18:29:33 | Mittwoch, 13. Juli 2005
Beim Blick auf die zahlreichen, gegen das Christentum vorgebrachten Argumenten stelle ich fest, daß keines davon wahr ist. Von Gilbert K. Chesterton.
(kreuz.net) Ich entdecke vielmehr, daß alle angeführten ‘Fakten’ genau das Gegenteil beweisen. Nehmen
wir ein paar Beispiele.
Mancher Moderne hat sich vom Christentum abgewandt, weil drei konvergierende
Argumente ihn dazu drängten:
Erstens, daß die Menschen nach ihrer Gestalt, ihrem inneren Aufbau und
ihrem Geschlechtsleben den Tieren ganz ähnlich sind und folglich eine der vielen Arten des Tierreich
darstellen.
Zweitens, daß die Religion in grauen Vorzeiten aus Angst und Unwissen entstand.
Drittens,
daß die Priester der menschlichen Gesellschaft mit ihrem schädlichen Einfluß nur Verbitterung und Trübsinn
gebracht haben.
Diese drei von den Gegnern des Christentums angeführten Argumente
sind sehr unterschiedlich. Aber sie sind stimmig und plausibel. Alle laufen außerdem auf dasselbe hinaus.
Der einzige Einwand gegen sie lautet: daß sie allesamt unwahr sind.
Wer aufhört, sich Bücher über
Tiere und Menschen anzuschauen, und statt dessen echte Tiere und wirkliche Menschen betrachtet, wird feststellen,
daß das Verblüffende nicht darin besteht, wie sehr der Mensch dem Tier ähnlich ist, sondern darin,
wie sehr er sich von ihm unterscheidet.
Erklärt werden muß, warum der Mensch so total anders ist. Daß
Menschen und Tiere sich ähnlich sind, ist eine Binsenwahrheit. Daß aber derart ähnliche Lebewesen einander
so ganz und gar unähnlich sind, schockiert und gibt Rätsel auf.
Daß ein Affe zum Beispiel Hände hat,
ist für einen Philosophen weit weniger interessant, als daß derselbe Affe mit seinen Händen so gut
wie nichts anzufangen weiß: weder Karten noch Violine spielt, weder Marmor noch Hammelfleisch behaut.
Elefanten errichten keine Elfenbeintempel im Rokoko-Stil. Kamele malen nicht – nicht einmal schlechte
Bilder, obwohl sie an sich das Material für viele Kamelhaarpinsel tragen.
Zweifellos besitzen sie eine
Art von Zivilisation. Aber so sehr das zutrifft, erinnert es zugleich daran, daß diese Zivilisation minderwertig
ist.
Wer hat je einen Ameisenhügel gesehen, der mit den Standbildern berühmter Ameisen geschmückt
war?
Wer hat je einen Bienenstock gesehen, in den die Bildnisse einstiger großer Bienenköniginnen eingemeißelt
waren?
Die Kluft zwischen dem Menschen und den anderen Geschöpfen mag auf natürliche Weise erklärbar
sein. Aber sie ist und bleibt eine Kluft. Wir sprechen von wilden Tieren. Aber das einzige wilde Tier
ist der Mensch.
Er ist nämlich ausgebrochen.
Alle übrigen Tiere sind folgsam. Sie gehorchen dem strengen
Verhaltenskodex ihres Stammes oder ihrer Art. Sie sind gebändigt.
Nur der Mensch ist unbändig, ob als
Liederling oder als Mönch.
Das erste, der angeführten drei Argumente für den Materialismus, ist also
genauso ein Beweis gegen ihn. Die Religion beginnt dort, wo die Biologie aufhört.
Das gleiche Bild zeigt
sich, wenn ich mir das zweite der drei zufällig herausgegriffenen rationalistischen Argumente ansehe:
daß alles, was wir Göttlich nennen, angeblich in einer Zeit der Finsternis und des Schreckens entstanden
ist.
Als ich ernsthaft prüfte, worauf diese Vorstellung gründet, stellte ich fest, daß sich dafür
keine historischen Fundamente finden lassen.
Über den vorgeschichtlichen Menschen weiß die Wissenschaft
nichts. Warum? Weil er prähistorisch ist.
Ein paar Professoren behaupten zwar, daß Dinge wie das Menschenopfer
ursprünglich erlaubt, sogar weit verbreitet gewesen und erst allmählich verschwunden seien. Aber einen
direkten Beweis dafür gibt es nicht.
Die wenigen indirekten Indizien zeigen in die Gegenrichtung.
In
den frühesten Erzählungen – etwa denen von Abraham und Isaak oder von Iphigenie auf Tauris – taucht
das Menschenopfer nicht als etwas Uraltes, sondern als etwas ganz Neues auf. Es ist eine befremdliche,
grauenhafte Ausnahme, welche die Götter aus unerklärlichen Gründen einfordern.
Die Geschichtsschreibung
besitzt also keine Anhaltspunkte. Auch die Mythen nicht. Glaubt man ihnen, dann muß es in der Frühzeit
freundschaftlicher zu und her gegangen sein.
Der Fortschritt läßt sich historisch nicht nachweisen.
Dagegen belegt die ganze Menschheitsgeschichte den Sündenfall.
Seltsamerweise wird ausgerechnet die
weite Verbreitung der Vorstellung des Sündenfalls als Argument gegen seine Glaubwürdigkeit verwendet.
Gebildete Männer erklären, daß diese vorgeschichtliche Katastrophe darum nicht wahr sein kann, weil
die ganze Menschheit sie im Gedächtnis aufbewahrt hat.
Solch paradoxen Argumenten kann ich nicht folgen.
Auch beim dritten Argument – daß die Priester angeblich nur Dunkel und Verbitterung über die Welt bringen –
sieht es nicht besser aus.
Ich blicke in die Welt und stelle fest, daß das auch nicht stimmt.
Gerade
in jenen europäischen Ländern, wo die Priester Einfluß besitzen, gibt es heute noch Gesang, Tanz, bunte
Kleider und Kunstwerke unter freiem Himmel.
Die katholische Lehre und Disziplin mögen eine Mauer sein.
Aber das ist eine Mauer um einen Spielplatz.
Das Christentum ist der einzige Rahmen, in dem sich die
Freuden des Heidentums erhalten haben.
Als der englisch Konvertit und Autor Gilbert K. Chesterton am
14. Juni 1936 starb, bekam er von Papst Pius XI. den Titel „Fidei Defensor“. Vor ihm wurde nur der englische
König Heinrich VIII († 1547) als „Fidei Defensor“ bezeichnet. Er erhielt den Titel und fiel anschließend
vom katholischen Glauben ab.
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