende: Unsere Luftwaffe führt eine „gezielte Tötung“ von palästinensischen Militanten im
Gazastreifen durch.
Die Armee behauptet unweigerlich, daß diese speziellen „Terroristen“ beabsichtigt
hätten, Israelis anzugreifen.
Woher kennt die Armee ihre Absichten? Nun, unsere Armee ist ein Meister
im Gedankenlesen.
Nachdem die Personen getötet worden sind, sieht ihre Organisation es als ihre Pflicht
an, ihr Blut zu rächen, indem sie eine Rakete abfeuert oder eine Granate abschießt oder sogar zwei oder
drei.
Dies „kann von der Armee nicht toleriert werden“ – und so geht es weiter.
Es ist höchste Zeit,
den Frieden zu verhindernNach jeder solchen Episode beginnt wieder das Gerede von einem Krieg.
US-Politiker
sagen in ihren Reden auf jüdischen AIPAC-Konferenzen: „Kein Land kann es tolerieren, daß seine Bürger
Raketen ausgesetzt sind.“
Aber die Gründe für „Geschmolzenes Blei“ II sind natürlich viel ernster.
Hamas wird jetzt von der internationalen Gemeinschaft akzeptiert.
Ihr Ministerpräsident Isma’il Haniyeh
(49) reist jetzt durch die arabische Welt, nachdem er vier Jahre lang im Gazastreifen eingesperrt war –
eine Art Streifenarrest.
Nun kann er nach Ägypten, weil die muslimische Bruderschaft, die Mutterorganisation
der Hamas, dort ein Hauptakteur geworden ist.
Noch schlimmer: Die Hamas ist dabei, sich der PLO anzuschließen
und an der palästinensischen Regierung teilzunehmen.
Es ist höchste Zeit, daß etwas getan wird.
Zum
Beispiel den Gazastreifen angreifen und so die Hamas zwingen, wieder ein Extremist zu werden.
Israel
braucht einen Befreiungsschlag aus der FriedenspolitikMash’al – damit nicht zufrieden, uns einen Krieg
zu stehlen – ist dabei, eine Reihe unheilvollere Aktionen auszuführen.
Indem er sich der PLO angeschlossen
hat, verpflichtet sich die Hamas, die Oslo-Abkommen und alle anderen Abmachungen zwischen Israel und der
PLO anzuerkennen.
Er hat angekündigt, Hamas akzeptiere einen Palästinastaat innerhalb der 1967er-Grenzen.
Er hat wissen lassen, daß die Hamas in diesem Jahr nicht für die palästinensische Präsidentschaft
kämpfen werde, so daß der Fatah-Kandidat – wer immer es auch sein mag – ohne Widerspruch gewählt werden
und in der Lage sein könne, mit Israel zu verhandeln.
All dies wird die gegenwärtige israelische Regierung
in eine schwierige Position bringen.
Er überlebte einen israelischen MordanschlagMash’al hat einige
Erfahrungen, Israel Probleme zu verursachen.
Im Jahr 1997 entschied die erste Netanjahu-Regierung, ihn
in Amman loszuwerden.
Ein Team von Mossad-Agenten wurde gesandt, um ihn auf der Straße zu ermorden,
indem man in sein Ohr ein unbekanntes Gift spritzte.
Doch statt sich dezent zu verhalten und schnell
durch eine mysteriöse Ursache zu sterben, wie Yasser Arafat, ließ er seinen Leibwächter hinter den
Angreifern herjagen und sie fangen.
König Hussein, Israels langjähriger Freund und Verbündeter, wurde
fuchsteufelswild.
Er ließ Netanjahu wählen: entweder werden die Agenten in Jordanien verurteilt und
möglicherweise gehängt, oder der Mossad sendet sofort das geheime Gegengift, um Mash’al zu retten.
Netanjahu kapitulierte. Und nun haben wir Mash’al sehr lebendig hier.
Verheerende GewaltfreiheitDieses
Mißgeschick hatte noch ein seltsames Resultat: Der König verlangte, daß der Hamas-Gründer und -Führer,
der gelähmte Sheich Ahmad Yassin († 2004), aus dem israelischen Gefängnis entlassen werde.
Netanjahu
verpflichtete sich: Yassin wurde entlassen und sieben Jahre später von Israel ermordet.
Als sein Nachfolger
Abd al-Aziz Rantisi († 2004) bald danach auch ermordet wurde, war der Weg für Mash’al frei, der Führer
der Hamas zu werden.
Anstatt uns seine Dankbarkeit zu zeigen, konfrontiert er uns mit einer verheerenden
Herausforderung: gewaltfreie Aktionen, indirekte Friedensannäherungen, die Zwei-Staaten-Lösung.
Er
wird ihn nicht bekommenEine Frage: Warum sehnt sich unser Stabschef nach einem kleinen Krieg im Gazastreifen,
wenn er den Krieg, den er wünscht, im Iran haben könnte?
Nicht nur eine kleine Operation, sondern einen
großen Krieg, einen sehr, sehr großen Krieg?
Nun, er weiß, daß er ihn nicht haben kann.
Kein Hintertürchen
Vor einiger Zeit tat ich etwas, das nicht einmal ein erfahrener Kommentator macht.
Ich versprach, daß
es keinen israelischen Angriff auf den Iran geben werde (und eigentlich auch keinen amerikanischen).
Ein erfahrener Journalist oder Politiker gibt nie solch ein Versprechen, ohne für sich ein Hintertürchen
offen zu halten.
Er setzt noch ein unauffälliges „wenn nicht“ dazwischen. Wenn seine Voraussage schief
geht, dann weist er auf dieses Hintertürchen.
Ich habe einige Erfahrungen – etwa sechzig Jahre lang –
aber ich ließ mir kein Hintertürchen offen.
Ich sagte „keinen Krieg“, und jetzt sagt General Gantz
dasselbe mit anderen Worten. Kein Teheran, nur das arme kleine Gaza.
Das Wort ist: HormuzWarum? Wegen
eines einzigen Wortes: Hormuz.
Nicht wegen des alten persischen Gottes Hormuzd, sondern wegen der Meeresenge,
die der Ein- und Ausgang des Persischen Golfes ist, durch den 20 Prozent des Ölbedarfs der Welt (und
35 Prozent des über das Meer beförderten Öls) transportiert werden.
Meine Behauptung war, daß kein
vernünftiger (oder fast verrückter) Führer die Sperrung der Meeresenge veranlassen würde, weil die
wirtschaftlichen Konsequenzen katastrophal, ja sogar apokalyptisch sein würden.
Mit Gewalt?Es scheint,
daß die Führer des Iran sich nicht sicher waren, ob alle Verantwortlichen der Welt diese Kolumne lesen,
also machten sie den Fall selbst klar.
In der vergangenen Woche führten sie ein auffälliges Militärmanöver
rund um die Meerenge von Hormuz durch, begleitet von der eindeutigen Drohgebärde, sie zu schließen.
Die US antwortete mit prahlerischen Gegendrohgebärden.
Die unbesiegbare US-Flotte war bereit – wenn
nötig – die Meeresenge mit Gewalt zu öffnen.
Billige Land-See-Raketen reichenWie bitte? Der mächtigste
viele Milliarden kostende Flugzeugträger kann leicht durch eine Batterie von billigen Land-See-Raketen
versenkt werden, aber auch von kleinen Raketenbooten.
Nehmen wir an, der Iran beginnt, seine Drohungen
wahr zu machen.
Die ganze Macht der US-Luft- und Seeflotte würde reagieren.
Iranische Schiffe würden
versenkt, Raketen- und andere Militäreinrichtungen würden bombardiert.
Aber weitere iranische Raketen
würden abgeschossen und würden die Meerenge unpassierbar machen.
Heftiger WiderstandWas käme als
Nächstes? Es wird keine Alternative geben, als das Heer einzusetzen.
Die US-Armee wird an Land gehen
und das ganze Gebiet besetzen müssen, von dem Raketen wirksam abgeschossen werden können.
Das würde
eine große Operation sein.
Mit heftigem iranischem Widerstand muß gerechnet werden, wenn man von den
Erfahrungen des acht Jahre dauernden Irak-Iran-Krieges her urteilt.
Die Ölquellen im benachbarten Saudi-Arabien
und der anderen Golfstaaten würden auch betroffen sein.
Die letzte WaffeSolch ein Krieg geht weit
über die Dimensionen hinaus, welche die US-Invasion von Afghanistan oder dem Irak, vielleicht sogar von
Vietnam ausmachte.
Sind die bankrotten USA dazu in der Lage? Wirtschaftlich, politisch und was die Moral
betrifft?
Die Schließung der Meerenge ist die letzte Waffe.
Ich glaube nicht, daß die Iraner sie gegen
die Auferlegung von Sanktionen anwenden werden, so schwerwiegend sie auch sein mögen, wie sie gedroht
haben.
Nur ein militärischer Angriff würde solch eine Antwort rechtfertigen.
Die dümmste IdeeWenn
Israel alleine angreift – „die dümmste Idee, die ich je hörte“, wie unser früherer Mossad-Chef es ausdrückte –
wird das keinen Unterschied machen.
Der Iran wird dies als eine US-Aktion ansehen und die Meerenge schließen.
Deshalb hat die Obama-Regierung ein Machtwort gesprochen und Benjamin Netanyahu und Ehud Barak eine eindeutige
Order ausgehändigt, von einer Militäraktion abzusehen.
An dem Punkt stehen wir jetzt. Kein Krieg im
Iran.
Nur die Aussicht auf einen Krieg im Gazastreifen.
Und nun kommt dieser üble Mash’al daher und
versucht, die Chancen für diesen auch noch zu verderben.
Uri Avnery (88) wurde in der nordrhein-westfälischen
Stadt Beckum als Helmut Ostermann geboren. Er ist ein israelischer Publizist und Friedensaktivist und
veröffentlicht auf seiner Webseite regelmäßig Stellungnahmen zum Konflikt im Nahen Osten.
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